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Fluch oder Segen?
Wenn Google den Arztbesuch ersetzt

Die Eigenrecherche im Netz kann für die meisten Patienten das persönliche Gespräch mit dem Hausarzt derzeit noch nicht ersetzen
Die Eigenrecherche im Netz kann für die meisten Patienten das persönliche Gespräch mit dem Hausarzt derzeit noch nicht ersetzen FOTO: Benjamin Ulmer / dpa
Hannover. Immer mehr Menschen wenden sich mit gesundheitlichen Problemen nicht mehr nur an den Hausarzt. Stattdessen vertrauen sie auch oder sogar ganz auf Erfahrungsberichte und Empfehlungen im Internet. Das birgt Chancen und Risiken. Von Karen Miether (epd)

Bevor Birgit Kaufmann (Name geändert) zum Arzt geht, macht sie sich erst einmal selbst schlau – im Internet. Sie ruft die Seite eines Gesundheitsportals auf. „Wenn ich glaube, eine Krankheit zu haben oder Symptome feststelle, gebe ich das ein“, sagt die 60-Jährige. Längst nimmt sie auch nicht mehr jedes verordnete Medikament einfach ein, ohne sich im Netz über Nebenwirkungen zu informieren. Gegen Antibiotika etwa hat sie Vorbehalte. Als ihre Ärztin ihr eines gegen Blasenentzündung verschrieb, recherchierte sie online nach und schluckte die Pillen schließlich nicht.



Wie die Sprachheilpädagogin Kaufmann informieren sich mittlerweile immer mehr Menschen im Internet über Krankheiten, Diagnosen und Therapien. Sie fragen „Dr. Google“ oder eines der zahlreichen anderen Online-Portale um Rat – oftmals schon, bevor sie zum Hausarzt gehen. „Die Digitalisierung verändert auch das Gesundheitswesen“, sagt Ruth Denkhaus vom Zentrum für Gesundheitsethik an der Evangelischen Akademie Loccum.

Das Zentrum hat deshalb gemeinsam mit Medizinern, Kommunikationswissenschaftlern, Gesundheitsethikern, Vertretern von Patientenorganisationen und Krankenkassen sowie Daten- und Verbraucherschützern über die Herausforderungen diskutiert. Welche Kriterien müssen Webseiten oder Apps erfüllen, damit man sie Patienten weiterempfehlen kann? Ist die Vielfalt an Informationen hilfreich oder verwirrt sie? Und wie verändert sich die klassische Arztrolle?



Zwar ist der Hausarzt laut dem Gesundheitsmonitor 2015 von Bertelsmann-Stiftung und Barmer GEK noch immer der erste Ansprechpartner. Doch 40 Prozent der Befragten konsultierten auch das Internet. Und es werden mehr, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Eva Baumann, eine der Autorinnen der Studie. Dabei steigen die meisten auch in Gesundheitsfragen über eine Suchmaschine in die Recherche ein, wie die Wissenschaftlerin vom Center for Health Communication in Hannover erläutert.

Die Krankheit oder das Symptom einfach bei Google einzugeben, ist allerdings nicht immer der beste Weg. Denn es gibt zwar gute Seiten, die Experten empfehlen, weil sie zum Beispiel von Medizinern verfasst oder ohne gewerbliche Interessen sind. Doch diese landeten bei den Suchmaschinen zumeist nicht auf den ersten Rängen, sagt Baumann. Und je mehr Quellen es gebe, desto größer sei die Vielfalt und damit die Unsicherheit.

„Was wir brauchen, ist ein Gesundheitsnavigator“, fordert Eva Baumann. Die vom Bundesgesundheitsministerium und 14 Partnern begründete „Allianz für Gesundheitskompetenz“ plane unter anderem, ein Internetportal einzurichten, das Adressen bündeln soll.

Die Dresdner Ärztin Anja Bittner hält es durchaus für sinnvoll, wenn Menschen zum Beispiel nachlesen, was eine Diagnose für sie bedeutet und wie sie mit der Krankheit umgehen können. Jemand, der schon informiert sei, könne zudem Entscheidungen besser mit treffen. „Der Patient wird mündiger.“ Auf der anderen Seite ständen diejenigen, die mit mehr Angst in die Praxen kommen, weil sie vorher online Symptome abgefragt hätten, sagt Bittner. Mit ihrer Firma „Dr. Next“ beschäftigt sich die Medizinerin mit dem Arztberuf der Zukunft.

Patientin Birgit Kaufmann hat beides schon erlebt – Erleichterung und noch größere Sorge. Als ein Arzt ihr ein Mittel gegen Panikattacken verordnete, war sie beunruhigt, denn Psychopharmaka waren ihr suspekt. Nachdem sie in Betroffenen-Foren gelesen hatte, wuchs ihre Sorge vor vermeintlichen Nebenwirkungen noch. „Es wurden schaurige Geschichten und dramatische Fälle geschildert“, erinnert sie sich.

Überzogene Befürchtungen oder falsche Hoffnungen gehören zu den unerwünschten Nebenwirkungen der Recherche im Internet. Bei chronischen Erkrankungen hingegen können Patienten durch Infos aus dem Netz zu Experten in eigener Sache werden. Auch zur Gesundheitsvorsorge gibt es sinnvolle Tipps. Online-Foren machen den Erfahrungsaustausch möglich. Wer dort hineinschaut, merkt meist schnell, dass er mit seinem Leid nicht allein ist.

Forscherinnen wie Baumann und Bittner sehen die Ärzte weiter gefragt. Sie könnten eine Lotsenfunktion übernehmen. Viele Ärzte sind aber selbst nicht im Bilde darüber, wo gute Gesundheitsseiten im Netz zu finden sind, wie Bittner in einer Untersuchung herausgefunden hat. Das zeige sich etwa daran, dass sie das Internetlexikon Wikipedia als vertrauenswürdiger einstuften als eine einschlägige Seite von Medizinern.

Jeder zweite Arzt sieht es der Studie zufolge zwiespältig, wenn Patienten vorher selbst nach Informationen gesucht haben. Jeder zehnte rät davon sogar ab. Das könne verschiedene Gründe haben, sagt Bittner: „Die Patienten sind interessierter, informierter, vielleicht auch ein Stück fordernder geworden.“

Birgit Kaufmann jedenfalls will vorbereitet sein, auch für den Fall, dass die Praxis voll ist: „In den fünf Minuten, die Ärzte einem dann vielleicht Zeit lassen, würden mir sonst nicht alle Fragen einfallen.“