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Soziale Netzwerke haben die Pflege von Freundschaften verändert

Freundschaft 2.0 : Wie das Internet Freundschaften verändert

Enge Beziehungen zu pflegen, scheint durch soziale Medien einfacher zu sein. Sie können dabei helfen, auch über größere Distanz in Kontakt zu bleiben.

Viele vor allem jüngere Menschen sind in sozialen Netzwerken mit vielen Personen befreundet. „Aber Freundschaft ist nicht gleich Freundschaft“, weiß Psychologin Anna Schneider von der Hochschule Fresenius in Köln. Denn Online-Freunde zu haben, sei lediglich eine Vorgabe des Netzwerkes. Das digitale Zeitalter habe reale Freundschaften nicht grundlegend verändert, vielmehr seien neue Möglichkeiten entstanden. Um intensive Verhältnisse zu pflegen, könnten die sozialen Netzwerke helfen, betont Anna Schneider. „Instagram und Co. können verhindern, dass Freundschaften zu Bekanntschaften werden.“ Die Kontaktpflege auch über große Distanzen fiele leichter und ein „Gefällt mir“ könnte ein wichtiges Symbol der Zuwendung sein, sagt sie.

Das allein reiche jedoch nicht. Solche „sozialen Snacks“ suggerierten, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Sie hinterließen aber einen faden Beigeschmack. „Spätestens dann, wenn die Beziehung belastet wird, zum Beispiel bei einem Umzug, kann man auf diese Menschen meist nicht zählen“, sagt die Psychologin. Der Titel „Freund“ sei online ein ganz anderer als im realen Leben. Das offenbart auch eine Studie des britischen Forschers Robin Dunbar von der Universität Oxford aus dem Jahr 2016. Facebook-Nutzer sehen nur etwa vier ihrer Online-Freunde als enge, vertraute Bezugspersonen an.

Für Schneider ist das keine Überraschung. Denn wahre Freundschaften lebten von Begegnungen, und von Nähe. Echte Umarmungen zeigten doch erst, wie es dem Gegenüber körperlich und seelisch gehe. „Skype-Anrufe können niemals dauerhafter Ersatz für persönliche Treffen sein“, erklärt sie.

Als „innige und persönliche Herzensbeziehung“ definiert der Berliner Psychologe Wolfgang Krüger Freundschaft. Normalerweise habe jeder rund drei dieser engen „Herzensfreunde“ und zwölf weitere Durchschnittsfreunde. „Mehr kriegen wir nicht hin. Schließlich muss man Freundschaften aufbauen und pflegen“, sagt Krüger. Enge Verhältnisse hätten eine Dauer von über 30 Jahren und sind haltbarer als so manche Liebesbeziehung. „Freundschaften sind weniger konfliktanfällig, weil einfach ein bisschen mehr Abstand da ist als in einer Partnerschaft.“ 50 Prozent der anderen, weniger engen Freundschaften scheiterten hingegen innerhalb von sieben Jahren.

Vor allem starker Internet-Konsum, insbesondere der sozialen Medien, gehe einher mit weniger realen Freundschaften. Das zeigt eine Studie des Medizinforschers Brian Primack von der Universität Pittsburgh aus dem Jahr 2017. Bei Menschen, die mehr als zwei Stunden täglich in sozialen Netzwerken verbringen, sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie sozial isoliert sind, etwa doppelt so groß wie bei Menschen, die weniger als eine halbe Stunde dort verbringen. „Wenn man zur Internetsucht neigt, geht das immer zu Lasten aktiver Freundschaften“, erklärt Wolfgang Krüger. Gut vernetzt zu sein, heiße nicht, dass sich der Nutzer im realen Leben einsam fühle. Gerade in der jüngeren Generation bis 35 Jahre herrsche eine gesunde Skepsis. „Die sind sich durchaus bewusst, dass Online-Freunde nicht gleichzusetzen sind mit realen Freunden“, erklärt Krüger.

Echte Freundschaften brauchen echte Begegnungen“, erläutert Schneider. Grundsätzlich habe sich das Wesen der Freundschaft durch die Digitalisierung nicht geändert: „Freundschaften werden heute nur anders gelebt“. So würden neue Kontakte durch den gezielten Einsatz bestimmter Kommunikationskanäle auf Abstand gehalten, während vertrauten Kontakten der voll umfängliche digitale Zugang gewährt werde. Videotelefonie sei ein beliebtes Mittel innerhalb der Familie oder engen Freunden. „Aber wenn der Vermieter eine Videobotschaft schickt, wäre das eher verstörend“, sagt Schneider. Denn auch online gelte: Freundschaft ist nicht gleich Freundschaft.

(dpa)