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Co-Parenting
Wenn Freunde gemeinsam Kinder kriegen

 Christine Wagner, Gianni Bettucci und die gemeinsame Tochter Milla. Wagner und Bettucci sind Eltern, aber kein Paar.
Christine Wagner, Gianni Bettucci und die gemeinsame Tochter Milla. Wagner und Bettucci sind Eltern, aber kein Paar. FOTO: dpa / Kay Nietfeld
Berlin. Mit einem neuen Modell können auch jene eine Familie gründen, denen dieser Wunsch bislang versagt blieb. Von Martina Kind

Vor sieben Jahren wünschten sich Christine Wagner und ihre langjährige Freundin Miriam Förster ein Kind. Im Gegensatz zu vielen anderen homosexuellen Paaren fragten sie zunächst nicht nach dem „Wie“. Viel wichtiger war ihnen das „Wer“ – wer sollte der Vater sein? Denn für Wagner und Förster war klar: Das Kind musste einen Vater haben. Also machten sie sich auf die Suche. Sie arbeiteten Kontaktanzeigen in einschlägigen Zeitschriften ab, besuchten eine Kinderwunschgruppe im Regenbogenfamilienzentrum. Nichts passte. Wo könnte man noch fündig werden? „Dort, wo es so gut wie alles gibt: im Internet“, dachte sich Wagner. Und gründete mit ihrer damaligen Partnerin kurzerhand familyship.org, eine Plattform für Menschen mit Kinderwunsch. Heute ist die 36-jährige Ärztin aus Berlin Mutter einer fünfjährigen Tochter.


„Du hast einen Kinderwunsch? Bist du womöglich Single, lesbisch oder schwul? Hier lernst du Menschen kennen, die auf freundschaftlicher Basis eine Familie gründen möchten“ – heißt es auf der Startseite von Familyship. „Freundschaftlich“, das betont Wagner auch immer wieder im Gespräch. Denn darum gehe es bei „Co-Parenting“, einem in Deutschland kaum bekannten Familienmodell, bei dem sich zwei oder mehrere Menschen nicht als Liebespaar zusammentun, um ein Kind zu bekommen und es gemeinsam großzuziehen. Wörtlich übersetzen könnte man dieses Modell mit „gemeinsame Elternschaft“.

„In den USA oder in Großbritannien florieren Online-Portale wie ­Familyship schon seit Langem“, konstatiert Wagner. Bevor sie die Plattform gründete, habe es hierzulande keine vergleichbaren Angebote gegeben. Inzwischen gebe es mit ­co-eltern.de noch einen anderen Anbieter, der allerdings in Frankreich sitze und nach einem etwas anderen Prinzip arbeite. „Bei Familyship spielt der soziale Faktor dagegen eine große Rolle. Es geht wirklich darum, gemeinsam eine Familie aus Mutter, Vater, Kind zu gründen.“



Eine Familie per Mausklick, mit einem Fremden – wie soll das funktionieren? „Im Grunde nicht viel anders als Online-Dating“, erklärt Wagner. Menschen mit Kinderwunsch melden sich auf der Seite an und legen ein Benutzerprofil an. Dort können sie auch wählen, welche Rolle sie innerhalb der Familie spielen möchten. Wollen sie etwa regelmäßig für das Kind da sein und sich an seiner Erziehung beteiligen oder eher im Hintergrund bleiben? Männer können sich auch als Yes-Samenspender registrieren. Das bedeutet, dass sie ihre Identität preisgeben müssen und das Kind weiß, wer sein biologischer Vater ist. Wonach Mitglieder genau suchen und welche Vorstellung sie von einem idealen Familienleben haben, können sie zudem in einem Textfeld auf ihrem Profil ausführlich darlegen. „Wer sich sympathisch ist, kann sich schreiben, telefonieren, im besten Fall treffen. Was danach passiert, liegt nicht in unserer Hand. Wir bieten mit Familyship lediglich eine Kontaktplattform“, erklärt die Gründerin. Die Mitglied­schaft kostet je nach Dauer bis zu 79 Euro. Bei dem günstigsten Paket für 19 Euro haben Nutzer einen Monat lang Zeit, sich nach einem passenden Elternteil umzusehen.

