Immer mehr ältere Menschen nutzen das Internet nicht

Kostenpflichtiger Inhalt: Studienergebnisse : Kluft zwischen Nutzern und Verweigerern

Sowohl die Oxford-Universität als auch ein Bremer Informatiker stellen eine größer werdende Diskrepanz bei der Internetnutzung fest.

Es tut sich eine immer größere Kluft zwischen Internetnutzern und jenen Menschen auf, die dem Computernetzwerk fernbleiben. Das berichten Forscher des Internet-Instituts der britischen Oxford-Universität. Das könne dazu führen, dass Menschen, die das Internet nicht nutzen, den Zugang zu wichtigen Dienstleistungen verlieren, mahnen die Forscher. Zu den Internetverweigerern gehören besonders ältere Menschen, Menschen der unteren Einkommensschicht und solche, die weniger gebildet sind. Grant Blank vom Oxford-Internet-Institut hält das vor allem deshalb für problematisch, weil gerade ärmere Menschen von den Vorteilen des Internets profitieren könnten. So ermögliche das Internet unter anderem den Zugang zu Informationen über die Gesundheit, Online-Jobangebote und günstigere Preise im Netz.

Eine solche Kluft hat der Bremer Informatikprofessor Herbert Kubicek auch in Deutschland festgestellt. Seinen Forschungsergebnissen zufolge gibt es eine Alterslücke, da sehr viel weniger ältere als jüngere Menschen das Internet nutzen. Kubicek hat errechnet, dass von den über 70-Jährigen in Deutschland bis zu acht Millionen das Internet noch nie genutzt haben. Besorgniserregend sei, dass sich die Unterschiede bei der Internetnutzung zwischen jüngeren und älteren Menschen auch in zwei Jahrzehnten nicht verringert hätten. Dabei könnten laut Kubicek vor allem ältere Menschen von den Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren. Sie könnten beispielsweise im Internet einkaufen, wenn ihnen im Alter der Weg zum Geschäft zu anstrengend werde. Doch alle Versuche, die Zurückhaltung der Senioren zu überwinden, hätten bislang wenig Wirkung gezeigt.

Beinahe alle Engländer unter 50 sind im Internet aktiv, so die Wissenschaftler aus Oxford. Für kommerzielle Zwecke, für Bankgeschäfte und für Unterhaltung werde das Internet immer häufiger genutzt, erklären die Informatiker. 72 Prozent der Internetnutzer sehen Filme und Serien auf Plattformen wie Netflix und Amazon Prime, sechs Jahre zuvor waren es 49 Prozent. 76 Prozent der Nutzer streamen Musik über Dienste wie Spotify, Apple Music oder Youtube, zwölf Prozent mehr als 2013. 83 Prozent der britischen Internetnutzer zahlen ihre Rechnung über das Internet, 2013 waren es 59 Prozent. Viele verwenden das Internet zudem, um ihre Lieblingspromis im Auge zu behalten. Laut der Oxford-Studie tun das aktuell 66 Prozent der Nutzer über Seiten wie den Kurznachrichtendienst Twitter oder die Fotoplattform Instagram.

Wer nicht online sei, tue das ganz bewusst, sagen die britischen Forscher. Unter den Internetverweigerern geben 69 Prozent an, dass sie an der Onlinewelt nicht interessiert seien, 2013 waren es noch 82 Prozent. 18 Prozent derjenigen, die sich dem Netz verweigern, sagen, dass sie sich mit der Technologie nicht genug auskennen, zehn Prozent machen sich um ihre Privatsphäre sorgen. Angaben der Wissenschaftler zufolge ist Geld ein weiterer Grund, nicht online zu gehen. 40 Prozent der Internetverweigerer haben ein jährliches Einkommen von weniger als 12 500 britischen Pfund, rund 13 900 Euro. Ihre eigenen Fähigkeiten im Umgang mit dem Internet stufen vor allem Schüler und Studenten als sehr hoch ein, laut der Oxford-Erhebung 95 Prozent. Unter den Berufstätigen sind es lediglich 77 Prozent und unter den Rentnern nur 44 Prozent.

