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Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst

Düstere Zukunftsvision : Die schöne neue Facebook-Welt

Der US-amerikanische Autor Jaron Lanier zeichnet in seinem Buch „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ ein düsteres Bild der sozialen Netzwerke und fordert deren Nutzer zum Ausstieg auf.

„Du fühlst schon lange, dass mit der Welt etwas nicht stimmt. Du weißt nicht was, aber es ist da.“ So beginnt eine der Schlüsselszenen des Science-Fiction-Klassikers „Matrix“ aus dem Jahr 1999, in welchem der Held erkennt, dass er in einer von Maschinen erschaffenen und kontrollierten digitalen Scheinwelt lebt, in der Computerprogramme sein Denken und Fühlen manipulieren.

Von dieser Dystopie ist die Realität im 21. Jahrhundert zum Glück meilenweit entfernt, doch die digitale Fata Morgana gibt es auch heute. Wer sein Bild von der Welt per Smartphone vor allem über soziale Netzwerke gewinnt, der sieht oft von Algorithmen verzerrte Ausschnitte der Wirklichkeit, Ansichten, die Organisationen und Unternehmen beeinflussen können, denen die Besitzer der Netzwerke Daten ihrer Mitglieder zur Verfügung gestellt haben. Und deshalb sei es jetzt an der Zeit, den Stecker zu ziehen, mahnt der US-amerikanische Digitalpionier Jaron Lanier.

Das Informatik-Multitalent, das um die Jahrtausendwende mit Anwendungen rund um die Virtuelle Realität bekannt geworden ist, setzt sich immer wieder kritisch mit Entwicklungen der digitalen Welt auseinander. In seinem jüngsten Buch teilt Lanier nun mit Wucht gegen die sozialen Netzwerke aus. Wer ein Smartphone benutze, der stehe wie eine Laborratte rund um die Uhr unter Beobachtung. „Was früher Werbung genannt wurde, muss heute als unaufhörliche Verhaltensmodifikation in gigantischem Umfang verstanden werden.“ Und die Daten, die das möglich machten, lieferten die Mitglieder der sozialen Netzwerke auch noch willig selbst.

„Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“, lautet der Buchtitel des Internet-Kritikers. Er ist eine arge Untertreibung. Lanier zählt hundertmal mehr Anlässe auf, soziale Netze zu verlassen oder von vornherein zu meiden. Wobei der Leser im Vorwort erfährt, dass das 200-Seiten-Werk entstand, bevor der Skandal um die Datenanalyse-Firma Cambridge Analytica das weltweit größte soziale Netzwerk Facebook in Bedrängnis brachte.

Laniers Kampfschrift ist keineswegs als Pauschalkritik am Internet gedacht. „Lies täglich drei verschiedene Nachrichtenseiten“, empfiehlt der Autor, „und du bist besser informiert als ein Social-Media-Nutzer.“ Sein Buch ist eine Abrechnung mit Hightech-Konzernen, die nach wissenschaftlichen Standards entwickelte Methoden nutzen, um zunächst massenhaft Menschen an die Suchtmaschine Smartphone zu fesseln – und deren Daten dann weiterzuverkaufen. Weil es dabei schlichtweg billiger sei, Menschen über negative Emotionen zu manipulieren, sei das die vorherrschende Masche in sozialen Netzen. „Negative Emotionen, wie Angst und Wut, lassen sich leichter herbeiführen und sie halten länger vor als positive.“ Webfehler, die noch aus den Anfangstagen des Internets stammten, vergrößerten die Probleme noch. So gebe es bisher keinen Mechanismus, um die digitale Identität einer einzelnen Person zu erfassen oder um Fake-Profile zu enttarnen.

Seine Kritik verdichtet Lanier auf ein einziges Wort. Die englische Vokabel „Bummer“ bedeutet übersetzt Enttäuschung, Mist oder Flop. Der Autor versteht sie als Abkürzung für „Behaviors of Users Modified and Made into an Empire for Rent“ – übersetzt: „Verhaltensweisen von Nutzern, die verändert und zu einem Imperium gemacht werden, das jedermann mieten kann.“ Mit diesem Apparat zur massenhaften Verhaltensmodifikation werde am Ende sehr viel Geld gemacht. Social Media untergrabe dabei die Wahrheit und töte das Mitgefühl, schreibt Jaron Lanier. Weil es in der Welt der sozialen Netzwerke immer nur darum gehe, Aufmerksamkeit zu erlangen, zerstörten soziale Netzwerke aber auch zwischenmenschliche Umgangsformen. „Wenn es nichts anderes zu erreichen gibt als Aufmerksamkeit, tendieren Menschen dazu, zu Arschlöchern zu werden, weil das größte Arschloch die meiste Aufmerksamkeit bekommt.“ Und weil ausgerechnet im Silicon Valley, dem Zentrum der US-Softwareindustrie, wo Lanier groß geworden ist, viele Eltern ihre Kinder vor diesen Nebenwirkungen der digitalen Welt schützen wollten, die sie selbst entwickelt haben, „besuchen viele der Kinder aus meinem Bekanntenkreis Waldorfschulen, an denen elektronische Geräte prinzipiell verboten sind.“

Jaron Lanier, „Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“, Verlag Hoffmann und Campe, ISBN:978-3-455-00491-5, 208 Seiten, 14 Euro.