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Viren
Marburg-Virus: Eine Stadt gerät in Panik

Diese Aufnahme eines Elektronenmikroskops zeigt ein Ebola-Virus. Der Erreger gehört zur selben Familie wie das Marburg-Virus.
Diese Aufnahme eines Elektronenmikroskops zeigt ein Ebola-Virus. Der Erreger gehört zur selben Familie wie das Marburg-Virus. FOTO: picture alliance / dpa / Cynthia Goldsmith/Cdc Handout
Marburg. Vor 50 Jahren versetzte der Ausbruch einer geheimnisvollen Seuche die hessische Stadt in Angst und Schrecken. Von Martin Schäfer

Fünf Jahrzehnte ist es her, da herrschte in der hessischen Stadt Marburg praktisch der Ausnahmezustand. Überall verbreitete sich Panik nachdem binnen weniger Tage mehrere Mitarbeiter der Behringwerke, damals einer der großen pharmazeutischen Betriebe und Impfstoffproduzenten Deutschlands, an einer unheimlichen Krankheit gestorben waren. Es begann mit leichten Kopfschmerzen, dann folgten Durchfall und Grippesymptome, plötzlich sehr hohes Fieber und Lungenentzündung. Die Ärzte diagnostizierten im August 1967 ein sogenanntes hämorrhagisches Fieber, bei dem sich die Blutgefäße und das Gewebe auflösen. Der Erreger war unbekannt. Die Mediziner waren ratlos.


Hektisch wurden Sicherheitsmaßnahmen ergriffen. Die Patienten wurden isoliert. Von den in Marburg erkrankten 23 Menschen starben sieben. Die fieberhafte Suche nach dem Erreger dauerte bis zum Ende des Jahres. Schließlich stand ein sogenanntes Filovirus als Erreger fest. „Filum“ ist lateinisch und bedeutet „Faden“. Die Erreger hatten eine fadenförmige Struktur. Etwas unrühmlich für die Stadt an der Lahn erhielt das Virus schließlich den Namen „Marburg-Virus“. Es gehört in dieselbe Familie wie das Ebola-Virus, benannt nach einem Fluss im Kongo.

Die Beschäftigten der Behringwerke  hatten allesamt im Labor Kontakt mit Blut von Affen aus Uganda gehabt, die damals vom Pharmaunternehmen zur Produktion von Impfstoffen gegen Masern und Kinderlähmung genutzt wurden. Diese Erkenntnis erleichterte die Suche und half auch bei der Isolierung und Eindämmung der Seuche. „Um die Häuser der Erkrankten wurden weite Bögen gemacht“, erzählt der Marburger Virologe Werner Slenczka. Der 82-jährige Forscher trug damals maßgeblich zur Entdeckung des Marburg-Virus bei.



Die Universität Marburg besitzt noch heute eines von zwei Hochsicherheitslaboren der höchsten Sicherheitsstufe (S4) in Deutschland, zwei weitere sind in Bau. Dort lagert auch noch tiefgefroren das Marburg-Virus, neben Ebola und anderen hochpathogenen Organismen.

Neun Jahre nach dem Ausbruch des Marburg-Virus tauchte erstmals Ebola auf. Der jüngste Ausbruch dieser Krankheit im Jahr 2014 in Westafrika forderte 11 000 Tote. Ein weiterer Ausbruch erfolgte im April dieses Jahres im Norden des Kongo, wie der amerikanische Forscher Gary Kobinger von der kanadischen Gesundheitsbehörde berichtet. Dass der Ausbruch begrenzt werden konnte, sieht Kobinger als Fortschritt in den organisatorischen und medizinischen Notfallplänen.  Ein wichtiger Pluspunkt war auch, dass das auftretende hämorrhagische Fieber richtig gedeutet wurde. Allerdings könnte auch eine Rolle gespielt haben, dass der betroffene Ort extrem abgelegen und nur nach drei, vier Tagen Reisezeit erreichbar war.

Auch vom Marburg-Virus habe es immer wieder kleinere Ausbrüche in Zentralafrika gegeben, die bis zu einige hundert Menschenleben forderten. Für dieses Virus gilt mittlerweile der Nilflughund, eine Fledermausart, als natürlicher Wirt. Bei Ebola vermutet man auch Fledermäuse, doch Gary Kobinger erklärte jüngst bei einer Tagung in Marburg, auch Wildschweine könnten das Virus tragen. Über ein totes oder gejagtes Wildschwein oder Affen als Zwischenwirt gelangten die Viren dann bis zum Menschen. Marburg- und Ebola-Virus haben bis heute eine weitere Gemeinsamkeit: Es gibt keine Impfstoffe.

Der Weg von der Grundlagenforschung über klinische Studien bis zum sicheren Impfstoff ist lang. Nächstes Jahr will der amerikanische Pharmakonzern Merck in Burgwedel bei Hannover einen Ebola-Impfstoff herstellen. Die Substanz soll vorproduziert, gelagert und im Fall einer Epidemie eingesetzt werden. Allerdings gibt es ein Problem, das die Forscher, Gesundheitsstrategen und Politiker noch lösen müssen. Um einen Impfstoff zuzulassen, ist der Nachweis seiner Wirksamkeit erforderlich. Da die Seuche derzeit schlummert, kann dieses Mittel aber heute nicht getestet werden.