Gewalt- und Missbrauch-Videos im Netz: In den tiefsten Abgründen des Internets

Gewalt- und Missbrauch-Videos im Netz : In den tiefsten Abgründen des Internets

Der saarländische Polizist Ruwen Dumont muss sich mit grausamen Aufnahmen beschäftigen. Er ist nicht der Einzige.

Unter der glitzernden Oberfläche des World Wide Web, unter Gefällt-mir-Angaben, retuschierten Selfies und sonstigen Zeugnissen allgemeiner Selbstverliebtheit, brodelt eine zweite, eine Schattenwelt. Im sogenannten Darknet, der vor Suchmaschinen verborgenen Unterwelt des Internets, zeigt sich die Menschheit von ihrer dunkelsten Seite. Dort werden - unsichtbar für normale Internetnutzer - kinderpornographische Aufnahmen und Videos von Vergewaltigungen oder Morden veröffentlicht und gehandelt.

Doch manchmal bröckelt die schillernde Fassade, wird der Dreck aus der Kloake des Internets an die Oberfläche gespült. Wenn Menschen solche Aufnahmen auf Facebook, Twitter oder Youtube hochladen, wird der Rest der Weltbevölkerung plötzlich und unvorbereitet mit den menschlichen Abgründen konfrontiert. Die Betreiber der sozialen Medien müssen dann schnell handeln, wollen sie nicht Nutzer und damit Werbeeinnahmen verlieren.

Wer aber erledigt diese traumatisierende Arbeit? Wer sind die Menschen, die sich Tag für Tag mit solch grausamen Bildern auseinandersetzen müssen? Und was hat das für Auswirkungen auf die Psyche der Betroffenen?

Wenn in Deutschland der Verdacht auf Herstellung, Verbreitung oder Besitz von kinderpornographischem Material besteht, wird die Kriminalpolizei aktiv. "Besonders belastend sind Videos mit Ton", sagt Ruwen Dumont, Kriminalbeamter beim saarländischen Dezernat "Straftaten gegen das Leben und die sexuelle Selbstbestimmung", das sich unter anderem auch mit Kinderprographie befasst. "Das kann man nicht für Stunden am Stück machen, manchmal braucht man auch mal 30 Minuten Pause." Es komme vor, dass ein einzelner Beamter pro Fall mehr als 1000 Bilder überprüfen müsse, teilweise hätten die Verdächtigen aber auch Millionen von Aufnahmen auf dem Rechner.

Im Saarland gebe es zwei Hauptsachbearbeiter, die diese Aufnahmen im Vorfeld der eigentlichen Ermittlungen sondieren und filtern. Die Kriminalpolizei habe aber psychologische Beratungsstellen, an die sich Beamte wenden können. "Ansonsten redet man auch viel mit den Kollegen, das hilft schon dabei, das Gesehene zu verarbeiten". Ganz abschütteln könne man es aber häufig nicht. "Wenn zum Beispiel Säuglinge zu sehen sind, da gerät man schon an seine Grenzen."

Die Bearbeitung dieser Fälle sei für Beamte, die selbst Kinder haben, schwierig. Die Polizei biete Ausstiegsmodelle für Mitarbeiter dieser psychisch stark belastenden Dienststelle. Diese erhielten dann in der Folge andere Aufgaben. Am schlimmsten seien Fälle, wo es nicht nur um den Konsum, sondern auch um die Produktion von kinderpornographischen Aufnahmen gehe. "Da ist das Saarland leider keine Insel der Glückseligkeit", sagt Dumont.

In den sozialen Netzwerken herrschen meist andere Bedingungen: Es sind größtenteils Menschen aus Ländern der Dritten Welt, die sich tagtäglich durch die Unmengen grauenhafter Aufnahmen wühlen müssen - für ein paar Dollar am Tag und gänzlich ohne psychologische Betreuung. Bei den verantwortlichen Unternehmen, die meistens zu den reichsten der Welt gehören, äußert man sich kaum über diese Geschäftspraktiken. Adrian Chen vom New Yorker ist weltweit der einzige Journalist, der überhaupt Zugang zu einer der Firmen erhalten hat, die für die großen westlichen Unternehmen "Content Moderation" (von englisch: content; deutsch: Inhalt) betreiben. Die Firma, die Chen besucht hat, hat ihren Sitz auf den Philippinen.

Laut dem Reporter sind es vor allem junge Menschen unter 30, die dort für umgerechnet weniger als 300 Euro im Monat arbeiten. Besonders in diesem Alter seien die psychologischen Folgen dieser Tätigkeit kaum absehbar. Das bestätigt auch Hemanshu Nigam, früher Sicherheitschef beim sozialen Netzwerk Myspace: "Man hat dort 20-jährige Kinder, die die Inhalte überprüfen", sagt Nigam. "Sie haben keine Ahnung, dass einige der grauenvollen Bilder, die sie sehen, sie für den Rest ihres Lebens verfolgen können."

David Graham, Geschäftsführer eines der wenigen Unternehmen, die Content Moderation direkt aus den USA betreiben, vergleicht seine Angestellten gegenüber der New York Times mit "Kriegsveteranen, die gegenüber jeder Form von Bildmaterial komplett abgestumpft sind." Das macht auch der Fall von Henry Soto deutlich. Der Ex-Mitarbeiter von Microsoft hatte gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber geklagt, weil er durch seine Tätigkeit als Content Moderator an einer sogenannten Posttraumatischen Belastungsstörung leide, wie Emily Crane vom britischen Daily Mail berichtet. "Viele können nicht glauben, was sich Herr Soto jeden Tag ansehen musste, da sie sich nicht vorstellen können, wie grausam und unmenschlich die schlimmsten Vertreter der Menschheit sind", so die Anwälte von Soto vor Gericht. Statt psychologischer Betreuung habe Microsoft seinen Angestellten empfohlen, häufiger spazieren zu gehen oder Zigarettenpausen einzulegen, so Crane.

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