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Youtube als Gitarrenlehrer

Saarbrücken. Anschauliche Videos, kostenlose Noten, Beispiele aus allen Musikrichtungen: Das Internet bietet ungezählte Möglichkeiten, um jenseits des Unterricht unter vier Augen ein Instrument spielen zu lernen. Jonas Wissner

Ein Instrument zu spielen, fordert das Gehirn, fördert die soziale Entwicklung und kann unbeschreiblich viel Freunde bereiten. Doch qualifizierter Instrumentalunterricht, etwa bei einer Musikschule, hat seinen Preis.

Eine Alternative zum Lernen unter fachkundiger Anleitung sind Instrumentalschulen in Buchform. Es gibt für unterschiedlichste Instrumente und Musikstile umfangreiche Literatur, um im Selbststudium voranzukommen, häufig auch mit Hörbeispielen auf CD. Solche Bücher können jedoch naturgemäß nur eine Auswahl an Übungen und Beispielliedern aufzeigen. Wo etablierte Vermittlungsformen wie der Unterricht bei einem Lehrer und Medien wie Bücher Grenzen haben, kann das Internet in mehrfacher Hinsicht punkten: Unzählige Anbieter sorgen dafür, dass jeder noch so individuelle Musikgeschmack bedient wird, viele Angebote sind kostenlos und jederzeit verfügbar. Die Bandbreite spiegelt dabei die Vielfalt möglicher Lernmethoden wider, wie sich am Beispiel der Gitarre zeigt.

Unterricht von Profis


Sich nahezu jede erdenkliche Musik kostenlos anzuhören, ist im Internet mit wenigen Klicks möglich. Allerdings können gerade Anfänger damit überfordert sein, ein Lied nur nach Gehör zu spielen. Auf Youtube gibt es daher eine Vielzahl von Videos, die veranschaulichen, wie neueste Metal-Hits oder altbekannte Lagerfeuer-Klassiker auf der Gitarre umgesetzt werden, bereitgestellt von mehr oder weniger professionellen Musikern. Teilweise gehen die Macher solcher Lehrvideos (Tutorials) schrittweise vor, spielen nachvollziehbar eine Sequenz nach der anderen. Auch für klassische Instrumente finden sich Tutorials, etwa Interpretationen am Klavier, die von oben die Hände des Pianisten und zugleich die jeweilige Stelle im Notenblatt zeigen.

Um ein Instrument zu lernen, muss man nicht unbedingt das Notensystem beherrschen. Als relativ einfache Notationsweise für Saiteninstrumente haben sich so genannte Tabulaturen, kurz Tabs, etabliert. Dabei werden die Saiten als Notenlinien dargestellt, Zahlen weisen darauf hin, an welcher Stelle die Saite gegriffen wird. Die entsprechenden Akkorde werden häufig direkt über den Liedtexten aufgeschrieben. Auf Online-Portalen wie beispielsweise ultimate-guitar.com können Interessierte Tabulaturen abrufen oder selbst hochladen und so den Fundus erweitern. Teilweise sind dort Programme eingebettet, die die Tabulaturen in Töne umsetzen, etwa auf songsterr.com.

Tabulaturen ermöglichen einen unkomplizierte Zugang zu Musik und haben so das Erlernen musikalischer Fähigkeiten gewissermaßen demokratisiert. Allerdings hat sich das Notensystem nicht zu Unrecht über Jahrhunderte entwickelt: Es kann auch Klangfarben, musikalische Dynamik und Rhythmen exakt abbilden, Tabs sind demgegenüber ungenauer.

Wer nicht nur ein Lied mitspielen, sondern grundlegende Kenntnisse am Instrument erlangen will, kommt an Fingerübungen, Tonleitern und theoretischem Wissen schwer vorbei. Auch in diesem Bereich gibt es viele Tutorials, oftmals in Lektionen aufgeteilt. Häufig nutzen Anbieter Youtube und vergleichbare Portale, um rasch auf sich aufmerksam zu machen. Mitunter sind nur die ersten Lektionen kostenlos, weitere Videos und Informationen aber nur für zahlende Nutzer zugänglich.

Eine Seite, die ein breites Angebot an kostenlosen Gitarren-Übungsvideos zu verschiedenen musiktheoretischen Themen sowie praktische Tipps und Anwendungen wie ein "Intervalltraining" bereithält, ist die Internetseite justinguitar.com, betrieben von dem Rockgitarristen Justin Sandercoe. Auch für renommierte Musiker ist es zum einträglichen Geschäft geworden, ihr Wissen online zu vermitteln. Mit strukturierten Lernangeboten dieser Art hat sich eine Branche entwickelt, die das Konzept des Instrumentalunterrichts auf das Internet zu übertragen versucht. Mittlerweile tummeln sich auch deutschsprachige Musikschulen im virtuellen Raum, sie versprechen individuelle Übungspläne, bieten teilweise Unterrichtsstunden via Internet-Telefonie an. Doch die gute alte Musikschule ist keineswegs von gestern.

Viele Online-Angebote geraten offenbar gerade dort an Grenzen, wo Rückmeldung gefragt ist: Wie eine bestimmte Tonfolge sich auf dem Instrument "anfühlen" sollte und was den einzelnen Musiker jeweils weiterbringt, das können professionelle Instrumentallehrer am besten beurteilen und vermitteln. Die Online-Konkurrenz bedeutet für Musikschulen keineswegs den Weltuntergang, aber sie stellt sie vor neue Herausforderungen.

ultimate-guitar.com

songsterr.com

justinguitar.com