Zu glauben, dass sich überwiegend Schwule und Lesben für ­Co-Parenting interessierten, sei ein Trugschluss, sagt Wagner: „Unter unseren Mitgliedern, aktuell sind es knapp 4000, befinden sich auch jede Menge heterosexuelle Singles.“ Dennoch sei die Plattform in erster Linie für gleichgeschlechtliche Paare entwickelt worden. „Zu Beginn hat es einen richtigen Andrang gegeben. Es war, als hätte man nur auf uns gewartet“, erinnert sich die 36-Jährige. Mit der Zeit aber meldeten sich auch immer mehr heterosexuelle Männer und Frauen an.

Mittlerweile sei das Verhältnis ausgewogen. Immer öfter registrierten sich auch ledige Männer, meist jenseits der 40, die sich ein traditionelles Familienmodell entweder nicht vorstellen könnten, oder bei denen es mit einer Partnerin bisher einfach nicht geklappt habe. „Die wollen einfach nicht mehr länger warten“, weiß Wagner. Die weiblichen Mitglieder seien im Durchschnitt 30 Jahre alt.

Kann eine gemeinsame Elternschaft auf freundschaftlicher Basis auf Dauer überhaupt funktionieren? „Bislang gibt es noch keine Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen von diesem oder ähnlichen Familienmodellen beschäftigt haben“, sagt Petra Thorn, Sozial- und Familientherapeutin in Frankfurt. Das wollen die Soziologinnen Almut Peukert, Mona Montafek und Christine Wimbauer von der Humboldt-Universität in Berlin ändern. In einem aktuellen Forschungsprojekt untersuchen sie das Thema.

„Grundsätzlich würde ich als Familientherapeutin sagen, dass es darauf ankommt, dass sich die Erwachsenen im Vorfeld gut miteinander absprechen, und dass sie ähnliche Werte und Vorstellungen haben. Sie müssen ihre Bedürfnisse klar formulieren und schon vorher wissen, wie sie mit ihrer Familie umgehen und mit ihr auftreten wollen“, erklärt Thorn. Sie glaube aber nicht, dass es Probleme für die Entwicklung des Kindes gebe – solange die Eltern stets souverän mit ihrer Situation umgingen und dies auch früh ihrem Kind vermittelten.

Thorn sieht im Co-Parenting auch Vorteile. So kümmerten sich gleich mehrere Erwachsene, die sich bestenfalls allesamt gut verstünden und respektvoll miteinander umgingen, gleichermaßen um ein Kind. Was Thorn von Online-Plattformen, die fremde Menschen zu einer Familie vereinen, halte? „Heute haben wir das Internet, das eine sehr hohe Bedeutung in unserer Gesellschaft hat. Das definiert ja nicht eine Familie, sondern dient als Medium bei der Suche nach ihr.“

Gianni Bettucci, den Vater ihres Kindes, lernte Wagner vier Wochen nachdem ihre Seite online gegangen war, kennen. „Er war einer der ersten Männer, der sich auf ­Familyship angemeldet hat“, erzählt sie. Das erste Mal verabredeten sie sich in einem Café, später gingen sie immer öfter zusammen aus, fuhren gemeinsam in Urlaub, lernten Freunde und Familie kennen. Während dieser Zeit ging die Beziehung von Christine Wagner in die Brüche. Der Wunsch nach einem Kind blieb.

„Es dauerte ein Jahr, bis Gianni und ich uns entschlossen haben, es zu probieren.“ Mit Hilfe von künstlicher Befruchtung zeugten sie ihre Tochter Milla. Das war 2013. Mittlerweile ist Milla fünf Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihrer Mutter, ihrem Vater und dessen Lebensgefährten in einer großen Wohnung in Berlin. Das Sorgerecht teilen sich Wagner und Bettucci.

„Wir funktionieren wie eine normale Familie. Wir frühstücken zusammen, besprechen unseren Tag, verbringen viel Zeit miteinander. Einmal im Jahr machen wir einen Familienurlaub“, erklärt Wagner. Probleme gebe es keine. Im Gegenteil – für sie als Eltern sei dieses Konzept sehr entspannt. „Wir teilen uns die Zeit mit Milla untereinander auf. So hat jeder am Wochenende auch mal einen Abend frei. Ich fühle mich manchmal wie eine Teilzeit-Alleinerziehende.“

Und das Kind? „Für Milla ist alles ganz normal. Wieso sollte es auch nicht? Sie kennt es ja nicht anders“, sagt Wagner. Hin und wieder wundere sie sich, warum ihre Eltern nicht Händchen hielten oder – wie andere – heirateten. Aber diese Gedanken seien schnell wieder verflogen. „Wir sagen ihr, dass wir uns zwar liebhaben, aber uns nicht lieben. Das akzeptiert sie so.“