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Oddly Satisfying Videos erfreuen sich im Internet großer Beliebtheit

Online-Videos statt Schäfchen zählen : Mit einfachsten Mitteln zum Online-Hit

Manche Videos werden im Internet millionenfach angeschaut, nicht obwohl, sondern weil in ihnen nicht viel passiert.

(dpa/SZ) Kuriose Videos gibt es im Internet zuhauf. Wer glaubt, dass es große Geschichten, interessante Figuren und aufregende Kameraeinstellungen braucht, um millionenfach angesehen zu werden, liegt falsch. Großer Beliebtheit erfreuen sich auf der Video-Plattform Youtube auch solche Filme, in denen nicht viel passiert. Der Youtube-Kanal „Sand Tagious“ Sand zerknirscht, verformt und zerschnitten wird. Über 2,2 Millionen Menschen haben den Kanal abonniert und verfolgen damit aufmerksam, was die Macher als Nächstes zeigen. In vielen ähnlichen Videos werden vor der Kamera ganz einfach Tätigkeiten erledigt, in der Regel auch ohne Musik. Dennoch bezeichnen diejenigen, die diese Videos mögen, sie als seltsam befriedigend. So wurden sie auf Englisch auch „Oddly Satisfying“ getauft.

Der Ursprung dieser Art von Videos findet sich laut Ulrich Köhler von dem Beratungsunternehmen „Trendbüro“ in der Werbeindustrie. Fernseh- und Kinowerbung zeige häufig stark überhöhte, besonders ansprechende Bilder, erläutert Köhler. Die ersten Videos, die man als „Oddly Satisfying“ bezeichnen könnte, entstanden für eine Werbekampagne des US-Konzerns Blendtec, einem Hersteller von Standmixern. Unter der Überschrift „Will it blend?“ (auf Deutsch etwa: „Wird es sich mixen, zerkleinern lassen?“) zeigt Blendtec-Gründer Tom Dickinson, wie Gegenstände, die in einem Küchengerät eigentlich nichts verloren haben, von dem Mixer dennoch zermahlen werden. Smartphones, Tablet-Computer, Batterien oder einen Amazon-Echo-Lautsprecher wurden in den Videos schon in ihre Einzelteile zerlegt. Ähnlich zerstörerisch gibt sich der deutsche Youtube-Kanal „Haertetest“. Zu sehen ist immer wieder das Gleiche: Ein Auto überrollt gewöhnliche Gegenstände, etwa Smartphones, Obst, Joghurt, Nudeln oder einen Kaktus. Mit knapp 9,4 Millionen Abonnenten ist er der zweitgrößte deutsche Youtube-Kanal.

Diese Videos seien so beliebt, weil sie als Pausen vom digitalen Alltag dienten, sagt David Daniel Ebert. Er ist Professor für Klinische Psychologie an der Freien Universität Amsterdam und beschäftigt sich unter anderem mit Online-Psychotherapie. Wenn ein Video sich wiederholende und ruhige Handlungen zeige, müssten Nutzer nur wenige Informationen verarbeiten und könnten ihre Aufmerksamkeit auf wenige Eindrücke konzentrieren, so Ebert. Im Alltag würden sie hingegen durch zahllose Informationen häufig übermäßig stimuliert. Für den Psychologen könnte der Reiz solcher Videos auch damit zu tun haben, dass in ihnen häufig mit den Händen etwas gemacht wird und viele Menschen im Alltag kaum noch mit ihren Händen arbeiten.

Eine andere, auf den ersten Blick ebenfalls befremdliche Art von Videos setzt auf einen Effekt, der sich ASMR nennt. Die Abkürzung steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Eine gute deutsche Übersetzung gibt es nicht. Der Effekt wird hervorgerufen durch Geräusche, die entspannend wirken oder ein leichtes Kribbeln auslösen sollen. Dazu streichen Menschen mit Pinseln oder Fingern über Mikrofone, blättern Bücherseiten, oder flüstern ins Mikrofon. Manchen hilft das angeblich sogar beim Einschlafen.

Dass sie beim Entspannen oder beim Einschlafen helfen sollen, versprechen auch zahlreiche ASMR-Videos auf Youtube. Viele stammen aus den USA, doch auch in Deutschland haben einige Videomacher den kribbelnden Effekt für sich entdeckt. Die Namen lassen dabei wenig Raum für Interpretation. „ASMR Janina“, „WhisperingJane ASMR“, „Annawhispers ASMR“ oder „Entspannt mit Sophia“ heißen einige deutsche Kanäle, die mit diesem Effekt locken wollen.

Dieses Phänomen ist laut Ebert zumindest ein wenig erforscht. Studien hätten gezeigt, dass es sich bei manchen Menschen tatsächlich auf Körper und Geist auswirke, sagt der Psychologe. Das Herz schlage ruhiger, die Stimmung helle sich auf.

So macht sich auch heute die Werbeindustrie sowohl ASMR als auch „Oddly Satisfying“ zunutze. Autohersteller BMW zeigt in einem Video „Oddly satisfying BMW-Momente“. Eiskratzen in Nahaufnahme, einen perfekt gepackten Kofferraum oder Schmutz, der von einem Hochdruckreiniger weggespült wird. Der schwedische Möbelhersteller Ikea kombiniert die beiden Phänomene und zeigt in dem Video „Oddly Ikea“, wie Frauenhände über Betttuch und Bettdecke streichen, ein Kissen aufschütteln und sorgfältig platzieren, Kleidung in einen Schrank hängen oder ein Regal aufstellen. Sodass man kaum bemerkt, dass man sich gerade einen 25-minütigen Werbespot für ein Möbelhaus ansieht.

(dpa)