Licht am Ende des Tunnels

Licht am Ende des Tunnels

Der Graue Star ist ein typisches Altersleiden, bei dem die Augenlinse langsam trübe wird. Mit einer implantierten Kunstlinse können Chirurgen heute den meisten Patienten wieder zu klarer Sicht verhelfen. Die Augenklinik Sulzbach zählt zu den auf diesen Eingriff spezialisierten Zentren in Deutschland. Sie setzt jetzt auf eine neue, verbesserte Lasertechnik.

Was ist die häufigste Operation in Deutschland? Es ist nicht die Blinddarm- oder Gallenblasen-OP oder vielleicht der Kaiserschnitt, es ist die Operation des Grauen Star. Über 850 000-mal im Jahr wird der Eingriff nach Angaben des Statistischen Bundesamtes und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vorgenommen. Und die Zahl wächst. Denn die Krankheit, im Medizinerdeutsch Katarakt genannt, ist ein typisches Altersleiden. "Unter den 70jährigen", so Professor Dr. Peter Szurman, Leiter der Augenklinik Sulzbach , "ist jeder Zweite operiert." Die Katarakt-OP ist auch in anderer Hinsicht rekordverdächtig. Sie zählt zu den ältesten dokumentierten medizinischen Eingriffen. Zeugnisse für den sogenannten Starstich, damals allerdings ein Gemetzel am Auge mit höchst unsicherem Ausgang, sind schon aus vorchristlicher Zeit überliefert.

Auslöser des Grauen Star - der Ausdruck geht auf das Verb "starren" zurück - ist eine Trübung der Augenlinse. Die Ursachen sind nicht in allen Details erforscht. Der Fachausdruck Katarakt ist vom griechischen Wort für "Wasserfall" abgeleitet, denn die Ärzte der Antike glaubten, eine Flüssigkeit im Auge trübe die Sicht.

Eine gesunde Augenlinse fokussiert die von der Hornhaut gebrochenen Lichtstrahlen so, dass auf der Netzhaut ein scharfes Bild entsteht. Eine trübe Linse streut die Lichtstrahlen, der Seheindruck verliert an Kontrast, Farbe und Schärfe. Die Krankheit führt auch zu zunehmender Blendempfindlichkeit in der Nacht. Nehmen die Probleme überhand, muss die Augenlinse entfernt und eine künstliche implantiert werden. Ein anderes Behandlungsverfahren gibt es heute nicht.

In der modernen Chirurgie sei die Katarakt-Operation nicht nur der häufigste, sondern auch ein sehr erfolgreicher Eingriff, so der Leiter der Sulzbacher Augenklinik, deren Spezialambulanz mit jährlich 4000 Katarakt-Operationen als größte ihrer Art im Südwesten Deutschlands gilt. "Die Erfolgsquote liegt über 99 Prozent." Ein "ungemein freudvoller Eingriff", so Szurman, sei sie für den Arzt auch deshalb, weil die meisten Patienten am Tag nach der OP das Erfolgserlebnis klarer Sicht hätten.

Der Boom der Katarakt-Chirurgie seit den 1980er Jahren wäre nicht möglich gewesen ohne eine Entdeckung, die englische Ärzte im Zweiten Weltkrieg machten. Sie beobachteten, dass Plexiglassplitter zerschossener Flugzeugcockpits, die sich in die Augen der Piloten gebohrt hatten, oft problemlos einheilten. Damit war ein körperverträgliches Material für Kunstlinsen gefunden. In ihren Anfangstagen, so Peter Szurman, der von der Uni-Klinik Tübingen nach Sulzbach kam, sei die Katarakt-Operation mit großen Schnitten am Auge verbunden gewesen. Vor drei Jahrzehnten vereinfachte die Ultraschalltechnik den Eingriff und nun schicke sich der Laser an, die Technik zu revolutionieren.

