1. Leben

Unsere Autorin erinnert sich an ihren Besuch in Lützerath

Kolumne Grad-Wanderung : Ein Blick in die fossile Hölle

Es war der 23. April 2021, als ich frühmorgens  Fridays for Future zur Demo nach Lützerath begleitete und mittags in einen Abgrund starrte. Das braune Loch, das heute Tagebau Garzweiler II heißt, hatte einst viele Namen: Otzenrath war der erste Ort, der 2006 weichen musste.

Es folgten Dörfer wie Pesch, Borschemich, Spenrath und, als bisher letztes, Immerath mitsamt seinem Dom. Der stand fast 30 Jahre unter Denkmalschutz, doch genutzt hat es ihm nichts: 2020 wurde er abgerissen, um Platz zu schaffen für die klaffende Wunde, die RWE in die Erde geschlagen hat, um Braunkohle zu fördern.

Direkt in meinem Rücken, nur ein paar Schritte entfernt: eine andere Welt. Der letzte Gutshof von Lützerath, dessen ehemaliger Besitzer zum Verkauf gezwungen worden war, liegt hinter einigen Bäumen mit Hütten und Aussichtsplattformen in den Kronen. Zwischen Baumreihe und Hof ein Platz mit Zelten und weiteren grob gezimmerten Häuschen, viele davon bunt angemalt und mit Wimpeln behangen – Peter Lustig hätte seine Freude gehabt. „Nie im Leben kann dieser Ort geräumt werden“, dachte ich damals. Jedenfalls nicht für Kohle, die unser Klima noch mehr belastet, nicht für die Profite von RWE, nicht für diesen apokalyptischen Abgrund, der sich nur wenige Meter weiter auf fast 17 Quadratkilometern erstreckt – eine Fläche, größer als die Stadt Sulzbach. Der Tagebau Garzweiler I, für den insgesamt 13 Dörfer abgerissen wurden, ist noch einmal genauso groß.

Ob es nun doch so kommen wird? Die Welt jedenfalls blickt nach Deutschland und in die Abgründe, die sich hier auftun. Und vielleicht fühlt manch ein Beobachter ein ähnliches Entsetzen wie ich damals.