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Von wegen oberflächlich

Lydia Korte erforscht, weshalb so viele Menschen Selbstporträts schießen und ins Internet stellen.
Lydia Korte erforscht, weshalb so viele Menschen Selbstporträts schießen und ins Internet stellen. FOTO: Universität Siegen
Siegen. Das Selfie hat bereits vor Jahren seinen Siegeszug durchs Internet und die sozialen Netzwerke angetreten. Eine 26-Jährige aus Siegen schreibt jetzt sogar ihre Doktorarbeit über die digitalen Selbstporträts. Und ist dabei schon zu spannenden Ergebnissen gekommen. Katja Sponholz

Selfies sind nur ein Thema bei jungen Menschen? Die meisten Selfies werden veröffentlicht? Selfies sind vor allem ein Ausdruck von Narzissmus? Keineswegs. Lydia Korte hat längst herausgefunden, dass dieses Phänomen sehr viel hintergründiger und vielschichtiger als die weitläufige Meinung darüber ist. "Es wird vor allem mit oberflächlichem Verhalten in Zusammenhang gebracht, dabei hat es viel mit grundsätzlichen, menschlichen Bedürfnissen zu tun. Zum Beispiel damit, Anerkennung zu finden", sagt die 26-Jährige.



Bereits seit zwei Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema und hat als damalige Medienkultur-Studentin an der Universität Siegen Selfies analysiert und Interviews mit sogenannten "Selfie-Takern" (also Menschen, die Selfies machen) geführt. Anlass war damals jenes legendäre Gruppen-Selbstporträt bei der Oscar-Verleihung in Los Angeles mit Brad Pitt , Julia Roberts und Bradley Cooper, das sogar den Kurznachrichtendienst Twitter Abstürzen ließ. "Das war zum ersten Mal, dass ein Selfie als Phänomen öffentlich wahrgenommen wurde", blickt sie zurück. "Und danach hieß es immer: So etwas steht für die ‚Generation-Kopf-unten‘, die sich nur noch um sich selbst dreht. Aber als ich bei meinen Freunden hörte, dass sie auch alle Selfies machen, dachte ich mir: Es kann doch nicht jeder so selbstverliebt sein, wie es dargestellt wird."

Nach der erfolgreichen Masterarbeit folgt nun die Dissertation im Bereich Medienästhetik an der Universität Siegen . Und Kortes Doktorvater Peter Matussek ist überzeugt, dass das Selfie "selbstverständlich" ein Thema für die Medienwissenschaft ist, die sich in starkem Maße mit der Kulturbedeutung von Medienpraktiken beschäftigt.

Das Besondere an der Arbeit von Lydia Korte sei dabei, dass sie Selfies nicht als isoliertes Einzelphänomen abhandele, sondern als Symptom unserer Gegenwartskultur untersuche. Vom IS-Terroristen vor Schauerkulisse über den Fußballfan mit seinem Idol bis zum Kuch-enessen bei Oma - hinter den verschiedenen Foto-Motiven stecken Selbstdarstellungsmotive, die sich durchaus ähneln". Lydia Korte habe es sich zur Aufgabe gemacht, "diese Tiefendiagnose durchzuführen und daraus die Bedürfnisstruktur unserer Zeit abzuleiten".

Und die besteht nicht etwa in überzogener Selbstliebe, wie oft behauptet wird. "Wir machen Selfies, um uns zu erinnern", sagt die Doktorandin. "Wir leben in einem Informations-Zeitalter, werden regelrecht überflutet von Ereignissen und Informationen. Und da ist es wichtig, dass man selbst entscheidet, welches Ereignis, welcher Moment auch wirklich erinnerungswürdig ist." Wobei es zwischen den jüngeren Selfie-Takern (zwischen 13 und 30) und den Älteren natürlich Unterschiede gibt. Junge Leute machten mehr Bilder und stellten sie häufiger ins Internet , schauten sie sich teilweise danach aber gar nicht mehr an und löschten sie wieder, wenn der Speicher zu voll sei. Bei Älteren sei das Selfie wirklich ein Artefakt, das aufgehoben werde. Bei ihnen würden Fotos noch anders wertgeschätzt, weil sie aus einer Generation kämen, in der Fotografie noch teuer war und nicht so viel fotografiert wurde. Bei Jüngeren sei zudem der Inszenierungsgrad höher: "Da ist alles durchkomponiert, und es wird wirklich vorher der Winkel genau austariert, damit die Augen besonders groß wirken und man hübscher erscheint."



Und natürlich gibt es auch einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während sich Frauen oft von oben fotografierten, um ein bisschen kleiner und niedlicher zu wirken, fotografierten sich Männer frontal, teilweise auch von unten, um größer und stärker zu wirken.

Für ihre Promotion beschäftigt sich Lydia Korte unter anderem mit Erinnerungstheorien, Untersuchungen zur Eigen- und Fremdwahrnehmung und der Mediengeschichte von Selbstporträts. "Selfies hat es im Grunde schon immer gegeben", ergänzt Matussek, "die ältesten Spuren der Höhlenbewohner sind Abdrücke der eigenen Hände." Mit Narzissmus habe das nichts zu tun. "Es geht eher darum, dass man sich medial ausdrücken muss, um überhaupt zu einer Identität zu kommen." Warum die Fotos mit dem Smartphone und nicht bei einer Sitzung vom Fotografen geschossen werden, hat Lydia Korte schon herausgefunden: "Wenn man in eine fremde Kamera guckt, dann sieht man immer auch die Person dahinter. Diese Zwischeninstanz fehlt bei einem Selfie. Dort sehe ich wie in einem Spiegel sofort, wie ich selbst rüberkomme und habe die Kontrolle über das eigene Bild."

Sie selbst jedoch kommt als "Forschungsprojekt" übrigens nicht in Frage: "Ich mag mich auf Selfies nicht besonders", gibt Korte zu. Ein eigenes Selfie hat sie jedenfalls noch nie ins Internet gestellt.