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Postbank-Studie
Mehr Zeit im Internet als am Arbeitsplatz

Fast immer online – auch zu Hause: Nutzer zwischen 18 und 34 Jahren sind zwölf Stunden länger im Netz unterwegs als der Durchschnitt.
Fast immer online – auch zu Hause: Nutzer zwischen 18 und 34 Jahren sind zwölf Stunden länger im Netz unterwegs als der Durchschnitt. FOTO: dpa-tmn / HalfPoint
Berlin. Die Deutschen verbringen fünf Stunden mehr pro Woche im Netz als im Büro, zeigt eine Untersuchung der Postbank. Von Peter Bylda
Peter Bylda

Gut 35 Stunden beträgt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in Deutschland – wer nur die Vollzeitbeschäftigten betrachte, komme auf 41,4 Stunden. Doch die Zeiten, da die Arbeitszeit das größte Kontingent im wöchentlichen Zeitbudget ausmachte, sind lange vorbei. Wie eine gerade veröffentlichte Untersuchung der Postbank zeigt, gibt es eine Beschäftigung, der die Menschen in Deutschland einen wesentlich größeren Teil ihrer Zeit widmen: das Surfen im Internet. Präzise 46,2 Stunden, das hat eine repräsentative Umfrage unter 3100 Menschen aller Altersgruppen ergeben, verbringt der Deutsche pro Woche im Web. Doch das ist nur der Durchschnittswert. Wer Menschen aus jüngeren Altersgruppen befrage, komme auf ganz andere Werte. Internetnutzer zwischen 18 und 34 Jahren, im Fachchinesisch der Branche als Digital Natives bezeichnet, sind zwölf Stunden länger im Netz unterwegs als der Durchschnitt. Sie kommen auf 58 Stunden wöchentlich.


So viel Zeit verbringen die Deutschen pro Woche im Internet.
So viel Zeit verbringen die Deutschen pro Woche im Internet. FOTO: SZ / Steffen, Michael

Die Macher der Postbank-Statistik gingen bei ihrer Umfrage ins Detail. Klassische Anwendungen des World Wide Web, so berichten sie, verlieren rasant an Bedeutung. Am Arbeitsplatz würden Internetdienste im Schnitt 2,6 Stunden pro Woche für berufliche Zwecke genutzt. Stattdessen gehe der Blick auch im Büro immer häufiger zum Smartphone. Überhaupt sei das Mobiltelefon mittlerweile das wichtigste Surfbrett im Netz. Mobilgeräte haben dem stationären PC schon länger den Rang abgelaufen, er ist nur noch für ein Drittel der Nutzer die Nummer eins beim Internetzugang. Doch auch beim Rennen zwischen Notebook und Smartphone scheint alles entscheiden. 14,6 Stunden verbringe der Durchschnittsdeutsche pro Woche am Smartphone, nur noch 13,4 Stunden am Mobilcomputer.



Die Unterschiede seien noch deutlicher, wenn die Statistik nach Altersgruppen aufgeschlüsselt werde. Junge Deutsche zwischen 18 und 34 Jahre verwendeten überwiegend (89 Prozent) das Smartphone zum Surfen, einen klassischen PC nutze weniger als die Hälfte. Auch bei den Älteren ab 35 Jahren sei das Mobilgerät im Kommen: 65 Prozent gingen mit ihren Smartphones online. Immerhin 57 Prozent nutzten aber noch einen normalen Computer.

Wer die Postbank-Studie nach Regionen aufschlüsselt, erkennt: Nirgendwo wird mehr gesurft als in der Hauptstadt. Die Berliner hängen den Rest der Republik aber nicht nur deshalb ab, weil sie mit 56,4 Stunden pro Woche Spitzenreiter bei der Internetnutzung sind. Sie haben mit fast 13 Prozent auch den mit Abstand höchsten Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Die Plätze zwei und drei gehen an die Stadtstaaten Bremen (53,4) und Hamburg (51,3 Stunden). Das Saarland (43,2) und Rheinland-Pfalz (43,9) belegen Plätze in der unteren Hälfte der Tabelle. Schlusslicht in der Postbank-Statistik ist Thüringen mit 40,5 Stunden Internetnutzung wöchentlich – das heißt aber auch, dass selbst die zurückhaltenden Thüringer mehr Zeit im Internet als am Arbeitsplatz verbringen.

In der Fachwelt wird der unaufhaltsam scheinende Vormarsch des Mobiltelefons mittlerweile kritisch betrachtet. Der Bonner Informatiker Alexander Markowetz hat 2015 eine Online-Untersuchung mit einer App gestartet, die nichts anderes tat, als das Verhalten eines Nutzers am Handy aufzuzeichnen und diese Daten anonymisiert auszuwerten. Über 300 000 Personen luden die „Menthal“ genannte App aufs Smartphone. Das Ergebnis der Studie sei alarmierend gewesen. Der Durchschnittsnutzer habe den Bildschirm des Geräts 88 Mal am Tag aktiviert – in 35 Fällen, um die Uhrzeit abzulesen. Durchschnittlich 53 Mal pro Tag hätten die Testpersonen allerdings Mails geschrieben, eine App aufgerufen oder seien im Internet aktiv geworden. Geht man davon aus, dass ein Mensch acht Stunden am Tag schläft, bedeutet das, dass er tagsüber alle 18 Minuten sein Smartphone aktiviert und dafür eine andere Tätigkeit unterbricht. Unter diesen Umständen werde konzentriertes Arbeiten immer schwieriger.