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Vermeintlich unscheinbare Fotos können schnell auf Pornoseiten landen

München : Wenn harmlose Fotos missbraucht werden

Ein vermutlich unscheinbares Bild einer Frau kann in den falschen Händen auf pornografischen Webseiten landen.

Eigentlich heißt Merle anders, doch für diese Geschichte will sie anonym bleiben. Denn sie schämt sich dafür, was ihr geschehen ist. Auch hat sie Angst davor, dass andere am Ende vielleicht glauben, sie habe die Fotos von sich selbst veröffentlicht. Die Wahrheit aber ist: Merles Fotos wurden gestohlen, von der Online-Secondhandbörse „Kleiderkreisel“, um für pornographische Zwecke missbraucht zu werden. Mithin landeten Aufnahmen der 23-jährigen Karlsruherin auf einer der meistbesuchten Porno-Webseiten Deutschlands.

Merle ist nicht die einzige, die über das Online-Verkaufsportal, das nach eigenen Angaben mehr als 30 Millionen Mitglieder hat, alte Kleidungsstücke loswerden wollte und ihre Fotos später auf einer Seite mit pornographischen Inhalten wiederfand. In einem Forumsbeitrag bei Kleiderkreisel tauschen sich eine Reihe von Betroffenen aus und warnen andere Nutzerinnen davor, sogenannte Tragebilder auf ihren Profilen zu veröffentlichen oder auf Anfrage per Privatnachricht zu verschicken. Bei „Tragebildern“ handelt es sich um Fotos, bei denen der Verkäufer die angebotene Kleidung vorführt. Eigentlich sollen diese lediglich zur besseren Orientierung dienen und bei der Kaufentscheidung helfen – doch augenscheinlich verirren sich bei „Kleiderkreisel“ nicht nur seriöse Kunden.

So finden sich zum Beispiel auf einer Plattform, die sich als „größte freie Pornoseite Deutschlands“ rühmt, hunderte Ordner, in denen Tausende Fotos der Nutzerinnen gesammelt sind. Bisweilen sind die jungen Frauen vollständig abgebildet, demnach leicht identifizierbar. Die Ordner wurden zum Teil mehr als 15 000 mal angeklickt. Doch es handelt sich nicht um eine Sammlung besonders aufreizender oder freizügiger Fotos. Hier sind auch ganz gewöhnliche Aufnahmen zu finden: Solche eben, bei denen es offenkundig nur um die Präsentation eines Kleidungsstückes geht, und bei denen sich wohl kaum jemand Gedanken um einen Missbrauch dieser Art machen würde.

Doch auch Fetischisten nutzen den frei zugänglichen Online-Secondhandshop, der neben Deutschland unter anderem noch in Luxemburg, Frankreich und Belgien aktiv ist, um sich unbehelligt an den öffentlichen Fotos der Anbieterinnen zu bedienen. In einschlägigen Foren tauschen sie diese untereinander aus und diskutieren, wie sie am geschicktesten an freizügigere Aufnahmen gelangen – ohne „gleich Gefahr zu laufen, der sexuellen Belästigung bezichtigt zu werden“. Indes wird offenbart: „Wenn die wüssten, wo die Bilder letztendlich landen und was diese bei uns bewirken.“

Auf Nachfrage schiebt Kleiderkreisel die Verantwortung von sich: „Da sich der beschriebene Tatbestand außerhalb unserer Plattform ereignet, haben wir keinen Einfluss auf das, was über diese Webseiten mit nutzergenerierten Inhalten Dritter veröffentlicht wird. Solange Bilder online veröffentlicht werden, können sie von jedermann zum Beispiel kopiert und verbreitet werden.“ Nutzerinnen werde jedoch geraten, keine Fotos, auf denen sie die angebotenen Kleidungsstücke tragen, weiterzugeben, wenn sie im privaten Chat darum gebeten werden, und die betreffende Person sowie verdächtige Konten zu melden.

