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Fotos bei Instagram
Die Touristenflut aus dem Internet

2009 besuchten nur 500 Personen den Trolltunga genannten Felsvorspung in Norwegen. Bis 2017 stieg die Zahl auf über 80 000.
2009 besuchten nur 500 Personen den Trolltunga genannten Felsvorspung in Norwegen. Bis 2017 stieg die Zahl auf über 80 000. FOTO: dpa / Anthony Anex
Rom. Fotogene Reiseziele werden in den sozialen Medien schnell berühmt – und dann von Besuchern überrannt. Von Laura Krzikalla und dpa

Türkisblau und kristallklar glitzert der See, Fischerboote schaukeln an der Oberfläche, die Bergkette spiegelt sich im Wasser. Ein atemberaubender Anblick ist der Pragser Wildsee (Italienisch: Lago di Braies), eine Oase inmitten der Südtiroler Alpen. Obwohl zwischen Bergen versteckt und bis vor einigen Jahren kaum bekannt, ist der See kein Geheimtipp mehr. Schuld daran ist die Foto-Plattform Instagram. Dort finden sich unter dem Schlagwort #lagodibraies um die 150 000 Fotos der Szenerie. Und jeden Tag werden es mehr.


„Da muss ich auch hin!“, lauten die Kommentare unter vielen Fotos. Orte wie der Pragser Wildsee werden zu kleinen Berühmtheiten, manche sogar zu regelrechten Instagram-Wallfahrtsorten. Der schlagartig steigende Bekanntheitsgrad ist allerdings nicht unbedingt ein Segen. Als ein italienischer Blogger vergangenes Jahr einen Beitrag über das Verzascatal in der Schweiz veröffentlichte, erlebten die dortigen Ortschaften eine kaum zu bewältigende Besucherwelle. Lokale Medien berichteten von kilometerlangen Staus, wild parkenden Fahrzeugen und Müllbergen. Anwohner waren genervt.

Blogger erreichen über soziale Medien enorm viele Menschen. Was sie bewerben, kaufen oder machen andere nach. Das kann den Tourismus ankurbeln, aber auch negative Folgen haben.



„Die Orte haben wenig Kontrolle darüber, welche Inhalte in den sozialen Medien landen“, sagt Laura Jäger. Sie ist Referentin bei ­TourismWatch, einem Informationsdienst, hinter dem das evangelische Hilfswerk Brot für die Welt steckt und der sich für nachhaltigen Tourismus starkmacht. „Reisende müssen sich bewusst machen, wie sich ihr Verhalten in den sozialen Medien auf die Zielgebiete und Menschen vor Ort auswirken kann, und verantwortungsvoll damit umgehen.“

Das Ferienhaus-Portal Holidu kürte diesen Sommer die beliebtesten Instagram-Strände. Auf Platz eins in Italien: die Scala dei Turchi auf Sizilien. „Wir bemerken dieses Phänomen“, bestätigt ein Sprecher des Tourismusverbands von Realmonte, der Gemeinde des Strandes. Unglücklich scheint er darüber nicht: „Instagram, Facebook und andere soziale Medien haben den Ort bekannter gemacht und den Tourismus weiter wachsen lassen.“

Die Schattenseiten dieser Entwícklung zeigen die Instagram-Fotos allerdings nicht. Schadet es der Schönheit eines Ortes, wenn er für Fotos ausgeschlachtet wird? Die italienische Fotografin und Reise-Bloggerin Sara Melotti nutzt für ihre Fotos zwar auch Instagram, geht aber kritisch mit dem Netzwerk um. „Instagram ruiniert diese Orte komplett“, sagt sie. „Es hat sich ein neuer, junger Massentourismus entwickelt. Junge Leute reisen, um Fotos für die sozialen Medien zu machen. Nur um zu zeigen: Ich war hier.“ Melotti kennt „Touristen“, die mit einem Stundenplan verreisen. Darauf vermerkt: an welchem Ort wann ein Foto zu schießen ist.

Die 30-jährige Reise-Bloggerin offenbart auf Instagram nicht mehr den genauen Standort ihrer Fotos. Sie will nicht, dass mit den Orten passiert, was sie selbst schon zu oft auf Reisen gesehen hat. Auf Bali gebe es einen Tempel, der vor einigen Jahren komplett unbekannt war. „Heute stehen die Touristen schon um vier Uhr morgens an, um ein Foto im Sonnenaufgang zu schießen.“

Für solche Orte, die sich besonders gut für Fotos eignen, gibt es mittlerweile sogar ein Fachwort: Instagramability. Eine britische Studie des Ferienhaus-Versicherers Schofields Insurance ergab 2017, dass 40 Prozent der 18- bis 33-Jährigen ihre Reiseziele nach deren „Instagramability“ aussuchen. Auch die Trolltunga in Norwegen ist so ein Ort – auf Instagram existieren über 110 000 Beiträge zu dem in 700 Meter Höhe gelegenen Felsvorsprung. Zwischen 2009 und 2014 stieg die jährliche Besucherzahl laut „National Geographic“ von 500 auf 40 000. Im vergangenen Jahr waren es sogar über 80 000 Reisende, wie der norwegische öffentliche Rundfunk NRK berichtet.

Die Felszunge, die sich über dem Ringedalsvatnet-See erstreckt, ist berühmt für ein Motiv: Eine Person sitzt ganz vorn an der Kante, daneben der See, die Berge, keine Menschenseele. Der Inbegriff von Idylle. Es sei denn, der Mensch an der Spitze würde ein Selfie schießen: Dann wären ziemlich viele Menschen im Hintergrund zu sehen, die Schlange stehen.

Seit die Ponte dei Salti im schweizerischen Verzascatal im Netz berühmt wurde, hadern die Anwohner mit der Touristenflut.
Seit die Ponte dei Salti im schweizerischen Verzascatal im Netz berühmt wurde, hadern die Anwohner mit der Touristenflut. FOTO: dpa / Rolf Haid