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Intelligente Brille als Helfer im Alltag

Bielefeld. Weltweit wird an Datenbrillen geforscht. Die Universität Bielefeld und die Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel entwickeln eine intelligente Brille, die Senioren im Alltag unterstützen soll. epd-Mitarbeiterin Silke Tornede

Anneliese Bergmann soll eine Tasse Kaffee an einem modernen Vollautomaten zubereiten. Die Brille auf der Nase hilft der 87-Jährigen dabei. "Bitte die Tür öffnen", wird auf der Innenseite des rechten Brillenglases eingeblendet, denn zuerst müssen Kaffeebohnen nachgefüllt werden. "Sehen Sie jetzt den grünen Pfeil?", fragt Informatiker Kai Essig von der Universität Bielefeld . Die Seniorin nickt und greift nach dem Bohnenbehälter. Aber sie hat Schwierigkeiten, den Auszug zu fassen und so herauszuziehen, wie es der Pfeil anzeigt.


Zwei integrierte Kameras

Seit gut einem Jahr arbeiten Forscher der Bielefelder Projektgruppe Mensch-Maschine-Kommunikation an einer intelligenten Brille. Am Projekt beteiligt sind unter anderem die Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. In Testläufen wird mit Bewohnern eines Seniorenzentrums der Stiftungen in Bielefeld geprüft, wo das System noch nachgebessert werden muss.



Sind die Aufforderungen verständlich? Werden zu viele Informationen eingeblendet? Gelingt es der Testperson, problemlos zwischen Realität und virtueller Ebene hin und her zu wechseln? "Diese Rückmeldungen sind für uns ganz wichtig", sagt Wissenschaftler Kai Essig . Testerin Anneliese Bergmann scheint zufrieden: "Die Pfeile und Symbole sind schön deutlich", findet die 87-Jährige. An die Anwendung aber "muss man sich erst gewöhnen".

Die Datenbrille ist Kernstück eines Assistenzsystems mit dem sperrigen Namen "ADAMAAS" (Adaptive and Mobile Action Assistance in Daily Living Activities). Die Brille verfügt über zwei Kameras. Die eine verfolgt, wie sich die Augen von Anneliese Bergmann bewegen. Die andere filmt die Umgebung, die Kaffeemaschine und die Handbewegungen der Seniorin ab. Die Brille überträgt die Kamera-Daten auf einen Computer. Der errechnet anhand dieser Informationen, welcher Handgriff als nächstes auf dem Innenglas eingeblendet werden soll. "Eine Herausforderung ist die Vorhersage, wo der Mensch in der Handlung Fehler macht", sagt der Forscher Benjamin Strenge. Vor der Anwendung muss das System die Bewegungen des Brillenträgers kennenlernen. Mit Anneliese Bergmann ging der Informatiker vorher Schritt für Schritt durch, wie sie Kaffee kocht. So soll das System die Gedächtnisstruktur der älteren Dame erfassen und wissen, wo sie Hilfe braucht.

Ziel ist, dass das System ältere Menschen mit Einschränkungen bei Alltagsaufgaben unterstützt - etwa beim Kaffeekochen oder beim Bedienen einer Waschmaschine. Angesichts des demografischen Wandels steige der Bedarf für solche technischen Assistenzsysteme, erklärt Kai Essig . Die neue Technik solle unterstützen, aber nicht die persönliche Freiheit einschränken, sagt Ulrich Johnigk vom Stiftungsbereich Altenhilfe. Geplant ist außerdem, die Brille am Arbeitsplatz einzusetzen. Das wird derzeit im Bethel-Bildungszentrum Schopf erprobt. Dort unterstützt die Brille junge Auszubildende mit Behinderungen beim Bau eines Vogelhäuschens. Eingeblendete Symbole zeigen den Trägern, in welcher Reihenfolge die einzelnen Teile zusammengesetzt werden müssen.