Kritische Stimmen zu Gesichtserkennungssoftware aus den USA

Kostenpflichtiger Inhalt: Initiative Digitale Freiheit : Die Angst vor totaler Überwachung

Mit ihrer riesigen Datenbank zur Gesichtserkennung stellt die Firma Clearview Datenschützer vor viele Fragen.

Die US-amerikanische Firma Clearview AI soll eine Datenbank mit rund drei Milliarden Bildern aus dem Internet zusammengestellt haben. Das Unternehmen nutzt die Fotos zur automatischen Gesichtserkennung. In den USA arbeitet das Unternehmen angeblich sowohl mit Behörden als auch mit privaten Konzernen zusammen. Für die Datenbank soll das Unternehmen öffentlich zugängliche Bilder gesammelt haben, etwa von dem sozialen Netzwerk Facebook oder der Video-Plattform Youtube.

Eine Sammlung in dieser Dimension gab es bislang nicht. Viktor Schlüter von der Initiative Digitale Freiheit zeigt sich trotzdem nicht überrascht. Vor den Gefahren der automatischen Gesichtserkennung warnt die Initiative seit Langem. Sie hat das Projekt „Gesichtserkennung stoppen“ ins Leben gerufen, das es sich zum Ziel gemacht hat, dass Systeme zur Gesichtserkennung in der Öffentlichkeit in Deutschland nicht eingesetzt werden.

Um ein solches System zu entwickeln, werde zunächst eine große Datenbank an Gesichtern benötigt, erläutert Schlüter. Aus diesen Bildern könne ein Computersystem dann die Gesichtszüge auslesen und die sogenannten biometrischen Merkmale erstellen. Damit gemeint sind Informationen, die direkt vom menschlichen Körper abgelesen werden. Mit den Informationen aus dieser Datenbank gleiche das System dann neue Bilder ab, zum Beispiel Aufnahmen von Überwachungskameras.

Das alles sei nicht nur bereits seit Jahren technisch machbar, sondern auch nicht besonders teuer, sagt Schlüter, und schon mit überschaubarem Rechenaufwand möglich. Das Internet spielte Clearview dabei in die Hände. Das US-Unternehmen konnte nur deshalb eine so umfangreiche Gesichter-Datenbank anlegen, weil es inzwischen so viele Bilder von Menschen frei zugänglich im Internet gibt, teilweise sogar mit Namen versehen.

Ob dieses Vorgehen mit bestehenden Datenschutzvorgaben vereinbar ist, ist laut Ninja Marnau vom Saarbrücker Helmholtz-Zentrum für Informationssicherheit (Cispa) nicht klar. In der europäischen Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sei zwar festgehalten, dass biometrische Daten besonders schützenswert seien. Es stelle sich jedoch die Frage, ob die EU-Verordnung auf den Fall Clearview anwendbar sei. „Wir haben es mit einem US-amerikanischen Unternehmen zu tun, das keine europäische Dependance hat und auch keine Dienste an EU-Bürger verkauft“, erläutert die Wissenschaftlerin. Es sei noch nicht einmal klar, ob sich Bilder von Europäern in der Datenbank des US-Konzerns finden.

Was in den USA passiert ist, wäre theoretisch auch in Deutschland machbar, erklärt Schlüter. „Für den elektronischen Personalausweis wurden alle Passbilder digitalisiert. Aktuell liegen also Fotos von allen deutschen Staatsbürgern auf Servern vor.“ Mit diesen Bildern habe der deutsche Staat theoretisch die Möglichkeit, ein System zur Gesichtserkennung zu betreiben.

„Wir sehen darin eine enorme Gefahr für Freiheit und Demokratie“, sagt Schlüter. Eine großflächige Überwachung würde wahrscheinlich nichts zur Sicherheit der Bevölkerung beitragen, im Gegenteil, es würde die Menschen nur ängstigen und verunsichern. „Die Gefahr ist, dass der einzelne Bürger nie weiß, was ein Überwachungssystem macht. Man sieht eine Kamera und fragt sich, was macht die? Wird das aufgezeichnet, dass ich hier jetzt vorbeigehe? Wenn die Menschen Angst haben, sich in der Öffentlichkeit frei zu bewegen, ist schon ein immenser Schaden an der Demokratie entstanden“, erklärt Schlüter.

In Deutschland waren Versuche zur öffentlichen Überwachung bislang nicht erfolgreich. Zuletzt überwachte die Bundespolizei testweise den Bahnhof Berlin Südkreuz. Ein Jahr lang wurde dort mit freiwilligen Testpersonen geprüft, wie zuverlässig eine Software Gesichter in der Menge erkennen kann. Die Trefferquote des Programms soll bei 80 Prozent gelegen haben. Innenministerium und Bundespolizei zeigten sich mit dem Ergebnis zufrieden und nahmen es als Anlass, die Videoüberwachung ausbauen zu wollen. Der Chaos-Computer-Club (CCC) hat jedoch errechnet, dass die Trefferquote mit 68,5 Prozent in Wahrheit viel niedriger lag. Das System habe auch oft fälschlicherweise Alarm geschlagen, was bei einem realen Einsatz Reisende Nerven sowie Polizisten Zeit und Arbeit kosten würde, gibt der CCC zu bedenken.

Nun soll ein Gesetzesentwurf vorliegen, der vorsieht, die automatische Gesichtserkennung an 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen in Deutschland einzusetzen. „Werden diese Pläne umgesetzt, hat die Bundesregierung die Möglichkeit, einen Überwachungsstaat aufzubauen“, sagt Schlüter. „Dann bleibt dem Bürger nur, darauf zu vertrauen, dass die Regierung diese Möglichkeit nicht nutzt. Und auch wenn das System vorerst nur zum Einsatz kommt, um nach gesuchten Personen zu fahnden, bleibt immer die Möglichkeit, dass diese Daten in 20 oder 30 Jahren ausgewertet werden, um genau nachzuverfolgen, wann einzelne Personen wohin gereist sind.“

An der Technologie zur Gesichtserkennung an sich sei nichts Schlimmes, auch habe die Initiative nichts dagegen, dass sie weiterentwickelt wird. „Aber diese Technologie hat in der Öffentlichkeit nichts verloren, denn die Menschen können der Überwachung dort nicht entgehen“, sagt Schlüter. Die Technologie müsse zunächst gesellschaftlich und ethisch diskutiert werden, bevor sie einfach flächendeckend eingeführt werde.

So gefährlich es sei, wenn ein noch nicht ausgereiftes System den Falschen erkenne, es sei noch viel gefährlicher, wenn diese Systeme erst perfekt funktionieren, sagt Schlüter. Das sei nur eine Frage der Zeit. „Der Einsatz von automatischer Gesichtserkennung muss international geächtet werden, so wie der Einsatz von Atomwaffen es heute schon ist. Demokratische Staaten müssen sagen, wir haben diese Technologie, aber wir setzen sie nicht ein. Das Sammeln biometrischer Daten könnte zum Plutonium des 21. Jahrhunderts werden.“