"Smombies" gefährden im Straßenverkehr zunehmend sich und Andere

Mehr Unfälle durch Ablenkung : Die Invasion der Smartphone-Zombies

Viele schwere Unfälle entstehen, weil Fußgänger unaufmerksam sind. Das Handy ist dabei Ablenkungsgrund Nummer eins.

Das Smartphone ist zum ständigen Begleiter im Alltag geworden. Die Geräte sind nützlich, doch so manch einer starrt allzu lange auf den Bildschirm des Taschencomputers. Wer den Blick gar nicht mehr von dem Gerät lösen kann, wird zum „Smombie“. Das Kunstwort setzt sich aus den Begriffen „Smartphone“ und „Zombie“ zusammen. 2015 wurde es von einer Jury zum Jugendwort des Jahres gewählt. Gemeint sind Menschen, die durch den ständigen Blick auf ihr Smartphone so stark abgelenkt sind, dass sie ihre Umgebung kaum noch wahrnehmen.

Vor allem im Straßenverkehr droht dann Gefahr. Ärzte für Kinderchirurgie des Universitätsklinikums Leipzig haben nun untersucht, wie viele Patienten des Klinikums nach Unfällen behandelt werden mussten, die entstanden, weil Fußgänger durch ihr Handy abgelenkt wurden. „Wir haben festgestellt, dass es zu immer mehr Unfällen kommt, die durch Smartphones verursacht werden“, sagt Dr. Martin Lacher, Direktor der Leipziger Klinik für Kinderchirurgie. Der erste Fall sei ihm 2012 bekannt geworden. Seitdem seien in der Leipziger Klinik zehn Mädchen und Jungen nach Smartphone-Unfällen stationär behandelt worden. Acht der zehn Fälle hätten sich in den vergangenen drei Jahren ereignet, so der Klinikleiter. Das liege daran, dass immer mehr Kinder und Jugendliche schon früh ein eigenes Mobiltelefon besäßen. Außerdem nutzen junge Menschen laut Aussage der Leipziger Forscher ihr Smartphone inzwischen vier bis sechs Stunden am Tag. Lacher geht davon aus, dass es bei Unfällen eine hohe Dunkelziffer gibt, da die meisten Patienten nicht zugeben, dass das Smartphone die Ursache des Unfalls war. „Wenn man wegen des eigenen Smartphones verunglückt, kann das erst einmal peinlich sein.“

Nicht nur die Anzahl der Unfälle, sondern auch die Schwere der Verletzungen geben Anlass zur Sorge, so der Facharzt. Eine Zwölfjährige sei etwa von einem Auto erfasst worden, als sie mit dem Smartphone in der Hand die Straße überquerte. Obwohl das Auto nur mit 30 Kilometern pro Stunde gefahren sei, habe das Mädchen sich das Becken gebrochen. Einem anderen Mädchen sei ein Auto über die Hand gefahren, als sie ihr Smartphone von der Straße aufheben wollte. Und eine 16-Jährige sei in einer Silvesternacht durch ein Glasdach gefallen, als sie gerade ein Foto von sich selbst machte. Sie habe ein schweres Wirbelsäulentrauma erlitten.

Besonders gefährlich seien Smombies im Straßenverkehr, da sie durch ihr Verhalten nicht nur sich selbst, sondern auch Andere gefährdeten, erklärt Lacher. Mädchen seien besonders oft in solche Unfälle verwickelt. Nur bei zwei der zehn Fälle habe ein Junge im Zentrum des Geschehens gestanden. Dem Klinikdirektor macht die Zunahme an Smartphone-Unfällen große Sorgen. Daher will er mehr Aufmerksamkeit auf dieses Problem lenken. Aus diesem Grund finde er das Wort „Smombie“ so passend. Der Begriff sei ideal, um den Menschen einen Spiegel vorzuhalten und ihnen zu verdeutlichen, wie problematisch ihr Verhalten sei. Denn Lacher befürchtet, dass es bald Todesfälle in Deutschland geben werde, falls nichts unternommen werde.

Wie lässt sich das verhindern? Das habe der Smartphone-Nutzer in der Hand, erklärt Lacher. Vor allem junge Menschen müssten auf die Gefahren durch die Nutzung des Smartphones, speziell als Fußgänger im Straßenverkehr, hingewiesen werden. Andererseits müsse aber auch der Gesetzgeber eingreifen, und etwa das Überqueren der Straße mit dem Blick auf das Smartphone unter Strafe stellen, ähnlich wie die Nutzung des Handys am Steuer. Im US-Bundesstaat Hawaii sei das bereits illegal. Außerdem könnten wie etwa in den Niederlanden, aber auch hierzulande schon in Köln und Augsburg, Ampeln im Boden installiert werden. Dann können Fußgänger, während sie auf ihr Handy schauen, besser sehen, ob die Ampel grün ist. Für Autofahrer gebe in der schwedischen Hauptstadt Stockholm schon Schilder, die vor Smombies an gefährlichen Straßen warnen, sagt Lacher. Auch im baden-württembergischen Reutlingen wurde eines aufgestellt.

Strafen für Auto- und Fahrradfahrer, die das Handy am Steuer nutzen, gibt es schon lange und die Regelungen werden immer strenger. Seit 2017 ist nicht nur das Telefonieren mit dem Handy am Ohr verboten, erklärt der ADAC. Tabu sei auch die Nutzung sämtlicher Funktionen eines Mobil- oder Autotelefons. Darunter fallen auch Textnachrichten oder einfach nur der Blick auf den Bildschirm. Außerdem wurde das Verbot laut ADAC auf weitere Geräte ausgeweitet, darunter Tablets, E-Books, Navigationsgeräte, Diktiergeräte oder i-Pods. Der Fahrer dürfe ein Gerät nur dann in die Hand nehmen, wenn das Fahrzeug steht und der Motor ausgeschaltet ist, so der ADAC.

Wer gleichzeitig fährt, sein Smartphone benutzt und erwischt wird, muss 100 Euro zahlen, und bekommt einen Punkt in Flensburg. Wer dabei andere gefährdet, zahlt 150 Euro, bekommt zwei Punkte und einen Monat Fahrverbot. Mit Sachbeschädigung steigt das Bußgeld auf 200 Euro, dazu kommen die zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot.

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