Psychologen erklären: Warum Kinder auf Papier lesen sollten

Psychologen erklären : Warum Kinder auf Papier lesen sollten

Digitale Medien werden immer häufiger auch beim Lesenlernen eingesetzt. Doch sie können das Buch nicht ersetzen.

Dass Kinder gut lesen können, gilt als zentral für den Bildungserfolg. Aber wie viel Buch muss bleiben und wie digital darf es werden, wenn Kinder lesen lernen? Wissenschaftler haben beobachtet, wie unterschiedlich das Gehirn reagiert, wenn es den komplexen Vorgang beim Lesen auf Papier meistern und wenn es mit digitalen Medien umgehen soll.

Beim Lesen eines Buches bleibe mehr hängen, es habe auch einen höheren Anspruch, erklärt der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer. „Wenn man auf dem Bildschirm liest, flackert jeder Blödsinn rüber, jeder kann irgendwas schreiben und per Knopfdruck in die Welt senden.“ Wirklich lesen könne ein Kind nicht auf einem Tablet-Bildschirm lernen, erläutert er. „Wenn nur noch kurze Nachrichten über kleine Bildschirme gelesen werden, ist das hochproblematisch“, so der Psychiater.

„Lesen bildet, Daddeln nicht“, sagt Spitzer weiter. Auch elektronische Lehrbücher verführten zum Daddeln, beobachtet der Gründer des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen an der Universität Ulm. Digitale Medien hätten in Grundschulen nichts zu suchen, sagt Spitzer. Mit Verweis auf mehrere Untersuchungen warnt der Facharzt, dass digitaler Medienkonsum im Kindergartenalter der Sprachentwicklung schade und im Grundschulalter zu Störungen der Aufmerksamkeit führe.

Bei der Lesekompetenz von Kindern in Deutschland hapere es erheblich, wurde bei Studien festgestellt. Laut Stiftung Lesen hat jedes fünfte Grundschulkind Probleme beim Lesen. Lernforscherin Katharina Scheiter sagt, dass Kinder und Jugendliche durchaus viel lesen. Das sei ermutigend. „Aber das Leseverhalten hat sich durch die Digitalisierung verändert, auch jüngere Kinder lesen schon digital.“ Bei längeren Texten, die auf dem Handy, Tablet, am PC- oder Laptop-Bildschirm gelesen würden, gebe es Schwierigkeiten, das Gelesene tiefer zu verarbeiten und im Gedächtnis abzuspeichern, erklärt die Psychologin vom Leibniz-Instituts für Wissensmedien (IWM) in Tübingen.

Mit den digitalen Medien kämen zum Text Erklärvideos, Bilder, Grafiken und Animationen hinzu. „Die große Frage ist aber, wie man das alles gut verknüpft.“ Es bereite Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen Schwierigkeiten, die Inhalte der verschiedenen Quellen einzeln zu verstehen und in Bezug zueinander zu bringen.

Scheiter zufolge sollen digitale Medien den Lernprozess vor allem unterstützen. Sie zweifelt allerdings daran, ob digitale Inhalte überhaupt zum Lernprozess beitragen können. Zu Hause wie in der Schule müsste den Kindern erklärt werden, wie sie mit den digitalen Medien umzugehen haben. „Es darf auch im Unterricht nichts ungeleitet geschehen und Schüler dürfen mit dem multimedialen Angebot nicht überfordert werden“, so Scheiter.

Hirnforscher und Psychologe Peter Gerjets schaut aufs Gehirn. „Digitales Lesen heißt auch multimediales Lesen, mit Hyperlinks, bewegten und interaktiven Grafiken, Animationen. Solche digitalen Leseelemente können das Gehirn stark beanspruchen“, erläutert der Wissenschaftler, der auch am IWM in Tübingen arbeitet. Das habe sich auch bei Untersuchungen mittels EEG gezeigt. Bei dieser Untersuchungsmethode wird die elektrische Aktivität des Gehirns durch Sensoren an der Kopfhaut gemessen.

„Lesen im Internet ist anstrengender und tendenziell oberflächlicher“, so Gerjets. „Ressourcen, die für ein tiefes Lesen nötig wären, werden leicht durch Klicken und Multimedia verschwendet.“ Das längere Lesen funktioniere am Bildschirm nicht so gut wie das Lesen eines Buches. Das Lesen auf Papier, das Lesen längerer Texte in Büchern sei sehr wichtig. „Das muss unbedingt bleiben. Was man dabei lernt – Konzentration, Gedankengänge länger verfolgen – erweitert das Gehirn.“

Verändert sich unsere Schaltzentrale im Kopf, wenn sie von Kindheit an immer stärker auf digital umschaltet? Der Grundmechanismus des Gehirns ändere sich zwar nicht, die synaptische Struktur aber schon, erklärt Gerjets. „Was nicht aktiviert wird, wird abgebaut. Da ist das Gehirn wie ein Muskel, den man trainieren muss. Wer ihn nicht benutzt, verliert ihn.“

(dpa)