"Was für die Chirurgen in den 1990er Jahren die Endoskopie war, erleben wir jetzt in der Augenheilkunde." Bei der nur einige Minuten dauernden Katarakt-OP wird die hinter Hornhaut und Pupille in einer Kapsel sitzende, trübe Augenlinse entfernt und durch eine klare Kunstlinse ersetzt. Dazu wird in die Vorderseite der Kapsel ein fünf Millimeter messendes, rundes Loch geschnitten. Die alte Linse wird bisher in der Regel per Ultraschall verflüssigt, ihre Fragmente werden abgesaugt. In die leere Kapsel setzt der Chirurg eine zusammengefaltete Kunstlinse, die sich dort zu voller Größe entfaltet. Das alles geschieht mit mikroskopischen Instrumenten durch zwei bis drei Millimeter messende Schnitte am äußersten Rand der Hornhaut. Sie sind so klein, dass sie nach der OP ohne Naht verheilen, so Szurman.

Seit einigen Jahren sind Laser-Verfahren auf dem Milliardenmarkt der Augen-OPs auf dem Vormarsch. Auch für die Katarakt-Operation gibt es Laserverfahren, doch die seien bisher von Ärzten und Patienten eher zurückhaltend aufgenommen worden, weil die Vorteile des Lasers gegenüber der etablierten Technik nicht überzeugend schienen, so Szurman. Der zweiten Laser-Generation traut der Sulzbacher Arzt nun den medizinischen Durchbruch zu. Und hier sei das Saarland jetzt "auf einen Schlag gleich ganz vorne dabei". Die Technik, bei der die Augenklinik Sulzbach als Deutsches Referenzzentrum dient, arbeite präziser, schonender und vereinfache die Operation.

Kompliziert ist dagegen ihr Name: Der Femtosekunden-Niedrigenergielaser (eine Femtosekunde ist eine billionstel Sekunde) setzt auf ultrakurze Laserimpulse zehnmal geringerer Energie als aktuelle Systeme. Das mache feinere Schnitte möglich. Der Laser könne in einem Arbeitsschritt sowohl die Linsenkapsel öffnen als auch eine trübe Linse zerteilen, sodass deren Reste leicht abgesaugt werden können. Das Verfahren vereinfache den rund fünf Minuten dauernden Eingriff so sehr, dass der Leiter der Augenklinik überzeugt ist: "Das wird sich durchsetzen. Wir werden ständig zu Kongressen eingeladen, um über diese neue Technik zu berichten."

Der technische Fortschritt, den der Chefarzt da eben lobt, ist für den Wissenschaftler Peter Szurman allerdings nur ein Schritt auf dem Weg in die Zukunft. Szurman denkt über neuartige, quasi-flüssige Optiken nach, mit denen das Auge sogar wieder wie in jungen Jahren auf Objekte in jeder Entfernung fokussieren könnte. Um sie in die Kapsel der Augenlinse zu implantieren, müssten allerdings vollkommen andere Operationstechniken entwickelt werden. "Das wäre der Durchbruch. Doch bisher ist das alles natürlich noch Zukunftsmusik." Ein allererster Schritt sei immerhin getan. Szurmans Sulzbacher Arbeitsgruppe forscht an einem Ersatz für den Glaskörper, der glasklaren Füllung des Auges zwischen Netzhaut und Linse. Und der hat bereits ganz ähnliche optische Eigenschaften wie das Material der Augenlinse.

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HintergrundBei der Katarakt-Operation spielt die Erfahrung des Arztes eine große Rolle, so die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG). Sie empfiehlt: "Mindestens 300 Operationen sollte ein Augenarzt unter Aufsicht durchgeführt haben, bevor er eigenständig eine Linsentrübung operiert." Eine Studie der Uniklinik Freiburg zeige, dass das Komplikationsrisiko bei Operateuren mit weniger als 300 Eingriffen mit rund vier Prozent am höchsten sei. Es falle bis zum 1500. Eingriff auf ein Prozent oder weniger. Die Forscher werteten für ihre Studie 5475 OP-Berichte aus, so die DOG.

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