Auch in Deutschland sei für Senioren die Schwelle zum Einstieg in die digitale Technologie besonders hoch, so Herbert Kubicek. Davon seien in Deutschland rund 18 Millionen ältere Menschen betroffen. Dazu gehören neben Internetverweigerern auch sogenannte Minimalnutzer, die nur gelegentlich online sind. Ohne Unterstützung für ältere Menschen würden neue Konzepte wie die Telemedizin, bei der ein Arzt einen Patienten aus der Ferne behandelt, das Gesundheitswesen nicht so entlasten wie gehofft. Kubicek fordert von der Politik massive Investitionen, um auch die Senioren bei der Digitalisierung mitzunehmen. „Vor dem Hintergrund unserer rapide alternden Gesellschaft wäre es mehr als fahrlässig, auf diesem Gebiet weiterhin so wenig wie bisher zu tun“, sagt der Bremer Forscher. Seinen Worten nach müsse die Bundesregierung auch in die digitalen Kompetenzen älterer Menschen investieren, statt nur Milliarden für die Digitalisierung der Schulen auszugeben. Gerade Senioren hätten nämlich häufig das Gefühl, dass die Politik ihre Sorgen nicht erst nehme.

Schlechte Erfahrungen, darunter etwa Virenangriffe oder Datendiebstahl, machen Internetnutzer heute nicht häufiger als in der Vergangenheit. 72 Prozent der Internetverweigerer sind laut der Oxford-Erhebung der Meinung, dass das Internet die Privatsphäre gefährdet, unter Internetnutzern seien es nur 52 Prozent. Wer das Internet nutzt, ist auch eher die Meinung, dass die Technologie alles besser macht. Das finden Angaben der Oxforder Forscher zufolge 79 Prozent der Internetnutzer, während das unter Internetverweigerern nur 29 Prozent so sehen. Dabei fühlen sich viele Internetnutzer im Netz heute sicherer denn je. 52 Prozent machen sich laut eigenen Angaben Sorgen, dass ihr Computer von Schadsoftware befallen werden könnte, 2013 waren es 69 Prozent. Tatsächlich von schädlicher Software erwischt wurden der Oxford-Erhebung zufolge nur zwölf Prozent der Nutzer, vor sechs Jahren waren es noch 30 Prozent. Dementsprechend bemühen sich auch immer weniger Nutzer um ihre Sicherheit im Netz. 2013 waren es 76 Prozent, heute sind es nur noch 33 Prozent. Zu den negativen Erfahrungen im Netz gehört auch, wie Unternehmen persönliche Daten einsetzen, um Werbung zu schalten. Wie die Forscher festhalten, sind 68 Prozent der britischen Internetnutzer nicht damit einverstanden, wie sie von Unternehmen beobachtet werden.

Was mit den von ihnen freigegebenen Daten geschieht, ist auch den Deutschen nicht völlig egal, hat die Digitalstudie 2019 der Postbank erst vor Kurzem festgehalten. Jeder vierte Bundesbürger hat laut der Postbank-Erhebung seit Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) im Mai 2018 schon einmal sein Recht wahrgenommen, bei einem Anbieter nachzufragen, welche personenbezogenen Daten zu welchem Zweck verwendet werden.

Auch dass ihre Daten für Werbezwecke verwendet werden, ist den Deutschen bewusst. Das Vertrauen in die verschiedenen Anbieter und Institutionen in Bezug auf den Umgang mit persönlichen Daten sei sehr unterschiedlich, so die Postbank. Das größte Vertrauen bringen die Deutschen Ärzten und Kliniken, aber auch Krankenkassen sowie Banken entgegen. Bei Onlinediensten wie Suchmaschinen und sozialen Netzwerken falle dieses Vertrauen dagegen vergleichsweise gering aus.