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Wie auch andere Abhängige benötigen Computersüchtige Hilfe

Gefahr der Sucht : Computersucht kann jeden treffen

Wenn Computerspiele oder das Internet wichtiger werden als das wirkliche Leben, besteht womöglich eine Abhängigkeit.

(dpa) Zwei junge Männer sind süchtig nach Online-Rollenspielen und brechen deshalb unabhängig voneinander ihre Ausbildung ab. „Das Spiel hat immer mehr Raum eingenommen“, erzählt das Diakonische Werk Rhein-Lahn, an das sich die beiden Azubis wandten. Der ältere habe keine Miete mehr gezahlt oder sich um andere Dinge gekümmert. Dadurch habe er seine Wohnung verloren – ein Weckruf. „Das war der Anlass für ihn, die Beratung aufzusuchen.“ Der andere Azubi habe schon vor seinem Beratungsgespräch selbst versucht, stationäre Hilfe zu bekommen. In beiden Fällen habe die Beratungsstelle die Männer schließlich in eine Therapie vermittelt.

Die Schwierigkeit im Vergleich zu anderen Suchterkrankungen wie Alkoholismus ist dem Berater zufolge der Stellenwert von Medien. Ich kann zum Beispiel ein alkoholabstinentes Leben führen. Aber ich kann mich nicht dazu entscheiden, ein medienabstinentes Leben zu führen. Das ist in unserer Gesellschaft vollkommen illusorisch, erklärt die Diakonie. Daher müsse es bei einer Therapie unter anderem darum gehen, Medienkompetenz zu vermitteln.

Neben Betroffenen wenden sich auch immer wieder besorgte Eltern an die Beratungsstelle. Dann werde zunächst versucht herauszufinden, ob ihr Kind tatsächlich bedenklich viel Zeit mit dem Computer oder dem Smartphone verbringe. Wichtig sei, dass Kontakte im echten Leben noch vorhanden seien. Um den Medienkonsum zu kontrollieren, könne es bereits helfen, wenn Eltern mit ihren Kindern feste Nutzungsregeln vereinbarten. Diese müssten dann für beide Seiten gelten, damit Eltern mit gutem Beispiel vorangehen könnten.

Eine besonders gefährdete Personengruppe gibt es laut dem Arzt Klaus Wölfling nicht. „Es kann jeden treffen“, sagt der psychologische Leiter der Ambulanz für Spielsucht der Unimedizin Mainz. Jeder erlebe mal eine schwierige Phase wie eine Krise im Job oder eine unglückliche Partnerschaft. Daraus könne sich eine Sucht entwickeln. Eine vorherige psychische Störung müsse dafür nicht vorliegen.

Bei einer Computer- oder Internetsucht gibt es Wölfling zufolge einige Parallelen zu anderen Abhängigkeiten – etwa nach Alkohol oder Tabak. Betroffene zeigten ein bestimmtes Verhalten auf einen Reiz, der für andere Menschen neutral sein. Das könne beispielsweise ein bestimmtes Geräusch aus einem Spiel oder das Geräusch des Computerlüfters sein.

Ab wann ist häufiges Computerspielen bedenklich? Ein Anzeichen für eine mögliche Abhängigkeit sei vor allem der Kontrollverlust, sagt Wölfling. „Sie nehmen sich vor, weniger Zeit damit zu verbringen und schaffen es nicht.“ Die Betroffenen könnten beispielsweise ihre Freizeit gar nicht mehr ohne PC gestalten. „Das Umfeld merkt es eher durch Rückzug und Apathie.“

Eine stationäre Therapien gegen Computer- und Internetsucht wird unter anderem der Median Klinik Münchwies in Neunkirchen angeboten. Oberarzt Holger Feindel spricht bei der Frage nach der Entstehung einer solchen Abhängigkeit von einem fehlgeleiteten Versuch, mit Problemen umzugehen, und von einer „Flucht in die virtuelle Welt, wo alles schöner, besser ist“.

Bei der Therapie müsse daher unter anderem die eigentliche Ursache für die Abhängigkeit erkannt und aufgearbeitet werden. Daneben werde dem Patienten Medienkompetenz vermittelt, damit er das, was für ihn schädlich sei, nicht mehr nutze. Eine dritte Methode seien alternative Hobbys. „Da wird unglaublich viel Zeit frei.“ Ganz ohne PC nach einer Suchttherapie leben, muss ein Patient laut Feindel übrigens nicht. „Es gibt zum Beispiel nicht die Regel, dass wir ihm jegliches Computerspielen verbieten würden.“

In der Münchwies-Klinik in Neunkirchen machen laut Feindel im Schnitt etwa 100 Menschen eine Therapie wegen einer Computer- oder Internetsucht. In der Ambulanz in Mainz werden Wölfling zufolge durchschnittlich 50 bis 70 Patienten pro Jahr ambulant behandelt.

(dpa)