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Supercandy Pop-Up Museum in Köln

Spielwiese für Selfie-Jäger : Bonbonbunte Spielwiese für Selfie-Jäger

Das „Supercandy Pop-Up Museum“ in Köln bietet der Instagram-Generation eine perfekte Kulisse für die Selbstinszenierung. Es ist bis zum 19. April geöffnet.

Von außen ist es eine unscheinbare Fabrikhalle, von innen ein großer Indoorspielplatz in Neon, Pink und Pastell. 30 begehbare Fotosets verteilt über zwei Etagen liefern Fotobegeisterten den Hintergrund für ausgefallene (Selbst)-Porträts. „Wir hatten den Anspruch, für Besucher etwas zu schaffen, was man zu Hause nicht so leicht nachmachen kann“, erklärt Museumschef Frank Karch. Unter anderem dient ein pinkfarbenes Cadillac-Cabrio als Kulisse. Mehrere Pools, gefüllt mit tennisballgroßen Plastikkugeln, laden zum Abtauchen ein. Regale mit Dutzenden Cornflakes-Paketen und rosafarbenen Einkaufswagen simulieren einen japanischen Supermarkt. Zudem gibt es von Grafikern gestaltete Farbflächen, die wie Foto-Tapeten in XXL zum Posieren einladen.

Wer im Internet für 29 Euro pro Person ein Zwei-Stunden-Ticket gebucht hat und das „Supercandy Pop-Up Museum“ betritt, der wird von den Mitarbeitern am Check-in erst mal auf seinen Besuch vorbereitet. In den Bälle-Becken bitte Schuhe ausziehen und nicht reinspringen, dafür seien sie nicht tief genug. Die goldenen Discokugeln nicht anfassen, Abstand zu den Luftballons halten. Rechts gibt es Umkleidekabinen, links Schminktische. Die vierköpfige Frauengruppe aus Frankfurt, die gerade angekommen ist, lacht überrascht: „Wir haben nur das mitgebracht, was wir anhaben.“ Das sind vor allem Jeans, Pullover und natürlich Handys.

Damit sind sie ziemlich allein, die meisten der gut zwei Dutzend Gäste, die sich an diesem Mittag im Museum aufhalten und von Set zu Set ziehen, sind besser vorbereitet. Sie schleppen Kleidertaschen und Rollkoffer mit sich herum. Für jede Kulisse das passende Outfit. Auffallend ist, dass nahezu alle Besucher weiblich sind. Männer sind Taschenträger oder Fotografen. Die Arbeit wird durch bereits vorhandene und individuell verrückbare Licht- und Kamerastative an den Sets erleichtert. Aus den Lautsprechern tönt Musik aus den aktuellen Hitlisten.

Nelly, Debbie und Adriana sind aus Spangdahlem in der Eifel angereist. Debbie posiert auf der Motorhaube des Cadillacs, Jacke aus, Jacke an. Gar nicht so einfach, die Entscheidung. „Wir machen das nur zum Spaß“, erklärt Nelly, die nicht mit einem Handy, sondern professionell mit einer Spiegelreflex-Kamera fotografiert. „Unser Lieblingsmotiv war bisher das Bällebad. Das knallte optisch total.“ Oben im Kirschblüten-Wald, in der rosafarben ausgeleuchteten Gefängniszelle und im nachgebauten Waschsalon seien sie aber noch gar nicht gewesen.

Die Kölner Supercandy-Welt lockt alle, die auf der Suche nach ausgefallenen Motiven sind. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür. Der Ort ist „instagrammable“, also besonders geeignet, um in sozialen Medien für Aufsehen zu sorgen. Für die Bloggerin und Social-Media-Trainerin Rabea Brozulat aus Bonn ist das nicht überraschend und ein Ausdruck des Zeitgeistes: „Die jungen Menschen von heute haben mehr Möglichkeiten und Freiheiten als alle Generationen vor ihnen. Dabei treffen sie vor allem Entscheidungen, die sie online gut aussehen lassen und ihre soziale Interaktion stärken. Daher sind Orte, die besonders ‚instagrammable’ sind, so beliebt.“

Auch Frank Karch sieht ein wachsendes Bedürfnis vieler Menschen, sich zu inszenieren. „Influencer sind da ganz klar Vorbilder“, bestätigt er. Und mit dieser Einschätzung liegt er offenbar richtig. Denn das Kölner „Supercandy Pop-Up Museum“ ist nicht mehr das einzige in Deutschland. In Berlin eröffnete jüngst die ähnlich gestaltete „Wow! Gallery“. In Michelstadt im Odenwald gibt es mit „Bee yourself“ den dritten Instagram-Spielplatz. „Wir hatten auch erst an den Namen Galerie gedacht“, sagt Frank Karch, „aber Museum trifft es besser, weil hier Zeitphänomene entstehen. In den USA wurde außerdem festgestellt, dass Museen im Allgemeinen besser laufen, wenn sich Besucher dort inszenieren können.“ Aus diesem Gedanken ist in den New York 2016 das „Museum of Ice Cream“ entstanden, das als Vorbild für Selfie-Museen in aller Welt gilt. Doch auch Cafés oder Läden nutzen immer öfter eine ausgefallene Kulisse, um Gäste anzulocken, berichtet Social-Media-Expertin Rabea Brozulat. Viele setzten fest auf ein Instagram-Publikum, das immer auf der Suche sei, sich darstellen zu können: „So ein Ort muss auffallen und positiv im Gedächtnis bleiben“, erklärt die Bonnerin. „Da heutzutage alles fotografiert wird, sollten auch kleinere Cafés oder Hotels sich Gedanken über ihre ‚Besonderheit’ machen. Denn genau das liebt die Instagram-Generation – das Besondere, das Erlebnis im Alltag.“ Gutes Tageslicht für Fotos, Neonschilder, große Typografien und knallige Wandfarben seien auf jeden Fall Hingucker. Eine australische Agentur habe sogar einen Designratgeber herausgegeben, der Unternehmern dabei hilft, ihre Läden „instagrammable“ einzurichten.

Das Supercandy-Museum braucht diese Tipps nicht. Unter dem Hashtag #supercandymuseum posten inzwischen tausende Besucher bei Instagram ihre Ausbeute. Je ungewöhnlicher die Aufnahme, desto mehr gute Bewertungen. Dafür werfen sich einige in den Kulissen auch in akrobatische Posen, um das Foto noch spektakulärer wirken zu lassen. Größere Unfälle sind bei waghalsigen Aktionen wie einem Handstand auf der Cadillac-Motorhaube laut Frank Karch aber noch nicht passiert. „Es kommt höchstens mal vor, dass sich jemand den Fuß verstaucht.“

Doch auch für die analoge, „gedruckte“ Welt sind die Bonbon-Kulissen interessant: Familien kommen, um Aufnahmen für private Foto-Kalender zu machen, andere suchen nach einem Hintergrund für eine Einladungskarte. Ob auf Papier oder online: Wer beim Selfie-Hype mitmachen will, muss sich beeilen. Wie der Begriff „Pop-Up Museum“ andeutet, verschwindet der Supercandy-Spielplatz in Köln bald wieder. „Wir schließen vorerst am 19. April“, sagt Frank Karch. Auch das sei Ausdruck des Zeitgeistes: Wenn es etwas zu lange gebe, sei es auch schnell langweilig.

Auch ein Bällebad dient als origineller Hintergrund für Fotos. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa/Rolf Vennenbernd

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