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Magerwahn auf Instagram
In sozialen Netzwerken lauert der Hungertod

Gerade junge Menschen können durch Bilder von abgemagerten Körpern in sozialen Netzwerken ein völlig verzerrtes Bild von sich selbst entwickeln.
Gerade junge Menschen können durch Bilder von abgemagerten Körpern in sozialen Netzwerken ein völlig verzerrtes Bild von sich selbst entwickeln. FOTO: dpa / Rolf Schulten
Saarbrücken. Auf der Internet-Plattform Instagram spornen sich junge Menschen gegenseitig dazu an, immer weiter abzunehmen. Von Nina Scheid

Auf Internet-Plattformen wie Instagram stellen sich Nutzer selbst zur Schau: Sie zeigen ihren Kleidungsstil, was sie tagtäglich essen, wohin sie reisen und welchen Sport sie betreiben. Menschen, die das lesen, können sich dadurch etwa motiviert fühlen, sich gesünder zu ernähren oder ein neues Reiseziel kennenzulernen. Es gibt aber auch Beiträge, die sich mit fragwürdigen Schönheitsidealen beschäftigen und vor allem für junge Internetnutzer gefährlich werden können.


Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend warnt ausdrücklich vor Essstörungen. Etwa jeder fünfte Jugendliche im Alter bis zu 17 Jahren habe damit Probleme. Im Internet ist es besonders leicht, sich mit Anderen auszutauschen: Auf Webseiten, Blogs und sozialen Netzwerken teilen vor allem junge Mädchen Bilder von dürren Körpern und spornen sich gegenseitig dazu an, immer dünner zu werden. „Pro Ana“ nennt sich eine Bewegung, die Menschen mit Essstörungen miteinander verbinden will. Ana steht für Anorexia nervosa, Magersucht. Die Krankheit beherrscht am Ende das gesamte Leben der jungen Patienten. Jeder Siebte der an Magersucht leidenden Jugendlichen stirbt daran, erklärt das Jugendministerium.



Instagram hat bereits 2013 seine Richtlinien verschärft: Wer auf der Plattform nach Beiträgen zu Stichworten wie „proana“ oder „thinspiration“ (eine Zusammensetzung aus dem englischen Wort für „dünn“ und „Inspiration“) sucht, erhält keine Ergebnisse mehr. Das versuchen die Anbieter zu umgehen, indem sie die Schreibweise der Hashtags geringfügig abändern: So finden sich unter dem Stichwort „thinsp“ beispielsweise mehr als 27 000 Beiträge. Gibt der Nutzer ein einfaches „ana“ oder „proanorexic“ ein, erhält er hingegen folgende Meldung des sozialen Mediums: „Beiträge mit Worten oder Markierungen, nach denen du suchst, können oft Verhaltensweisen fördern, die Schaden anrichten oder gar zum Tod führen können. Falls du gerade schwere Zeiten durchmachst, würden wir dir gerne helfen“. Die Beiträge unter den gesuchten Hashtags werden trotzdem angezeigt: Frauen mit extrem dürren Körpern, hervorstehenden Knochen und ausgemergelten Gesichtern.

Solche Inhalte können laut Sigrid Borse vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen sehr gefährlich werden: „Pro-Ana-Webseiten stellen mit ihrer Verherrlichung von Anorexie als Lebensstil eine große Gefährdung für Jugendliche dar. Der Krankheitswert von Magersucht wird verleugnet.“ Ins Netz gestellt werden solche Beiträge meist von Jugendlichen, die selbst erkrankt sind, aber keine Heilung oder Therapie anstrebten. Im Gegenteil: Die Essstörung werde auf solchen Seiten nicht nur verharmlost, sondern regelrecht verherrlicht.

So wie bei Instagram-Nutzerin Eugenia Cooney. Die 23-jährige US-Amerikanerin erlangte mit ihren Bildern weltweit Aufmerksamkeit. Sie teilt mit ihren über 500000 Anhängern verstörende Fotos ihres dürren Körpers. Sie selbst leugnet, dass sie an einer Essstörung leidet. Eugenia ließ außerdem verlauten, sie hätte ihre Anhänger niemals darin unterstützt, auszusehen wie sie selbst. Die meisten Nutzer reagieren unter ihren Bildern besorgt oder geschockt: „Bitte iss etwas!“ oder „Such dir Hilfe“. Trotzdem gibt es auch Kommentare wie „Du siehst umwerfend aus“ oder „Ich würde so gerne aussehen wie du.“

Laut des Jugendministeriums sind solche Inhalte im Netz besonders gefährlich, da Betroffene sich von Anderen unterstützt und ermutigt fühlen. Die Internetgemeinschaft suggeriere ein gefährliches „Wir“-Gefühl, das auch dazu führen könne, dass die Krankheit vor Familie und Freunden geheimgehalten und soziale Kontakte im echten Leben vernachlässigt werden. In Einzelfällen könne sogar die Gefahr bestehen, dass solche Internetseiten auch für gesunde junge Menschen gefährlich werden.

Auch auf den ersten Blick harmlos erscheinende Inhalte auf Instagram könnten eine Essstörung verharmlosen, wie etwa die in der Vergangenheit populären Wettbewerbe, sogenannte Challenges. In der „Collarbone-Challenge“ geht es beispielsweise darum, Münzen auf dem Schlüsselbeinknochen zu balancieren. Damit das gelingen kann, muss der Knochen extrem hervorstehen. Die „Thigh-Gap-Challenge“ verlangt, dass sich bei aufrechter Haltung die Oberschenkel nicht berühren dürfen. Und wer die „Bikini-Bridge-Challenge“ bestehen will, dessen Hüftknochen müssen soweit hervorstechen, dass sich zwischen Bikini-Unterteil und Körper eine deutliche Lücke bildet. Solche Wettbewerbe unter Internetnutzern können laut der Initiative „Schau hin! Was Dein Kind mit Medien macht“ zu einem völlig verzerrten Körperideal führen.

Auch werden auf Instagram Fitness- und Diätprodukte vermarktet. Hersteller engagieren zur Vermarktung bekannte Personen, die auf ihren Fotos für Eiweiß-Getränke, Tees zum Entgiften oder Müslis zum Abnehmen werben. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen betont in diesem Zusammenhang, dass keiner dieser Instagram-Nutzer Aussagen über angebliche Auswirkungen der Produkte auf die Gesundheit treffen dürfe. Das Landgericht Hagen hatte in einem Verfahren etwa gegen eine Nutzerin entschieden (Az. 23 O 30/17), die eines ihrer Fotos mit dem Begriff „Detox“, also Entgiftung, gekennzeichnet hatte. Das könne Nutzer glauben lassen, das gezeigte Getränk hätte tatsächlich eine entgiftende Wirkung auf ihren Körper, welche dem Produkt jedoch nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden könne.

Das Jugendministerium drängt darauf, dass Internetanbieter aktiv dazu beitragen müssen, dass Jugendliche keinen Zugang zu solchen Inhalten haben. Webseiten, auf denen die Pro-Ana-Bewegung verherrlicht wird, sollten außerdem nicht nur geschlossen, sondern an der Stelle ein Ersatzangebot mit Beratungshilfen für Menschen mit einer Essstörung eingerichtet werden.