Wer von Facebook und Co. nicht mehr lassen kann, ist womöglich abhängig

Kostenpflichtiger Inhalt: Facebook, Twitter, Instagram und Co. : Wenn soziale Medien süchtig machen

Facebook, Twitter, Instagram und Co. sind bei manchem in Dauernutzung. Das kann in die Abhängigkeit führen.

Nachdem morgens der Wecker geklingelt hat, greifen viele zuerst zum Smartphone. Sie schauen, welche Nachrichten sie bekommen haben und was die Freunde auf Twitter, Instagram oder Facebook so treiben. Vor allem junge Leute kommen davon kaum los. Laut einer Erhebung der Krankenkasse DAK und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen verbrachten Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren im Jahr 2017 durchschnittlich knapp drei Stunden täglich mit sozialen Medien.

Süchtig machen kann laut der Umfrage vor allem das Durchsehen der sogenannten Timeline. Damit ist in den sozialen Medien die Liste aller Beiträge von Freunden und anderer Nutzer gemeint, deren Aktivitäten man im Blick behalten will. Laut der DAK-Studie nutzen 2,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen die sozialen Medien so exzessiv, dass sie als abhängig gelten können.

An sich seien Instagram, Snapchat und Co. nichts Schlechtes, sagt Rainer Thomasius, Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Soziale Medien bedeuten auch eine Chance.“ In der Pubertät gehe es zum Beispiel darum, sich von der Familie zu emanzipieren und Rollen auszuprobieren. Dabei könnten soziale Medien helfen, erklärt Thomasius.

Doch es gibt auch Kehrseiten. „Das Hauptproblem an sozialen Medien ist, dass sie so viele Dinge zur Verfügung stellen, die uns ansprechen“, sagt Tobias Dienlin, Medienpsychologe an der Universität Hohenheim. Man sehe in schönen Bildern und gefällig geschrieben Kurztexten, was das soziale Umfeld treibe. Wer Beiträge veröffentliche, bekomme Bestätigung. Wenn anderen Nutzern ein Beitrag in den sozialen Medien gefalle, sei das wie ein Kompliment. „Wir Menschen freuen uns über Komplimente“, erläutert Dienlin.

Zudem seien die Seiten von Facebook und Co. so gestaltet, dass Nutzer so lange wie möglich darauf bleiben wollen. Das könne dazu führen, dass sie immer weiterlesen wollen und nicht aufhören können, befindet der Medienpsychologe. Ob Menschen dieses Verhalten im Griff haben oder Gefahr laufen, die Kontrolle über die Nutzung zu verlieren, hänge stark von der eigenen Persönlichkeit ab.

Besonders anfällig seien Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl. Wer sich im realen Leben schwertue, Freunde zu finden, bekomme in sozialen Medien das gute Gefühl, gesehen und gemocht zu werden, sagt Dienlin. Auch wenn der ständige Druck, vermeintlich immer neue Beiträge und Bilder von sich ins Netz stellen zu müssen, zugleich sehr unglücklich machen könne.

Problematisch sei auch, wenn Nutzer bei Langeweile, Ärger oder Trauer auf Twitter oder Instagram schauen, um sich abzulenken. Um Probleme zu bewältigen, solle man andere Strategien parat haben als den Blick auf den Smartphone-Bildschirm, sagt der Psychologe.

Damit Ärzte von einer Sucht sprechen, müssen mehrere Kriterien zutreffen. Eine der wichtigsten ist Thomasius zufolge der Kontrollverlust. Wer also nicht mehr darüber nachdenkt, wann und warum er Zeit mit den sozialen Medien verbringt und damit auch nicht aufhören kann, hat womöglich ein ernsthaftes Problem.

Solchen Menschen hilft Christian Groß. Er ist Suchttherapeut in Gütersloh und Pressesprecher beim Fachverband Medienabhängigkeit. In seine Privatpraxis kommen immer wieder Eltern in Sorge um gestresste und unaufmerksame Kinder, deren Leistung in der Schule nachlässt und die immer mehr Zeit in virtuellen Welten verbringen. „Andere Suchtmittel werden reguliert, soziale Medien nicht“, schildert Groß das Problem und plädiert für mehr gesellschaftliche Aufklärung.

Nutzer können sich mithilfe verschiedener Anwendungen immerhin selbst kontrollieren. Für Android-Geräte gibt es zum Beispiel die kostenlose Google-App Digital Wellbeing, mit der Anwender genau im Auge behalten können, wie lange sie welche Anwendungen auf dem Smartphone nutzen. Das Programm behält auch im Blick, wie viele Benachrichtigungen eingehen und wie oft der Nutzer auf das Handy sieht. Für jede App kann außerdem ein Timer festgelegt werden. Ist die Zeit abgelaufen, lässt sich die Anwendung erst am nächsten Tag wieder starten. Ähnlich funktioniert auch die App Bildschirmzeit, die auf neueren iPhones und iPads fest installiert ist.

(dpa)