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Virtuelle Wortwechsel in digitalen Büchern

Saarbrücken. Buchliebhaber können sich bereits während des Lesens online austauschen. Lese-Netzwerke und digitale Lesegeräte machen's möglich. Experten sind allerdings uneins, ob sich der Kulturwandel durchsetzt. Kai Thomas

Mit dem Finger durch die Seiten fahren, der Händler berät persönlich: Wer nach Neuem stöbern will, geht in den Buchladen. Gelesen wird alleine zuhause, in Bus und Bahn oder im Garten. So war es einmal. Buchkultur kann mittlerweile auch im Internet ein Genuß sein. Sogenanntes Social-Reading (deutsch: soziales Lesen) macht's möglich. "Social-Reading ist aktiver und intensiver, weil ich während des Lesens dauerhaft im Austausch mit vielen Menschen bin und Gleichgesinnte kennenlerne", erklärt Buchwissenschaftler Dominique Pleimling, der an der Universität Mainz zum Thema geforscht hat. Noch während des Lesens könnten Nutzer sowohl über Lese-Netzwerke als auch direkt im digitalen Text von E-Books Werke und Zitate öffentlich bewerten und weiterempfehlen.

Weltweiter Platzhirsch unter den Bücherportalen ist goodreads.com. Die Seite umfasst dem Unternehmen zufolge über 750 Millionen Bücher. Auf der 2007 in den USA gegründeten Plattform dokumentieren über 25 Millionen Nutzer ihre Lesegewohnheiten, bereits 29 Millionen Besprechungen wurden geschrieben. Wer die Seite regelmässig nutzt, bekommt automatisch Bücher empfohlen. Ihre Mitglieder kommunizieren rege: Der erste Harry-Potter-Band wurde beispielsweise knapp 2,5 Millionen Mal bewertet, rund 40 000 Nutzer kommentierten den Bestseller ausführlich. Mittlerweile können Interessierte mit der US-Version des Amazon-Kindle auf Goodreads zugreifen. Auch mit der deutschen Version des E-Book-Lesegeräts soll dies künftig möglich sein: Der Versandkonzern kaufte die Seite im vergangenen Jahr, wie auch schon zuvor den kleineren Social-Reading-Dienst Shelfari. Dahinter steckt handfestes Geschäftsinteresse: "Als Leser muss mir natürlich klar sein, das mein Leseverhalten über Social-Reading transparent wird und die Firmen die Daten für Werbe- und Marktforschungszwecke nutzen", erklärt Pleimling.

Lovelybooks.de ist hierzulande der größte Social-Reading-Dienst. Auf der 2006 vom Holtzbrinck-Verlag ins Leben gerufenen Seite wurden bislang 400 000 Bücher bewertet. Derzeit sind etwa 800 000 Nutzer registriert, 2012 waren es der Seite zufolge noch die Hälfte. "Wenn ich mir unsere Zahlen ansehe, dann würde ich in Deutschland nicht mehr von einem Nischenphänomen sprechen", sagt Karla Paul. Die redaktionelle Leiterin des Münchner Unternehmens glaubt, dass sich Social-Reading künftig durchsetzt: "Es ist ja mittlerweile Alltag, dass die Menschen über die Dinge, die sie machen, in sozialen Netzen diskutieren. Wer gerne und viel liest, hat dann auch den Wunsch, das in speziellen Online-Communities zu tun."

Der Erfolg von Social-Reading innerhalb von E-Books hänge nur noch von den technischen Standards ab, meint Paul. In fünf Jahren besäße jedes Buch eine entsprechende Funktion. Forscher Pleimling sieht hingegen derzeit nur Chancen für die Lese-Netzwerke: "Der Markt für Social- Reading direkt in elektronischen Büchernist in Deutschland nicht sehr groß." Dies zeige der Fall der Lese-App Readmill. Die Berliner Entwicklerfirma habe das Programm für Smartphones trotz enormer Medienaufmerksamkeit wegen mangelnder Nachfrage Ende März einstellen müssen.

In Deutschland können sich Nutzer so derzeit nur mit dem Amazon-Kindle über die Public-Notes (sinngemäß: öffentliche Notizen) direkt im Buchtext austauschen. Pleimling hat es ausprobiert: "Ich brauche länger und es ist auch anstrengender, weil man das Lesen immer wieder unterbricht. Aber man kann die Funktion ja ausschalten." Dennoch betont er: "Wenn ich mich aber gerne über das, was ich lese, austausche, bedeutet Social-Reading vor allem mehr Genuss."

goodreads.com

lovelybooks.de