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Online-Phänomen "Ghosting"
Plötzlich einfach weg...

Wer heutzutage im Internet auf Partnersuche geht, könnte Opfer eines neuen Trends werden: „Ghosting“. Dabei verschwindet der Dating- oder Beziehungspartner ohne Vorwarnung aus dem Leben des anderen.
Wer heutzutage im Internet auf Partnersuche geht, könnte Opfer eines neuen Trends werden: „Ghosting“. Dabei verschwindet der Dating- oder Beziehungspartner ohne Vorwarnung aus dem Leben des anderen. FOTO: dpa / Sebastian Gollnow
Saarbrücken. „Ghosting“ – so nennt sich ein Phänomen, das in Zeiten von unverbindlichem Online-Dating immer häufiger auftritt. Dabei verschwindet der Partner sang- und klanglos aus dem Leben des anderen. Der Verlassene bleibt ratlos zurück. Von Melissa Leonhardt

Noch nie war es so einfach für Menschen, den oder die „Richtige“ zu finden. Dem Internet sei Dank. Zahlreiche Online-Partnerbörsen und Dating-Portale werben offensiv mit den Möglichkeiten ihrer Kennenlern-Apps. Doch wo viel Licht ist, da gibt es auch viel Schatten. Denn wer auf Partnersuche in der strahlenden Online-Welt ist, kann nie ganz sicher sein, ob sich nicht vielleicht doch erst beim nächsten Klick der wirkliche Traummann oder die Traumfrau verbirgt. Aber wie verstößt man in diesem Fall seinen aktuellen Dating-Partner? Eine Methode ist das sogenannte Ghosting.


Es ist im Grunde genommen ein altes Phänomen, das vor einiger Zeit mit einem Anglizismus getauft wurde und seitdem in aller Munde ist: Zwei Menschen lernen sich kennen, gehen miteinander aus, der eine verliebt sich, beim anderen ist der Funke nicht übergesprungen. Doch wie erklärt man das am besten dem andere? Die Antwortet lautet: gar nicht. Vielmehr verschwindet man einfach ohne Vorwarnung aus dessen Leben anderen. Es gibt keine Erklärung, keine Schluss-Mach-SMS, kein Trennungsgespräch. Der „Ghost“, die Person, die den Kontakt abbricht, antwortet schlichtweg nicht mehr auf Nachrichten, nimmt keine Anrufe mehr entgegen und hält Verabredungen nicht ein. Die Opfer bleiben im Ungewissen. Sie fühlen sich, als hätten sie bloß einen Geist gesehen.



Doch was hat das mit dem Internet zu tun? Durch unverbindliche Dating-Apps und Online-Partnerbörsen hat sich der zwischenmenschliche Umgang miteinander verändert. Zum einen ist die Auswahl an möglichen Dating-Partnern deutlich größer als früher – was unter anderem dem Prinzip von Apps wie Tinder oder Lovoo geschuldet ist. Im Sekundentakt liefern sie Partnervorschläge, der Nutzer entscheidet anhand von Fotos, ob er jemanden kennenlernen möchte oder nicht. Wischt der Daumen etwa bei Tinder nach links („Nope“), signalisiert der Anwender Desinteresse. Wischt er hingegen nach rechts („Like“) und erhält er auch von der anderen Person einen Daumen nach oben, kommt es zu einem sogenannten Match. Nun steht der Kontaktaufnahme nichts mehr im Wege. Dass dabei der Wert des Einzelnen verloren geht, verwundert nicht. „Menschen werden zur Ware, bekommen einen Schnäppchencharakter“, sagt der Paartherapeut Rüdiger Wacker.

Zum anderen ist es durch die sozialen Netzwerke leichter denn je geworden, eine Person zu ignorieren und aus seinem Leben zu streichen. Wer keine Lust mehr auf ein zweites Date hat, braucht sich demnach nicht die Mühe zu machen, seine Entscheidung in einem unangenehmen Gespräch zu begründen. Der „Ghost“ gehe einer Aussprache einfach aus dem Weg, erklärt Bastian Roet vom Berufsverband Deutscher Soziologen. Sie zeigen ohne große Worte, dass ihr Interesse an weiteren Treffen oder an einer Beziehung verpufft ist.

„Ghosting“ sei demnach eine Mischung aus sozialer Inkompetenz und Überforderung, erklärt der Experte. Von außen wirke dieses Verhalten zwar häufig irrational, doch tatsächlich wiege der „Ghost“ die Vor- und Nachteile seines Handelns ganz genau ab. Roet sieht die Gründe für das „Ghosting“ ebenfalls in der beschleunigten Kontaktaufnahme: Lernten sich zwei Menschen über eine Dating-Plattform im Netz unverbindlich kennen, sei die Hürde, die Beziehung genauso schnell und unverbindlich wieder zu beenden wie sie begonnen hat, geringer.

Marie* (*Name von der Redaktion geändert), Mitte zwanzig, hat auch schon einmal jemanden geghostet, wie sie der Saarbrücker Zeitung berichtet. Nach der Trennung von ihrem Freund beginnt die Studentin aus Münster, Niko zu treffen. Die beiden verstehen sich gut, sie sehen sich immer öfter und beginnen eine lockere Beziehung. Dann kommt Marie unverhofft wieder mit ihrem Exfreund zusammen. Den Mut, das Niko zu gestehen, hat sie nicht. Stattdessen zieht sich Marie einfach zurück.

Egal, ob lockerer Flirt oder feste Beziehung: „Dieses Verhalten ist einfach nur rücksichtslos und feige“, findet die Kieler Diplom-Psychologin Svenja Lüthge. Der Verlassene frage sich, was er falsch gemacht habe, und wisse nicht, woran er sei. „Das ist nicht fair, das hat niemand verdient“, so Lüthge. Doch es gebe auch Anzeichen dafür, dass der Dating-Partner ein potenzieller Ghost sein könne – etwa wenn er nach einem Streit wochenlang nicht spricht oder Konflikten aus dem Weg geht. „Auf jeden Fall kann man froh sein, eine Person, die so etwas tut, los zu sein.“

Doch nicht immer ist Ghosting klar erkennbar. Beim sogenannten Submarining (U-Booten), sozusagen einer Unterkategorie des Ghostings, tauchen Dating-Partner regelmäßig für eine gewisse Zeit unter. Nachrichten und Anrufe werden wochenlang, manchmal sogar über Monate hinweg, ignoriert. Danach meldet sich der „Täter“ häufig unerwartet und knüpft genau dort an, wo er aufgehört hat.

Was ist die richtige Reaktion auf ein solches Verhalten? Wer Opfer von Ghosting oder Submarining wird, müsse vor allem die Entscheidung des Ghosts akzeptieren. Zu versuchen, den Täter zur Rede zu stellen, ist laut Beziehungsexperte David Wilchfort keine Lösung. Denn in den meisten Fällen warten Verlassene vergebens auf eine Reaktion. Hilfreicher sei es dagegen, frühzeitig über gegenseitige Erwartungen zu sprechen und sich offen für die Bedürfnisse des anderen zu zeigen. „Je mehr der Ghost spürt, dass seine Entscheidungen akzeptiert werden, desto eher wird er diese seinem Partner mitteilen“, erklärt der Experte.