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Konkurrenz für Amazon durch neue Online Marketplaces

Neue Onlineshops : Mehr Konkurrenz für Amazon

Handelsketten führen Online-Marktplätze ein und öffnen dadurch ihre Internetshops für Drittanbieter.

Immer mehr Handelsketten bauen ihre Internetseiten zu Online-Marktplätzen aus, auf denen auch Drittanbieter ihre Waren oder Dienstleistungen anbieten können. „Im Handel ist ein regelrechtes Marktplatzfieber ausgebrochen“, beobachtet der Wirtschaftswissenschaftler Gerrit Heinemann von der Hochschule Niederrhein.

Vorbild sei natürlich der US-amerikanische Onlinehändler Amazon, der mit dem eigenen Warenangebot und seinem Marktplatz inzwischen dem „Online-Monitor 2019“ des Handelsverbandes Deutschlands (HDE) zufolge fast die Hälfte der Online-Umsätze in der Bundesrepublik auf sich vereint. Der Löwenanteil des Geschäfts entfalle jedoch längst nicht mehr auf den Eigenhandel des US-Unternehmens, sondern auf die zahllosen anderen Händler, die ihre Waren auf dem Amazon-Marktplatz vertreiben.

Die Marktplätze spielen eine immer bedeutendere Rolle im Onlinehandel. „Mehr als 57 Prozent der erfolgreichsten Online-Shops verkaufen ihre Produkte nicht nur über ihre eigene Internetseite, sondern parallel auch über Online-Marktplätze wie Amazon, Ebay oder Real“, sagt Lars Hofacker vom Handelsforschungsinstitut EHI in Köln. Die unangefochtene Nummer eins in der Rangliste der Marktplätze sei Amazon. Die Plattform werde von 47 Prozent der Händler als zusätzlicher Verkaufsweg genutzt, auf Platz zwei folge das Online-Auktionshaus Ebay mit 37 Prozent.

Kein Wunder, dass andere das Modell kopieren oder weiterentwickeln wollen. Die deutsche Supermarktkette Real etwa konnte nicht zuletzt dank der Öffnung des eigenen Shops für andere Anbieter den Umsatz von real.de im vergangenen Geschäftsjahr von 380 Millionen auf 608 Millionen Euro steigern. Jetzt soll ein internationales Online-Marktplatz-Netzwerk mit Partnern in Frankreich, Italien und Rumänien dem Projekt zusätzlichen Schwung geben. Auch der Lebensmittelhändler Rewe ergänzt das eigene Angebot im Internet inzwischen mit den Offerten ausgewählter Partner wie dem Deko-Anbieter Butlers oder dem Spielwarenhändler MyToys.

Die Frage ist allerdings, ob die bloße Ausweitung des Angebots wirklich reicht, um auf Dauer Amazon Paroli zu bieten. Heinemann hat da erhebliche Zweifel. „Einen erfolgreichen Online-Marktplatz aufzubauen, gilt unter Experten als die größte Herausforderung überhaupt“, erläutert er. Das Hauptproblem sei, dass die meisten Möchtegern-Konkurrenten nicht annähernd die gleichen Besucherzahlen wie Amazon oder Ebay erreichten. Das mache sie für Drittanbieter vergleichsweise unattraktiv. „Es gibt keinen großen Bedarf für weitere Online-Marktplätze. Amazon und Ebay reichen den meisten kleinen Händlern völlig aus“, sagt Heinemann.

Etwas anders sieht das Andreas Müller, Vizepräsident des Bundesverbands Onlinehandel: „Für Händler sind Marktplätze angenehm.“ Gerade kleine und mittlere Anbieter könnten von der Reichweite solcher Verkaufsplattformen profitieren. Dennoch sollte darauf geachtet werden, wo Produkte platziert werden. Nicht jedes Angebot sei in jedem Marktplatz sinnvoll, erklärt Müller. Als Beispiel nennt er die Plattform von Rewe. So würden Kunden dort eher nicht nach Reifen suchen.

Andere Neuzugänge im Marktplatz-Segment wollen die etablierten Platzhirsche deshalb mit einer viel weiter gehenden Strategie ausstechen. So plant Deutschlands größte Parfümeriekette Douglas, die hierzulande bereits fast 30 Prozent des Gesamtumsatzes im Internet macht, den eigenen Online-Auftritt „zur zentralen Beauty-Plattform Europas“ ausbauen, erklärt Konzernchefin Tina Müller. Im Douglas-Marktplatz sollen die Kunden in Zukunft neben den eigenen Angeboten nicht nur Produkte ausgewählter externer Partner erhalten, sondern auch Serviceangebote vom Friseurtermin bis zur Maniküre buchen können.

Ganz ähnliche Pläne verfolgt Torsten Toeller, der Inhaber der Heimtierbedarfskette Fressnapf. Das Krefelder Unternehmen hatte den Start in den Onlinehandel verschlafen. Im Internet macht heute der Rivale Zooplus deutlich mehr Umsätze. Doch bis 2025 will Toeller Fressnapf zu einer Plattform ausbauen, die nicht nur Tierfutter und Zubehör verkauft, sondern mit ihren Läden, Apps und Online-Angeboten für praktisch alle Probleme der Tierhalter von der Beratung beim Kauf über die medizinische Versorgung bis zur Vermittlung eines Hundesitters eine Antwort bietet.

Dazu will auch er mit externen Partnern zusammenarbeiten. Der Aufbau der Plattform werde teuer, prognostizierte Toeller bei der Bekanntgabe der Pläne im vergangenen Jahr. „Aber das ist gut so. Denn unsere Wettbewerber können sich das nicht leisten.“

Hofacker hält solche Strategien, die Dienstleistungen in den Vordergrund stellen, für durchaus erfolgversprechend. „Es geht darum, möglichst maßgeschneiderte Lösungen für die Probleme der Kunden zu bieten. Da können die großen Konzerne wie Amazon bislang noch nicht mithalten“, sagt er. „Amazon ist eine sehr komfortable Einkaufsmaschine, aber sie ist längst noch nicht optimal für alle Probleme der Kunden.“

Ungeachtet des aktuellen Gründungsfiebers sieht aber auch Hofacker nur ein begrenztes Potenzial für neue Marktplätze. „Überleben werden am Ende wohl in jedem Bereich nur einige wenige Plattformen.“

(dpa)