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Rechtsextremisten nutzen das Internet, um junge Anhänger zu gewinnen.

Nazis im Netz : Wie Nazis im Netz Nachwuchs rekrutieren

Rechtsextremisten nutzen das Internet, um junge Anhänger zu gewinnen. Die durch die Corona-Pandemie entstandene Verunsicherung könnte ihnen dabei in die Hände spielen, warnen Jugendschützer.

Dass Nazis heutzutage nicht mehr an Glatze und Springerstiefeln zu erkennen sind, ist längst eine Binsenweisheit. Doch kommt der schlechte Einfluss nicht direkt ins Haus, sondern übers Internet ins Jugendzimmer, ist es für Eltern noch schwerer den Anfängen der Radikalisierung zu wehren. Dass Rechtsextreme neue Anhänger im Netz anwerben, ist ein bekanntes Phänomen. Allerdings könnte die Corona-Krise Radikalen bei der Verbreitung ihrer Ideologie in die Hände spielen, warnt die Bund-Länder-Ini­tiative
jugendschutz.net.

Kinder und Jugendliche seien Verschwörungstheorien, Falschnachrichten und rechtsextremen Umdeutungen, die vermeintlich einfache Antworten auf die Unsicherheiten dieser Zeit lieferten, besonders ausgesetzt. Mit dem Bericht „Corona-Pandemie und rechtsextreme Onlinepropaganda“ wollen die Jugendschützer Eltern und Jugendliche für diese Gefahr sensibilisieren. Rechtsextreme greifen laut den Jugendschützern aktuelle Diskussionen um staatliche Maßnahmen zur Eindämmung des Virus auf, um rassistische Hasskampagnen und Verschwörungsmythen im Netz zu verbreiten.

Die größte Bühne dafür und für die Werbung neuer Anhänger böten dabei soziale Netzwerke. 90 Prozent der 1401 Fälle von rechtsextremer Propaganda im Internet, die jugendschutz.net laut dem Bericht „Rechtsextremismus im Netz 2018/2019“ gesichtet hat, wurden dort gefunden. Die Nazis schürten in sozialen Medien gezielt Ängste. So würden geflüchtete Personen in Beiträgen mit dem Virus gleichgesetzt und zur lebensbedrohlichen „Krankheit“ erklärt. Verbreitete Verschwörungstheorien erklärten das Coronavirus als eine Waffe sei, die gezielt in geheimen staatlichen Laboren entwickelt wurde. Oder: Die staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus seien in Wahrheit nur ein Mittel, um den Staat umzubauen. Und: Angela Merkel führe heimlich einen Krieg gegen das eigene Volk.

Der brandenburgische Verfassungsschutz spricht in seinem Bericht davon, dass die Nazis eine „rechtsextremistische Online-Erlebniswelt“ aufbauen, in der die Ideologie und dazugehörige Symbolik zielgruppengerecht aufbereitet werde. So schmücken etwa Hakenkreuzfahnen und Bilder von Adolf Hitler die Profile einiger Accounts auf ausländischen Netzwerken. Jugendschutz.net berichtet, dass Extremisten mit Memes – das sind unter Jugendlichen beliebte Bilder mit Sprüchen – in Messenger-Gruppen dazu auffordern, jüdische, schwarze oder muslimische Menschen gezielt mit Corona zu infizieren.

Eine weitere in der Krise verbreitete Masche der Rechtsextremen sei, mit vermeintlichen Solidar-Aktionen Werbung für sich zu machen. In der Pandemie haben sich viele Unterstützungsnetzwerke gebildet, die etwa ältere Menschen und Mitglieder von Risikogruppen unterstützen. Über die sozialen Medien bieten laut jugendschutz.net auch rechtsextreme Parteien und Organisationen, darunter die NPD, ihre Hilfe an und knüpfen so neue Kontakte.

Die Extremisten entwickelten ständig neue Strategien bei der Rekrutierung und setzten dabei verschiedene Medien und Plattformen ein, sagt der brandenburgische Verfassungsschutz. So erschien im Oktober 2019 erstmals der Podcast „Die Schwarze Fahne“, der deutliche Bezüge ins rechtsextremistische Milieu aufweise. Zu Beginn waren die Audio-Sendungen auf dem Streaming-Dienst Spotify zu hören. Mittlerweile sind sie auf der Plattform nicht mehr zu finden. Drei bis vier Personen unterhalten sich im Podcast wöchentlich über politische Themen. Auffällig sei, dass sie sich dabei gezielt die Sprache von Internetforen wie 4chan oder 8chan bedienten, um so ein junges, internetaffines Publikum zu erreichen. Da in solchen Foren anonym kommuniziert werde, ohne dass der Webseitenbetreiber einschreitet, verbreiten sich laut Verfassungsschutzbericht dort massenhaft fremdenfeindliche, antisemitische und gewaltverherrlichende Inhalte.

Wegen ihrer Reichweite bleiben Netzwerke wie Twitter und Facebook für Rechtsextreme interessant. Dass die Unternehmen auf Druck von Politik und Gesellschaft seit einiger Zeit verstärkt Konten sperren, über die verfassungsfeindliche, antisemitische oder gewaltverherrlichende Inhalte verbreitet werden, nehme Rechtsextremen diese Bühne, sagt der Verfassungsschutz. Allerdings bestehe auch die Gefahr, dass extremistische Nutzer zusammen mit bereits angebahnten Kontakten auf andere Plattformen wechseln. Dort könnten sie ihre Ideologie dann meist gänzlich unwidersprochen präsentieren.

Häufig genutzte Alternativen seien Messengerdienste wie Telegram sowie das aus Russland stammende Netzwerk vk, das von Rechtsextremen zur Verbreitung von Hasspropaganda und brutaler Gewalt- und Tötungsvideos genutzt werde. Ebenfalls beliebt sei das soziale Netzwerk gab (deutsch: quatschen), das seinen Ursprung in den USA hat. Die Plattform trete als Verfechter der freien Rede auf, weshalb Rechtsextremisten laut Verfassungsschutzbericht dort „ihre menschenverachtenden sowie gewaltverherrlichenden Positionen in großem Stil“ verbreiten können.

Spieleplattformen wie Steam seien ein weiteres Einfallstor, warnt der Verfassungsschutz. Die Extremisten nutzten Videospiele, insbesondere solche mit hohen Gewalt-Anteilen sowie Kriegssimulationen als Köder und bahnten über Steam erste Kontakte mit Interessierten an. In Chatprogrammen wie Discord, das bei Videospielern beliebt ist, gehe die Unterhaltung dann weiter.

Die Nutzung solcher Plattformen und Dienste sei dabei nicht per se ein Hinweis auf Extremismus, erklärt der brandenburgische Verfassungsschutz. Zunächst sei es wichtig, dass Eltern, Freunde und Angehörige zur Kenntnis nehmen, wenn sich Jugendliche auf solchen Plattformen bewegen. Um zu erfahren, wozu junge Menschen die Dienste nutzen, rät der Verfassungsschutz zuallererst das persönliche Gespräch zu suchen.

Kinder und Jugendliche müssen vor allem gegen Desinformationen gerüstet werden, sagt jugendschutz.net. Dazu gehöre es, Informationen einordnen und Quellen überprüfen zu können. Nützliche Materialien und Informationen zum Thema Rechtsextremismus im Netz gibt es auf jugendschutz.net, bei der EU-Initiative klicksafe.de sowie bei der Amadeu Antonio Stiftung.

www.amadeu-antonio-stiftung.de

www.klicksafe.de

www.jugendschutz.net