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Programme sollen Menschen helfen
Wenn Computer Gefühle trainieren

Berlin/Saarbrücken. Spezielle Programme sollen Menschen helfen, Emotionen von Gesprächspartnern besser zu erkennen.

Die Testperson sitzt am Computerbildschirm und sieht sich nacheinander Fotos von Menschen an – mal lächeln sie, mal blicken sie neutral, mal finster drein. Sie soll herausfinden, was sie gerade empfinden. Für Menschen sei es extrem wichtig, sich in die Gefühlswelt ihres Gegenüber versetzen zu können, erklärt Isabel Dziobek von der Humboldt-Universität in Berlin. Manchen Menschen fällt dies jedoch schwer. Und genau das können sie nun mit Hilfe von Computern trainieren.


Sogenannte „emotionssensitive Systeme“ in Form von Robotern, virtuellen Figuren wie Avataren und speziellen Computerprogrammen sollen Menschen dabei helfen, Gesprächssituationen auf der emotional-kommunikativen Ebene besser zu erfassen. Außerdem sollen die Testpersonen in Berlin lernen, sich selbst besser verständlich zu machen. Denn auch der Computer hat die Aufgabe, anhand der Mimik und Gestik der Testperson zu erkennen, was diese gerade empfindet.

„Zielgruppe sind etwa Menschen mit Autismus, vor allem mit Asperger-Syndrom“, sagt Dziobek, die an der Berlin School of Mind and Brain der Humboldt-Universität Psychologie lehrt. Menschen mit dem Asperger-Syndrom finden den Umgang mit anderen Menschen und den Aufbau von Beziehungen schwierig. Oft verarbeiten sie Sinnesreize anders und können ihre eigenen Emotionen anderen Menschen gegenüber nur schlecht zum Ausdruck bringen.



„Hinter dem Trainingsprogramm steckt die Frage: Wie kann die Interaktion mit anderen besser gelingen?“, sagt Dziobek. Genau das erforscht das Projekt Emotisk, an dem neben der Humboldt-Universität auch die Universitäten Potsdam, Aachen, Dresden und Köln beteiligt sind und das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird.

Es gibt bereits Verfahren, die bestimmte Signale und Verhaltensmuster interpretieren: etwa Lächeln, Schmunzeln, Zwinkern, verschämtes Weggucken und Erröten sowie den direkten Augenkontakt. Auch komplexe Gefühle wie Langeweile, Frustration, Scham und Interesse soll der Computer langfristig erkennen können.

„Für das Trainingsprogramm haben wir mit Hilfe von Schauspielern eine Datenbank mit 40 Emotionen erstellt, die in Alltagssituationen am häufigsten vorkommen und sozial am relevantesten sind“, erklärt Dziobek. Ihrer Erfahrung nach finden es gerade Autisten oft angenehmer, diese Fähigkeiten am Computer zu trainieren als im Gespräch mit einer realen Person. Zudem hätten die meisten nur wenig Kontakt zu anderen Menschen, was das Trainieren schwieriger mache. Die Reaktionen der Testpersonen auf das Emotionsprogramm seien bislang sehr positiv gewesen: „Viele sprechen von einem ,Augenöffner’, und dass sich ihnen eine völlig neue Welt erschlossen hat.“

Von den in Emotisk entwickelten Programmen können nicht nur Autisten profitieren, sondern auch andere Menschen, die Schwierigkeiten beim Erkennen von Emotionen haben. „Das fällt etwa älteren Menschen schwer“, sagt Dziobek, da die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen und adäquat auszudrücken, mit zunehmendem Alter abnehme.

Um die Verbesserung emotional-kommunikativer Fähigkeiten mit Hilfe von Computern geht es auch im Projekt EmpaT des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Saarbrücken. Die Forscher haben ein Trainingssystem entwickelt, mit dem junge Menschen am Computer mit einem Avatar Bewerbungsgespräche üben können.

„In einem Vorstellungsgespräch möchte man vor allem eines demonstrieren: Ich bin gut“, sagt Patrick Gebhard vom DFKI. Gleichzeitig würden Kandidaten aber regelmäßig etwa mit beschämenden Fragen konfrontiert. „Im menschlichen Verhalten gibt es vier Hauptstrategien, damit umzugehen: sich innerlich zurückzuziehen, sich herauszureden, selbst zum Angriff überzugehen oder sich selbst schlecht zu machen.“

All diese Verhaltensmuster müsse der Computer erkennen können, um angemessen zu reagieren und ein tatsächliches Gespräch aufkommen zu lassen. Am Ende gibt der Computer Rückmeldung zu den unterschiedlichen Gesprächssituationen, etwa: „Hier hast du gelächelt, aber wir hatten keinen Blickkontakt – das wirkt unsicher.“ Als Bedrohung müssten Menschen solche Systeme nicht sehen: „Computer werden nie lebendig sein“, sagt Gebhard. Ein Computer könne nur das, was ihm der Mensch beigebracht habe.

Auch Isabel Dziobek zeigt die Grenzen auf: „Menschliche Emotionen sind ungeheuer komplex und von vielen kulturellen Unterschieden und Eigenarten geprägt.“ Eine Interpretation – vor allem die einer Maschine – könne deswegen nie fehlerfrei sein, da es unmöglich sei, sie so genau und umfassend zu programmieren, dass sie immer richtig liege. Die meisten Menschen könnten dagegen improvisieren und sich auf ihr Gefühl verlassen.