Dieses Phänomen ist nicht auf Kleiderkreisel beschränkt. Es ist nur ein Beispiel von vielen, das beweist, wie wenig Kontrolle Internetnutzer über ihre eigenen Daten haben, wenn diese erst veröffentlicht sind. So zeigt sich Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe am Institut für Polizeiwissenschaft in Brandenburg, „wenig überrascht“: „Dass im Internet Fotos gestohlen und missbraucht werden, ist leider ein Standardproblem – das findet überall statt, ob es die sozialen Netzwerke sind, Dating-Portale oder eben Kleiderkreisel.“ Aus diesem Grund mahnt der Cyberkriminologe bei der Veröffentlichung oder dem Austausch von Fotos im Internet immer zur Vorsicht. Dennoch ist für ihn ebenso klar, dass „durch die entsprechende Kombination der Bilder mit der pornografischen Seite ohne die Erlaubnis der Betroffenen auch von einer Form von sexuellem Übergriff gesprochen werden kann.“

Das sieht auch der Bundesverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) so. Mit seinem Projekt „Aktiv gegen digitale Gewalt“ informiert er über verschiedene Formen von Gewalthandlungen im Internet. Dazu zählt der Verband neben Cybermobbing und -stalking auch die „bildbasierte sexualisierte Gewalt“. Diese liege vor, wenn private oder intime Fotos ohne Einwilligung im Netz weiterverbreitet werden. Dabei spiele es keine Rolle, ob die Fotos zuvor bereitwillig verschickt wurden oder nicht. Diese Form der Gewalt komme oft in Zusammenhang mit Erpressungen vor, gesetzt werde dabei auf das Schamgefühl der Betroffenen, erklärt der bff.

Für Merle war es ein Schock, als sie von einer anderen Nutzerin erfuhr, ihre Fotos seien auf einer Porno-Webseite gelandet. „Man fragt sich, wie lange man dort schon zu sehen war, und vor allem, wer sich die Fotos angesehen hat. Das war ein sehr unangenehmes Gefühl“, sagt sie. Merle schrieb daraufhin den Betreiber der entsprechenden Seite an und forderte ihn auf, die Fotos sofort von der Seite zu nehmen. Zwar seien die Fotos binnen weniger Tage tatsächlich gelöscht worden, doch das unangenehme Gefühl ist geblieben.

Zu diesem Schritt rät auch der Rechtsanwalt Thomas Schwenke aus Berlin: „Plattformen sind in der Pflicht, Fotos, die gegen den Willen der abgebildeten Person hochgeladen wurden, zu löschen. Tun sie das nicht, können Betroffene auch rechtlich gegen sie vorgehen.“ Diese sollten den Betreibern auch eine Frist mitteilen, innerhalb derer sie ihre Fotos von der Plattform entfernt haben müssen. Wer zudem gegen die Täter vorgehen wolle, müsse allerdings vorher Anzeige bei der Polizei erstatten. „Es handelt sich hier um eine Urheberrechtsverletzung, die mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr geahndet werden kann“, erklärt Schwenke. Dafür sei es jedoch wichtig, Beweismaterialien zu sammeln und polizeiliche Auskünfte an Plattformen zu veranlassen, noch bevor alle Angaben gelöscht werden.

Der Cyberkriminologe Rüdiger hält das für wenig ergiebig. „Man kann durchaus versuchen, gegen die Täter vorzugehen, aber bei den massenhaften Delikten im Internet wird es nach den jetzigen Mechanismen kaum eine Chance auf Erfolg geben“, konstatiert er. Und: „Was einmal im Netz gelandet ist, bleibt auch im Netz.“ Er setzt daher grundsätzlich auf Selbstschutz: „Das Ganze hat auch etwas mit Medienkompetenz zu tun, und dazu gehört nunmal, keine Fotos von sich selbst unreflektiert im Internet herauszugeben – es sei denn, man kann damit leben, was mit ihnen passiert.“ Deswegen fordert Rüdiger auch mehr Angebote im Bereich der Medienkompetenz, insbesondere für Erwachsene: „Ich erwarte eigentlich, dass Eltern ihren Kindern richtig beibringen, wie sie sich im Internet sicher bewegen. Meist ist es allerdings so, dass sie selbst kaum wissen, wo die Gefahren lauern.“ Viele Erwachsene hätten stattdessen eine Art „Wischkompetenz“ erlernt. Sie wüssten zwar beispielhaft, wie man Bilder und Videos im Netz hochlädt, aber nicht immer, welche Risiken es bergen kann.

Für Merle hat das etwas von „Victim Blaming“ – also einer Täter-Opfer-Umkehr. Sie hat inzwischen Anzeige bei der Polizei erstattet, und fordert bessere Schutzmaßnahmen von Kleiderkreisel. Anderen würde sie raten, genau zu überlegen, bevor sie ein Foto von sich auf der Plattform hochladen oder verschicken. „Ob man das Risiko eingehen will, ist jedem selbst überlassen und liegt im eigenen Verantwortungsbereich.“ Sie selbst möchte sich davon allerdings nicht einschränken lassen. „Es ist nun einmal so, dass Tragebilder ziemlich viel ausmachen und ich seitdem auch viel, viel schneller meine Kleidung losbekomme.“