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Interview Christoph Bareither
„Spiele sind leichter zugänglich als Fußball“

Während Fußball in Deutschland einen hohen Stellenwert hat, entwickeln sich die Computerspiele gerade erst zu einem Gesellschaftsprodukt. Ein Experte glaubt, dass die Branche großes Potential hat.
Während Fußball in Deutschland einen hohen Stellenwert hat, entwickeln sich die Computerspiele gerade erst zu einem Gesellschaftsprodukt. Ein Experte glaubt, dass die Branche großes Potential hat. FOTO: dpa / Oliver Berg
Köln/Berlin. Computer- und Videospiele sind nicht mehr nur ein Thema für junge Menschen, sondern für die ganze Gesellschaft. Dennoch sind sie bei Weitem noch nicht so akzeptiert wie das deutsche Kulturgut Fußball. Von Jonas-Erik Schmidt

Als im vergangenen Jahr erstmals Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Gamescom in Köln eröffnete, wurde dies in der Spielebranche als „Ritterschlag“ gefeiert. In Zeiten der sogenannten Killerspiel-Debatten wäre so ein Besuch wohl unmöglich gewesen. Computer- und Videospiele haben einen weiten Weg hinter sich, so viel ist klar. Was früher nur einige wenige Spiele-Fans in ihren stillen Wohnungen interessierte, gilt heute als – Zitat Merkel – „Kulturgut“. Das Motto der zehnten Gamescom lautet daher auch „Vielfalt gewinnt“.


Aber stimmt das? Der Berliner Forscher Christoph Bareither beschäftigt sich mit Computerspielen und ihrer Akzeptanz in der Gesellschaft. Im Gespräch zieht er einen interessanten Vergleich zu einem anderen deutschen Kulturgut: Fußball.

Vor 30 Jahren waren Computer- und Videospiele ein absolutes Nischen-Phänomen. Heute haben sie einen ganz anderen Stellenwert. Wie würden Sie den Status quo beschreiben?



BAREITHER: Computerspiele werden veralltäglicht. Das heißt, dass sie Teil von normalen, alltäglichen Routinen werden. Für Computerspieler selbst sind sie so normal wie für andere Fußballspielen. Der noch bestehende Unterschied ist jedoch, dass Fußballspielen in unserer Gesellschaft einen relativ unhinterfragten Stellenwert hat und es zum Beispiel völlig legitim ist, dass man für ein Deutschland-Spiel früher von der Arbeit nach Hause geht, während das bei Computerspielen noch nicht so ist. Aber sie kommen mehr und mehr dahin und finden eine immer größere Akzeptanz.

Dennoch werden die Spiele von vielen Menschen ja noch ignoriert, manchmal auch belächelt oder abgelehnt. Fußball ist viel mehr Massengeschmack. Woran liegt das?

BAREITHER: Sport hat eine lange Tradition als akzeptierter Bestandteil der Gesellschaft. Das hängt auch zusammen mit einer Vorstellung von Gesundheit. Das Sitzen am Bildschirm passt da nicht ins Bild. Der zweite Grund für die noch vorhandene Marginalisierung ist die Gewalt-Frage, die den öffentlichen Diskurs zu dem Thema lange dominiert hat. Ich will das gar nicht bewerten. Aber man kann beobachten, dass Menschen daran Spaß haben, mit Repräsentationen physischer Gewalt zu spielen. Das ist für viele andere Menschen noch ein Problem. Obwohl die Übergänge natürlich fließend sind. Wieder Stichwort Fußball: Auch da wird „reingeballert“ oder der „Gegner fertig gemacht“. Wenn man wollte, könnte man das auch als Metapher für Gewalt lesen. Bei Computerspielen wird es eben explizit.

Werfen wir einen Blick in die Glaskugel. Wie werden wir in 15 oder 20 Jahren über Computerspiele sprechen? So wie über Kino oder Fußball?

BAREITHER: Es ist natürlich unmöglich, in die Zukunft zu schauen. Was man aber sagen kann, ist, dass das Potenzial von Computerspielen darin besteht, dass sie Menschen ganz intensive Emotionen erleben lassen. Wer gelernt hat, damit Spaß zu haben, erlebt sie oft wesentlich intensiver als andere Unterhaltungsformen. Computerspiele sind auch viel leichter zugänglich als zum Beispiel Fußball. Man kann sie fast immer spielen, auch mit anderen zusammen. Und im Vergleich zu Medien wie zum Beispiel Fernsehen haben sie die Eigenschaft, dass sie die Spieler viel aktiver und dadurch auch körperlich emotionaler einbinden. Insofern sehe ich da noch eine sehr große Entwicklung vor uns.

Die Fragen stellte
Jonas-Erik Schmidt

Juniorprofessor Christoph Bareither
Juniorprofessor Christoph Bareither FOTO: dpa / -