Beängstigende Worte aus der Vergangenheit Klaus Töpfer hatte in (fast) allem Recht

Analyse | Saarbrücken · Klaus Töpfer hat die (Klima-)Krisen unserer Zeit in einem Gastbeitrag für die SZ beängstigend präzise vorausgesagt. Nur ein paar Dinge konnte er nicht vorhersehen.

Klaus Töpfer schrieb vor 22 Jahren einen Gastbeitrag für die SZ, der viele Probleme benannte, die heute so dringend wie nie angegangen werden mussten. War er ein Visionär – oder hat er einfach nur den richtigen Leuten zugehört?

Klaus Töpfer schrieb vor 22 Jahren einen Gastbeitrag für die SZ, der viele Probleme benannte, die heute so dringend wie nie angegangen werden mussten. War er ein Visionär – oder hat er einfach nur den richtigen Leuten zugehört?

Foto: dpa/Laurent Gillieron

Die Worte, die Klaus Töpfer vor 22 Jahren niederschrieb, sind beängstigend in ihrer Aktualität. Man fragt sich unwillkürlich: Konnte der CDU-Politiker in die Zukunft sehen? Nein, das ganz sicher nicht. Er hat lediglich der Wissenschaft zugehört.

Bei seiner Geburt im Jahr 1938 war das Wissen um den Klimawandel eigentlich schon alt. Vor genau 200 Jahren entdeckte der französische Physiker Joseph Fourier den atmosphärischen Treibhausgaseffekt, 1856 die amerikanische Forscherin Eunice Foote den Zusammenhang zwischen CO2-Konzentration in der Atmosphäre und der globalen Temperatur. Wieder 40 Jahre später sagte der Schwede Svante Arrhenius den menschengemachten Klimawandel voraus, hielt das damals aber noch für eine positive Entwicklung. Warnungen vor irreversiblen Folgen unbekannten Ausmaßes kamen spätestens ab 1971 unter anderem von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft – etwa zur selben Zeit, als Fossilkonzerne wie Exxon, Shell oder BP eine in der Geschichte der Menschheit beispiellose Desinformationskampagne starteten, um Zweifel an der Klimawissenschaft zu streuen.

Erderhitzung schreitet weiter ungebremst voran

Viele Politiker gingen und gehen diesen Lügen auf den Leim. Klaus Töpfer nicht. Präzise fasste er in seinem Text den damaligen Wissensstand zusammen, richtete einen deutlichen Appell an die Industriestaaten, die Klimakrise endlich mit vereinter Kraft zu bekämpfen. Einiges hat sich seither bewegt, in der Summe aber viel zu wenig.

Die Klimawissenschaft hat natürlich schon gewaltige Fortschritte gemacht. Zehntausende neue Studien später ist das Ergebnis aber immer noch das Gleiche: Die Erderhitzung schreitet ungebremst voran, hat sich seit 2002 sogar beschleunigt und stellt eine akute Bedrohung für unsere Lebensgrundlagen dar. Das Artensterben, das Töpfer zumindest in diesem Text nicht erwähnt, hat sich schleichend, aber stetig zur zweiten großen globalen Krise entwickelt. Auf dem Weltgipfel in Johannesburg 2002, anlässlich dessen Töpfer den Gastbeitrag für die SZ schrieb, wurden Beschlüsse gefasst, um den Rückgang der Biodiversität zu stoppen. 2010 erklärte der damalige Chef des Umweltbundesamts, Jochen Flasbarth, auf einer anderen internationalen Konferenz: Die Weltgemeinschaft ist krachend gescheitert. Es fehlt am politischen Willen – und Geld.

Wo Klaus Töpfer mit seiner Prognose daneben lag

Dass Naturkatastrophen immer größere finanzielle Schäden verursachen werden, hat Töpfer korrekt prophezeit: Der Rückversicherer Munich Re beziffert diese Summe für das Jahr 2023 auf 250 Milliarden Dollar. Anderes konnte Töpfer dagegen nicht wissen. Brennstoffzellen haben sich auch 22 Jahre später nicht gegen den Verbrennungsmotor durchgesetzt, der dafür nötige Wasserstoff ist schlicht zu teuer und kostbar. Dafür wurde bei Batterien und Speichern ein Durchbruch nach dem anderen erzielt. Die Technik hat sich vor allem in den letzten Jahren in einer Geschwindigkeit revolutioniert, die selbst Branchenkenner im positiven Sinne sprachlos macht. Bei erneuerbaren Energien sieht es ähnlich aus: 56 Prozent des erzeugten Stroms in Deutschland stammte 2023 aus erneuerbaren Quellen, ein Plus von fast zehn Prozent gegenüber 2022.

Auch diese Entwicklung konnte Töpfer im Jahr 2002 nicht vorhersehen, hat sie aber mit Sicherheit begrüßt. Anders als viele Parteikollegen, die diesen Erfolg Robert Habecks seit Monaten schlechtreden, gar eine Rückkehr zur Atomkraft fordern, die Töpfer lange (und letztendlich erfolgreich) bekämpft hat. Bei einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung 2022 wandte er sich deutlich gegen den CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz: Angesichts dessen Haltung zur Klimapolitik „zweifle ich, ob ich noch Mitglied in der Partei sein darf“, gab er zu Protokoll. Das grüne Gewissen der CDU wird nicht nur wegen solcher Auftritte sehr fehlen. Es ist der vielleicht größte Verdienst Klaus Töpfers: Dank ihm kann wirklich kein Politiker später behaupten, er habe von nichts gewusst.