Virtuelle Kämpfe in der realen Welt

Saarbrücken · Auf der Couch sitzen und mit ein paar Klicks den Gegner auf dem Bildschirm besiegen, das ist den Teilnehmern des Computerspiels Ingress zu wenig. Sie spielen sowohl auf dem Monitor als auch in der Realität.

Ingress ist ein Spiel, das sowohl in der virtuellen als auch in der echten Welt gespielt wird. Das bisherige Bild des Computerspielers, der zu Hause auf der Couch sitzt, gilt bei Ingress also nicht. Um an diesem virtuellen Kampf teilzunehmen, müssen die Spieler vor die Tür, je nach Jahreszeit mit Hitze oder Frost kämpfen und am Tag mehrere Kilometer zu Fuß zurücklegen. Die genaue Bezeichnung für diese Art von Spiel lautet "Augmented Reality", zu Deutsch "erweiterte Realität". Entwickelt wurde Ingress von der Google-Tochterfirma Niantic Labs.

Die Spieler müssen sich bei der Anmeldung für eine von zwei Gruppen entscheiden. Sie sehen auf ihrem Smartphone eine vereinfachte Google-Maps-Karte. Das Spiel dreht sich um eine neuartige Energie, die sich ausbreitet und durch sogenannte "Portale" zu uns gelangt. Auf dem Bildschirm werden diese virtuellen Portale durch Fontänen dargestellt, der Spieler durch einen Punkt. An den Orten, an dem die Portale zu finden sind, gibt es in der echten Welt oft Sehenswürdigkeiten: Steht ein Spieler etwa am Brandenburger Tor in Berlin, sieht er auf seinem Bildschirm das dazugehörige Portal. Er muss also tatsächlich vor Ort sein. Verteilt sind die Portale rund um den Globus - oft an markanten Gebäuden, aber auch an kleinen, versteckten Plätzen.

Es gibt immer wieder neue Portale, die Spieler, bei Ingress "Agenten" genannt, selbst über eine Funktion der zum Spiel gehörenden App eröffnen können. Um diese Portale dreht sich alles bei Ingress. Die beiden Gruppen, die am Spiel teilnehmen, versuchen sich ihrer zu bemächtigen. Sie leuchten dann in der Farbe der jeweiligen Gruppe oder erscheinen auf dem Bildschirm grau, wenn sie noch keinen Besitzer haben. Das Ziel der Agenten ist es, möglichst viel Fläche für ihre Fraktion einzunehmen. Dazu müssen drei Portale ihrer Fraktion mit einer virtuellen Verbindung, im Spiel "Link" genannt, zu einem Dreieck verbunden werden. In Ingress heißt dies dann "Kontrollfeld". Je größer das Dreieck ist, desto mehr Punkte werden auch der jeweiligen Seite gutgeschrieben. Da sich diese Verbindungen nicht kreuzen dürfen, versucht der Gegner dies mit Hilfe eigener Links zu verhindern.

Laut Anne Beuttenmüller von Niantic Labs gibt es derzeit rund sieben Millionen Spieler weltweit. "Die meisten von ihnen sind in Europa und Nordamerika aktiv." Sie spielen Ingress jedoch nicht immer auf lokaler Ebene: Eines der größten Gemeinschaftsprojekte ist das sogenannte "Green Marble", ein riesiges Kontrollfeld, für dessen Erzeugung sich Agenten aus Irland, Großbritannien, Spanien, den Niederlanden und Norwegen zusammenschlossen und fast die komplette Nordhalbkugel für ihre Fraktion einnahmen. "Um das Projekt zu realisieren", so Beuttenmüller, "haben manche von ihnen Reisen von mehreren tausend Kilometern auf sich genommen. Die Planung verlief über Monate."

Das macht auch die Faszination für den Saarbrücker Markus Vogelgesang aus. Er spielt seit zwei Jahren im Schnitt täglich vier bis fünf Stunden Ingress. "Seitdem sehe ich die Stadt mit anderen Augen. Ich war an tollen Orten, die ich ohne das Spiel nie besucht hätte." So habe er auch nette Leute kennengelernt und neue Freunden gewonnen. "Außerdem bin ich öfter an der frischen Luft", sagt der 32-Jährigen. Mit Ingress hat Vogelgesang über 2300 Kilometer zu Fuß zurückgelegt und fast zehn Kilo abgenommen. Zu Hause auf der Couch, wäre das nicht so einfach gewesen.

Die Spiele-App Ingress gibt es kostenlos in Apples App Store und im Google Play Store.

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