In den sozialen Netzwerken vermarkten Eltern ihre Kinder, um viel Geld zu verdienen.

Influencer auf Instagram und Co. : Kinderarbeit mit Millionenpublikum

In den sozialen Medien vermarkten Eltern ihren Nachwuchs als Werbeträger. Sie verdienen viel Geld – und handeln sich viel Kritik ein.

Die Zwillinge Mila und Emma sind Instagram-Stars. Über vier Millionen Nutzer verfolgen täglich das Leben der US-Amerikanerinnen. Auf einem ihrer Bilder sind sie in Bikinis am Strand zu sehen. Mila lächelt breit in die Kamera, während Emma einen Arm lasziv in die Hüfte stützt und einen Kussmund formt. Fast 400 000 Menschen gefällt das Foto. In Zeiten von Selbstvermarktung im Internet ist das nicht ungewöhnlich. Was aufhorchen lässt, ist das Alter der Geschwister: Mila und Emma sind erst vier Jahre alt.

Sie sind bereits ihr gesamtes Leben lang in sozialen Netzwerken präsent. Ihre Mutter Katie, die die Bilder ins Internet stellt, ließ die ganze Welt daran teilhaben, als die Zwillinge geboren wurden, ihre ersten Schritte machten und die ersten Worte sprachen. Jeder kann mitverfolgen, was die Vierjährigen essen, welche Kleidung sie tragen, ob sie gut oder schlecht gelaunt sind. Zwar zeigt Katie ab und zu auch ihre anderen drei Kinder auf Instagram, doch Mila und Emma sind seit ihrer Geburt die unbestrittenen Stars des Profils. Und sie sorgen dafür, dass das Vermögen der Familie stetig steigt, denn bei einer Abonnenten-Anzahl von mehr als vier Millionen kann sich Katie von Firmen hohe Summen ausbezahlen lassen, damit ihre Kinder im Internet für deren Produkte werben.

Mila und Emma sind nicht die einzigen Online-Stars, die vom Kinderzimmer aus das große Geld verdienen. Die siebenjährige Laerta präsentiert auf ihrem Profil Mode und posiert dabei genau wie die erwachsenen Vorbilder auf den Laufstegen. Das ist schon längst nicht mehr nur ein Hobby: Laerta hat ein ganzes Manager-Team hinter sich, mehr als eine Million Abonnenten auf Instagram und bereits mit weltweit bekannten Mode-Magazinen wie Vogue zusammengearbeitet. Auch die Freundinnen Everleigh und Ava, beide sechs Jahre alt, lassen ihre 1,2 Millionen Fans regelmäßig auf Instagram und der Videoplattform Youtube an ihrem Leben teilhaben. Und die neunjährige Haileigh Vasquez arbeitet nicht nur als Model und Schauspielerin, sondern hat nebenbei bereits ihre eigene Mode-Kollektion gestaltet.

Auch Nutzerkonten, die Bilder von verschiedenen Kinder-Stars teilen, sind auf Instagram sehr beliebt. Die Personen hinter „fashionkids“ etwa haben mehr als dreieinhalb Millionen Abonnenten. Auf ihrem Profil werden Bilder von Kindern und Babys gesammelt, die sich wie selbstverständlich in Pose werfen und die Kleidung großer Marken präsentieren. So lehnt eine etwa 5-Jährige lässig an einem Auto, die Augen sind hinter einer riesigen Sonnenbrille verdeckt, sie hält eine kleine Handtasche in der Hand und auf ihrem Shirt prangt das Logo der italienischen Designermarke Moschino. Auf einem anderen Foto sitzt ein Baby in einem Jeans-Overall auf einer Treppenstufe und schaut verträumt in die Ferne. Sowohl Mütze als auch Turnschuhe sind von der Sportmarke Adidas und werden demonstrativ in den Vordergrund gerückt. Auch ein Kleinkind, das scheinbar aus einem Kaffeebecher der bekannten Café-Kette Starbucks trinkt, ist auf dem Profil zu sehen.

