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Wenn das Internet zur Sucht wird

Wenn das Internet zur Sucht wird

Besonders Mädchen zwischen 14 und 16 Jahren sind von der Internetsucht betroffen. Sie verbringen viel Zeit in sozialen Netzwerken. Die Jungs im gleichen Alter wenden sich eher Online-Computerspielen zu.

Wie gebannt schaut die junge Frau im Bus auf ihr Smartphone, aktualisiert immer wieder ihre Facebook-Startseite. Als der Bus an der nächsten Haltestelle anhält, steigt sie aus, ohne die Augen auch nur ein Mal von ihrem Display gelassen zu haben.

Ein bekanntes Phänomen: Überall sind Menschen mit gesenkten Köpfen zu sehen. Dank Smartphones ist das Surfen im Internet fast immer und überall möglich. Doch wenn sich das Leben fast nur noch in der virtuellen Welt abspielt, Entzugserscheinungen auftreten oder soziale Kontakte leiden, kann eine Abhängigkeit vorliegen. Von der Internetsucht sind rund ein Prozent der 14- bis 64 Jährigen in Deutschland betroffen. Das geht aus einer Studie zur Häufigkeit von Internetsucht der Universität Lübeck und der Universität Greifswald hervor. Eine spätere, von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie bestätigt die Zahlen der Pinta-Studie.

Eine Internetabhängigkeit zu diagnostizieren, erweist sich jedoch als schwierig: "Zu sagen, ab vier Stunden Internetnutzung pro Tag spricht man von einer Sucht, drei Stunden sind missbräuchlich und alles darunter ist unbedenklich, ist nicht möglich", erklärt Psychologe Kai Müller, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Mainzer Ambulanz für Spielsucht.

Einige Kriterien gäbe es dennoch: "Der Kontrollverlust ist meiner Meinung nach der zentralste Punkt. Wenn der Nutzer es also nicht mehr schafft, sich von alleine anderen Dingen zuzuwenden", so Müller. Auch die Vernachlässigung andere Lebensbereiche aufgrund der Internetnutzung spricht für ein suchttypisches Verhalten. Die Gefährdung des Arbeitsplatzes oder soziale Vereinsamung können die Folge sein.

Von der Internetsucht sind laut Studie besonders Mädchen der Altersgruppe der 14- bis 16-Jährigen (4,9 Prozent) betroffen. Bei ihnen stehen vor allem soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram im Vordergrund. Die auffälligen Jungen der gleichen Altersgruppe (3,1 Prozent) wenden sich seltener sozialen Netzwerken und öfter Online-Computerspielen zu.

Als eigenes Störungsbild wird die Internetsucht bis heute nicht anerkannt. Doch der Anteil der Betroffenen ist durchaus ähnlich hoch wie der von anderen, anerkannten psychischen Erkrankungen. Als Folge gäbe es nicht genügend Anlaufstellen für Internetsüchtige , kritisiert Müller.

Für Eltern ist es oftmals schwierig, das Surf-Verhalten ihrer Kinder richtig einzuschätzen. Steigt die im Internet verbrachte Zeit über einen längeren Zeitraum stetig an, kann dies ein Anzeichen für ein suchtartiges Verhalten sein. Wenn sich die Kinder zudem aus anderen Lebensbereichen zurückziehen, an denen sie normalerweise Spaß finden, könne dies ebenso auf eine Internetabhängigkeit hindeuten.

Die eigenen Kinder vom Internet fernzuhalten, ist jedoch kaum möglich. Deshalb ist es besonders wichtig, sie aufzuklären und auf dem Weg in die digitale Welt zu begleiten. "Den größten Fehler, den Eltern machen können, ist ihre Kinder mit dem Riesenangebot an medialen Möglichkeiten alleine zu lassen", ergänzt Müller.

Zum Thema:

HintergrundOnlinesucht ist bislang nicht als Krankheit anerkannt. Fachleute sehen diesen Umstand durchaus kritisch. Barbara Voß, Leiterin der Techniker Krankenkasse Hessen erklärt: "Die Erfahrung zeigt, dass Onlinesucht ebenso schwerwiegende Auswirkungen auf die Betroffenen hat, wie beispielsweise die Alkohol- und Drogensucht." dpa