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Sommer, Sonne, Internet

Sommer, Sonne, Internet

Vor allem junge Menschen können sich einen Urlaub ohne Internet nicht vorstellen. Wer unter südlicher Sonne nicht nur Facebook-Nachrichten lesen, sondern auch Anregungen für die eigene Arbeit erhalten will, für den gibt es „Workation“-Angebote.

Mareike Bergunde ist Werbetexterin. Seit vier Jahren ist die 36-jährige Hamburgerin selbstständig. Doch Zeit, um ihren Traum zu erfüllen und ein Buch über Online-Dating zu schreiben, hatte sie kaum. "Erst bei einem Urlaub im letzten Jahr, als ich in einem wunderschönen Haus in Portugal saß, konnte ich anfangen", erzählt sie, "und da dachte ich mir: Es wäre doch toll, wenn man so etwas verbinden könnte: Arbeit und Urlaub." Auch Tilman Lichdi hat sich vor drei Jahren selbstständig gemacht. Der Konzertsänger aus der Nähe von Heilbronn arbeitet auch an einem digitalen Programm mit Tempomusik für Laufeinsteiger. Doch der letzte Kick zur Umsetzung fehlte ihm.

Ihrem beruflichen Ziel sind beide nun ein Stück nähergekommen - und das nicht bei einem Workshop in tristen Seminarräumen, sondern an einem Traumort und in Urlaubsstimmung: bei einem "Workation"-Projekt der Agentur "Sunny Office" in Andalusien. Andere Anbieter dieser Kombination aus Arbeit (Work) und Urlaub (Vacation) sind Sebastian Kühn, der von Hongkong aus arbeitet ("Wireless Workations"), oder die Berliner Reisebloggerin Felicia Hargarten und ihr Partner Marcus Meurer ("DNX Camps") - allesamt "digitale Nomaden", Menschen, die orts- und zeitunabhängig arbeiten können, dies meist online machen und gerne reisen.

"Sunny Office" verbindet "Coworking" - eine neue Form der Zusammenarbeit vornehmlich unter Freiberuflern und Kreativen - mit einer Wohngemeinschaft. Unter der Sonne Südeuropas kommen Unternehmer, Programmierer, Web-Entwickler, Künstler und Autoren oder auch Unternehmens-Teams aus Europa für zwei bis drei Wochen zusammen. Dafür will "Sunny Office" den Rahmen schaffen - traumhafte Umgebung und Unterbringung, Freizeit und Erholung, aber auch selbstständige Arbeitszeiten, Workshops, fachlicher Austausch und natürlich eine sehr gute Internet-Verbindung plus eigenem Router inklusive. Sunny-Office-Gründerin Katja Andes ist selbst ein Beispiel dafür, dass das gelingen kann. Die Betriebswirtin aus Mannheim hatte 2012 ihre Arbeit in einem großen Konzern beendet, um sich selbstständig zu machen. Spontan flog sie nach Südspanien - "und statt morgens im grauen Nebel aufzuwachen, ging ich am Strand joggen. Das hat mir unheimlich gutgetan, diese Freiheit zu fühlen, an einem schönen Ort zu sein. Und gleichzeitig fehlte mir etwas: Denn ich war alleine mit meinen Ideen, ich hatte keinen Austausch."

Aus der Not machte die heute 31-Jährige eine Tugend. Sie stellte eine Webseite online und suchte Menschen, die gemeinsam im Sonnenschein aber dennoch in einer produktiven Atmosphäre arbeiten wollten. "Und dann nahm das Projekt Fahrt auf", blickt sie zurück. Heute hat sie zwei Event-Partner in Spanien und bietet fünf bis sieben Workation-Termine pro Jahr in Südeuropa an.

Arbeitsforscher Dr. Werner Eichhorst vom Wirtschaftsforschungsinstitut IZA in Bonn glaubt zwar nicht, "dass man hohe Temperaturen und Sonneneinstrahlung braucht, um kreativ zu sein", er geht jedoch davon aus, dass die Reize der besonderen Umgebung und die Kommunikation die Kreativität anregen. "Es kommt eher auf den Event-Charakter an. Und dass hier bunt gemischte Teams zusammen sind, die sich gegenseitig auf Ideen bringen, die sich in einer anderen Situation unter Menschen, die sich gut kennen und ähnlich sind, nicht entwickeln würden."

Doch nicht jeder ist für eine solche Urlaubs-Arbeits-Einheit geeignet. "Eigenbrötler wären hier fehl am Platze", sagt Katja Andes. "Man muss auch die Bereitschaft zum Wissensaustausch haben und den Wunsch, produktiv zu sein."

Den hatte Mareike Bergunde auf jeden Fall, als sie sich im Mai für den Andalusien-Termin anmeldete. "Ich wollte unbedingt Urlaub machen, aber ich wollte auch ein Projekt, das mir am Herzen liegt, vorantreiben." Ihre Bilanz: "Der Mix zwischen Arbeit und Erholung war perfekt." Nicht nur, weil sie die ersten Seiten ihres Buches präsentieren konnte und ein Feedback erhielt: "Es hat mich auch motiviert, auch andere arbeiten zu sehen, die für ihr Projekt gebrannt haben."

Tilman Lichdi war dabei vermutlich ein Exot. "Bis dahin hatte ich nichts mit Business und Wirtschaft zu tun. Und ich kannte auch solche Leute nicht", gibt er zu. Sein Fazit nach diesen zehn Tagen: "Ich habe angefangen zu lernen, wie man als Business-Mensch denkt und wie man mit Produkt, Markt und Kunden umgeht." Umgekehrt konnte er anderen Teilnehmern helfen, die Stimme bei Präsentationen und Videos richtig einzusetzen.

Nicht so leicht ist es vermutlich, die euphorische Stimmung auch in den Alltag hinüberzuretten. Dennoch hat der "Workation"-Aufenthalt bei Mareike Bergunde bis heute Wirkung: Um mit ihrem Buch weiterzukommen, hat sie sich nun einen festen Schreibtag eingerichtet. Einmal in der Woche weht so ein bisschen "Sunny Office" von Spanien nach Hamburg.

sunny-office.com/de

dnxcamp.com

Katja Andes hat sich ihren Arbeitsplatz unter Palmen eingerichtet. Foto: sunny-office.com. Foto: sunny-office.com

workation.wirelesslife.de