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Let’s Play – Lasst uns spielen

Beim Computerspielen zuschauen : Computerspieler sind Stars im Internet

Ein Drittel der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren sieht sich Videos an, in denen andere Computer spielen.

Die Plattform Twitch ist eine Internetseite zur Live-Übertragung von Videos. Bei neun der zehn meistbesuchten deutschen Kanäle dort geht es um Videospiele. Auch der größte private Youtube-Kanal,
„PewDiePie“, der inzwischen 107 Millionen Abonnenten hat, hat mit der Übertragung von Videospielen begonnen. Vor allem junge Erwachsene, Jugendliche und Kinder sind fasziniert davon. Ein Drittel der Jugendlichen zwischen zwölf und 19 Jahren schaut sich regelmäßig Videos an, in denen andere Computerspiele kommentieren. Das zeigt eine Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest.

Das sogenannte „Let’s Play“ („Lasst uns spielen“) zeigt den Spieler bei einem Videospiel. Der Zuschauer sieht sowohl den Bildschirm als auch den Youtuber. Dieser kommentiert das Spielgeschehen, macht Witze und redet über Gott und die Welt. Dass Menschen so etwas mögen, fuße auf  Konzepten der Medienpsychologie, erläutert Frank Schwab, Professor an der Universität Würzburg.

Besonders wichtig sei die Unterhaltung, sagt Schwab. Es passiere immer etwas im Videospiel, das dann kreativ oder witzig kommentiert werde. „Es werden kleine Abenteuer bestanden und der Handlungsfaden ähnelt oft dem eines Films.“ Ähnlich sei es mit Spielesendungen im Fernsehen.

Maxim Markow ist einer dieser Spieler. Er ist 33 und unter dem Namen „maxim“ erfolgreich auf Youtube und Twitch unterwegs. Über 600 000 Menschen haben seinen Youtube-Kanal abonniert. Rechnet man die Zeit zusammen, die seine Zuschauer mit seinen Videos verbracht haben, kommt man auf 34 Jahre – und das in nur 30 Tagen. Auf der Plattform Twitch streamt er live. Er spielt  und kommentiert in großem Stil E-Sport-Turniere des Spiels „League of Legends“. Der Leipziger sagt: „Anderen beim Computerspielen zuzuschauen, ist unterhaltsam. Fußballspiele zu sehen ist ja auch unterhaltsam.“ Entweder seien die Zuschauer Anhänger eines professionellen Spielers oder eines Teams. Sie mögen den Wettkampf, den Sport oder E-Sport bieten. Im Internet gebe es aber noch einen anderen Bereich: „Menschen, die zocken und das sehr unterhaltsam gestalten. Ich zum Beispiel bin nicht so gut im Spiel. Die Alternative ist, Leute zu unterhalten“, erklärt Youtuber Markow.

Die Gründe für Unterhaltung können auch Ablenkung oder Langeweile sein. Dann versuche der Zuschauer, der Realität zu entkommen. Dieses Konzept heißt Eskapismus. Was extrem klingt, sei ganz normal, sagt der Medienpsychologe Frank Schwab. „Jeder betreibt das – nicht nur diejenigen, denen es schlecht geht“, erklärt er. Das geschehe auch nicht nur im Internet. Andere Beispiele seien Tagträumereien, ein fesselndes Buch oder seichtes Unterhaltungsfernsehen.

Neben dem Spiel sei der Austausch mit den Zuschauern immens wichtig, sagt Markow. Er spiele nicht allein. Gerade Text-Nachrichten seien ein großer Reiz für die Menschen: „Ich sehe das auch bei mir. Wenn ich in einem Live-Stream etwas schreibe und andere beantworten meine Nachricht, dann bin ich ja irgendwie glücklich.“ Soziale Interaktion sei bei diesen Spielen sehr wichtig, sagt Schwab.

Der Zuschauersei ebenfalls nicht allein. „Man wird an die Hand genommen und durch diese Welt geführt, die man gemeinsam mit den Youtubern erkundet.“ Die Situation erwecke Vertrauen. Viele Zuschauer glaubten nach einer Zeit, sie würden den Menschen hinter der Kamera gut kennen, gar wie einen Freund, den sie jeden Abend sehen. Das nennt man parasoziale Beziehung.

„Unser Emotionssystem geht davon aus, dass wir Menschen besser kennen, wenn wir sie häufiger sehen“, erklärt Schwab. Das sei schon immer so bei öffentlichen Personen gewesen. Besonders gelte das für Nachrichtensprecher. Das Phänomen etwa, dass der Nachrichtensprecher grüße und der Zuschauer grüße zurück, sei solch eine parasoziale Interaktion. Der Zuschauer fühle sich persönlich angesprochen, obwohl der Nachrichtensprecher ihn nicht kenne. Markow findet hingegen, dass die Beziehung zwischen Youtubern und ihren Zuschauern deutlich intensiver sei als zu einem Menschen aus dem Fernsehen. Mit ihnen sei ein Austausch unwahrscheinlich und bis vor einigen Jahren fast nicht möglich gewesen. „Über die Jahre sind diese Menschen, die sehr weit weg waren, durch soziale Medien näher gekommen. Bei Youtubern ist das noch extremer: Ich kann Menschen wahrnehmen, indem ich live auf Nachrichten reagiere“. Das könne ein Nachrichtensprecher nicht. Außerdem würden ihn seine Abonnenten gut kennen, sagt Markow. Einige seiner Videos handelten auch von persönlichen Geschichten oder seinem Alltag.

Durch den Fokus auf eine oder wenige Personen im Video entstehe auch ein Vorbildcharakter des Spielers, der als Star gesehen werde, erklärt Frank Schwab. Es gebe im Internet jedoch mehr Prominente als früher. Keine große Jugendbewegung bestimme Musik und Unterhaltung. Das werde kleinteiliger und individueller. „Deswegen sind Youtuber auch nicht so entfernt wie beispielsweise Elvis Presley oder die Beatles“, führt der Medienpsychologe aus. Diese hätten auch großen Kultstatus erreicht. Die Stars früher seien aber nicht erreichbar gewesen. Kontakt mit ihnen aufzunehmen, erschien den Fans unrealistisch. Des Weiteren gewöhne sich der Zuschauer an gewisse Medien oder Sendungen und schaue sie regelmäßig an. „Früher haben Kinder sich jeden Abend das Sandmännchen angeschaut – das war Gewohnheit. Heute schauen sie sich 15 Minuten Youtube vorm Einschlafen an.“ Der Medienpsychologe sieht hier keinen Unterschied.

Maxim Markow, 33 und verheiratet, spielt Computerspiele für tausende Zuschauer. Foto: Freaks 4U Gaming GmbH

Besonders kritisch sieht Schwab allerdings Menschen, die den Einfluss ihrer Videos missbrauchen. „Das jüngste Beispiel sind Verschwörungstheoretiker, die durch ihre Videos Menschen beeinflussen und mobilisieren können.“ Das sei besonders gefährlich, erklärt Maxim Markow, weil die Menschen auf Youtube wesentlich näher seien als etwa Angela Merkel. „Man vertraut ihnen, sie haben großen Einfluss und der Weg zu ihnen ist sehr kurz.“