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Wie Spiele-Apps süchtig machen
So macht das Smartphone süchtig

Die App Pokémon Go zieht seit zwei Jahren weltweit Millionen Spieler in ihren Bann. Die anhaltende Jagd nach den digitalen Tieren könnte bei anfälligen Nutzern das Suchtpotenzial erhöhen.
Die App Pokémon Go zieht seit zwei Jahren weltweit Millionen Spieler in ihren Bann. Die anhaltende Jagd nach den digitalen Tieren könnte bei anfälligen Nutzern das Suchtpotenzial erhöhen. FOTO: dpa / Silas Stein
Frankfurt/Lübeck. Handy-Spiele sind mittlerweile beliebter als das Zocken am Computer oder an der Konsole. Kein Wunder, denn viele dieser Spiele setzen auf Belohnungssysteme, die süchtig machen können. Ein Experte warnt vor den Folgen. Von afp

Manche Smartphones können technisch und grafisch inzwischen mit Spielkonsole mithalten. Spieleentwickler, die sich derzeit auf der Messe Gamescom in Köln treffen, verdienen mit Apps mittlerweile mehr Geld als mit klassischen Computerspielen. Dabei setzen sie allerdings Mechanismen ein, die Nutzer süchtig machen können, kritisiert Psychologe Hans-Jürgen Rumpf von der Uniklinik Lübeck. „Sie setzen auf schnelle Gewinne am Anfang, die im Laufe des Spiels aber immer schwerer erreichbar werden“, erklärt er. „So muss ein Spieler für seine Belohnung immer mehr Zeit oder Geld investieren.“ Suchtpotenzial hat beispielsweise die weltweit rund eine Milliarde Mal heruntergeladene Smartphone-App „Pokémon Go“, die 2016 an den Start ging. Bei diesem Spiel geht es um die Befriedigung, irgendwann einmal alle Pokémon zu besitzen. Gar nicht so einfach, wenn regelmäßig neue digitale Tierchen und neue Herausforderungen dazukommen.


Besonders gefährlich seien vor allem Apps, in denen Spieler gemeinsam Aufgaben lösen müssen, wie zum Beispiel Onlinerollenspiele. „Dort entsteht schnell ein sozialer Druck, immer weiter zu spielen“, sagt Rumpf.

Im Juni diesen Jahres erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Computerspielesucht offiziell zur Krankheit. Bislang wurden die meisten Patienten an den klassischen Konsolen wie Playstation und Xbox oder dem Computer süchtig. Doch je leistungsstärker Smartphones werden und je komplexer die Apps, desto gefährlicher werden auch sie für suchtanfällige Menschen.



„Das Problem am Handy ist seine ständige Verfügbarkeit“, sagt Rumpf. „Der Nutzer hat es immer dabei.“ Selbst wenn er nur kurz seine Nachrichten lesen wolle, könnte gleichzeitig eine neue Benachrichtigung des Online-Spiels eintreffen. Das ist der nächste Impuls zum Weiterspielen. Das könne eine Ankündigung von Pokémon Go sein, dass in der Umgebung neue Pokémon erschienen sind oder dass ein neues digitales Event beginnt. „Das ist ein Reiz, den manche Spieler kaum ausschalten können“, erklärt der Experte. So könne schnell eine Sucht entstehen.

Süchtige vereinen laut Rumpf oft bestimmte Merkmale: „Sie sind meist männlich und haben manchmal auch psychische Probleme oder Störungen. Auch Arbeitslosigkeit oder ein Migrationshintergrund können Risikofaktoren sein.“ Spiele seien für viele ein Fluchtweg aus der Realität in eine bessere Fantasiewelt. „Sie spielen, wenn sie gelangweilt, gestresst oder traurig sind. In solchen Situationen bringen sie weniger Leistung, was sie noch weiter runterzieht. Als Folge nehmen sie wieder das Handy in die Hand“, sagt Rumpf. „Das ist zu Beginn ein langsamer Kreislauf, der plötzlich sehr schnell werden kann.“

Und die Folgen können gravierend sein. „Einige Süchtige brechen die Schule oder Ausbildung ab, oder es droht ihnen die Kündigung. Sie verlieren Freunde und Partner“, sagt Rumpf. Im Gegensatz zur Spielsucht im Casino seien die finanziellen Folgen einer Smartphone-Spielesucht aber meist nicht existenzbedrohend.

Rumpf kritisiert, dass die Spiele-Industrie die Verantwortung von sich weise: „Wir haben uns mit der Suchtbeauftragten der Bundesregierung und der Spiele-Industrie an einen Tisch gesetzt. Dabei zeigte Industrie leider keine große Kooperationsbereitschaft.“

Rumpfs Vorschlag, um suchtanfälligen Menschen zu helfen: „Spiele mit großem Suchtpotenzial sollten nur für Ältere freigegeben werden.“ Bislang gebe es Altersbeschränkungen für Spiele mit Gewalt oder sexuellen Inhalten, aber nicht für Suchtpotenziale. Helfen könnten Rumpf zufolge auch Warnhinweise, wenn Nutzer länger als zwei oder drei Stunden am Tag ohne Unterbrechung spielen. Auch eine Funktion, die das Spiel nach einer gewissen Dauer blockiert, könnte helfen.

„Spieler sollten sich Sorgen machen, wenn sie merken, dass sie die Kontrolle verlieren“, sagt der Psychologe. „Wenn ich bis spät in die Nacht spiele und ständig übermüdet im Job, an der Uni oder in der Schule bin, ist das ein Zeichen, dass das Spiel Macht über mich hat.“

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bietet im Internet Hilfestellung zur Spielsucht für Betroffene an.

www.bzga.de