Mit Lil Tay gewann Anfang des Jahres ein besonders umstrittenes Beispiel eines Kinder-Influencers in den sozialen Medien an Popularität. Die Neunjährige, der fast zweieinhalb Millionen Menschen auf Instagram folgen, provoziert im Netz mit Aussagen wie „I‘m a 9 year old millionaire and I be smoking dope, bitch!“ (zu Deutsch: „Ich bin eine neunjährige Millionärin und rauche Cannabis, Schlampe“) und Videos, in denen sie in Luxusvillen mit 100-Dollar-Scheinen um sich wirft. Das Mädchen behauptete, aus ärmlichen Verhältnissen zu stammen, sich aber mittlerweile zur Millionärin hochgearbeitet zu haben. Später wurde jedoch bekannt, dass ihre Mutter als Immobilienmaklerin im kanadischen Vancouver arbeitete und ihre Tochter in den Anwesen ihres Arbeitgebers gefilmt haben soll. Angeblich hat sie diesen Job verloren, als bekannt wurde, dass und in welcher Art und Weise sie ihre Tochter in den Villen zur Schau gestellt haben soll. Auch Lil Tays älterer Bruder stand laut US-Medien im Verdacht, seine Schwester in sozialen Netzwerken vorzuführen, um an ihr Geld zu verdienen. Mittlerweile sind auf Lil Tays Instagram-Profil alle Fotos und Videos gelöscht worden. Ihre Abonnentenzahl verweilt jedoch weiterhin bei mehr als zwei Millionen.

Instagrams Nutzungsbedingungen legen fest, dass nur Personen über 13 Jahre ein Profil besitzen dürfen. Eine Altersprüfung gibt es jedoch nicht. Ohnehin werden die Benutzerkonten der meisten Kinder-Influencer von deren Eltern verwaltet. Laut UN-Kinderrechtskonvention hat zwar jedes Kind das Recht auf Privatsphäre und darf selbst entscheiden, was es von sich in der Öffentlichkeit preisgibt. Sofern die Kinder bereits alt genug sind, sollten sie auch mitentscheiden dürfen, ob und was von ihnen im Netz veröffentlicht wird. Wie Klicksafe, eine EU-Initiative für mehr Sicherheit im Internet, aber auf ihrer Webseite erklärt, liege das Recht am eigenen Bild bei Minderjährigen bei den Erziehungsberechtigten. Strafbar machten sich Eltern also nicht, wenn sie Bilder ihrer Kinder im Internet veröffentlichen, ohne dass diese explizit zugestimmt haben.

Verbraucherschützer warnen aber immer wieder davor, Kinderfotos und -videos vorschnell ins Netz zu stellen. Das Deutsche Kinderhilfswerk (DKHW) rät Eltern, sich vor dem Veröffentlichen genau zu überlegen, ob ein Bild dem Nachwuchs in einigen Jahren peinlich sein könnte. Auch was auf den ersten Blick lustig oder peinlich erscheine, könne im späteren Leben unangenehm werden. Es sei unbedingt zu vermeiden, personenbezogene Daten wie den vollen Namen oder die Schule des Kindes zusammen mit einem Foto zu veröffentlichen. Im schlimmsten Fall könne ein Fremder dem Nachwuchs mit solchen Informationen im echten Leben auflauern, warnt Thomas Krüger vom DKHW. Vielen Eltern sei gar nicht bewusst, welche Auswirkungen Fotos haben können, wenn sie in die falschen Hände gerieten.

Aus diesem Grund rät das Deutsche Kinderhilfswerk Eltern, ihr Benutzerkonto so einzustellen, dass nur bestimmte Personen Zugriff auf die Fotos haben, anstatt das Profil öffentlich zu stellen. Für Kinder-Influencer wie Mila und Emma oder Lil Tay, die mit ihren mehreren Millionen Abonnenten viel Geld verdienen, würde das jedoch das Ende der jungen Karriere bedeuten.

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