| 19:08 Uhr

Im virtuellen Untergrund

Ein Beamter zeigt eine Pistole vom Typ "Glock 17". Mit einer Waffe gleichen Typs hatte der Amokläufer in München geschossen.Location:Wiesbaden
Ein Beamter zeigt eine Pistole vom Typ "Glock 17". Mit einer Waffe gleichen Typs hatte der Amokläufer in München geschossen.Location:Wiesbaden FOTO: Boris Roessler (dpa)
Saarbrücken. Das Darknet ist ein Teil des Internets, der im Verborgenen liegt. Nutzer surfen dort vollkommen anonym. Der Einstieg ist denkbar einfach, die Nutzung legal. Doch da niemand zurückverfolgt werden kann, tummeln sich im dunklen Netz auch zahlreiche Kriminelle. Eine Reise in den digitalen Untergrund. Alexander Stallmann



Im Warenkorb liegt eine Pistole des Typs Beretta 92FS. Nur noch ein Klick fehlt, um den Kauf abzuschließen. Angeboten wird die Waffe auf einem Online-Markt im sogenannten Darknet. Den letzten Klick spart Marc Schmitt sich. Der Kriminaloberkommissar ist stellvertretender Leiter des Dezernats Cybercrime beim Landespolizeipräsidium des Saarlandes. Er demonstriert, wie ungeniert Kriminelle im dunklen Teil des Internets mit verbotener Ware handeln. Schmitt sagt: "Wer die passende Software installiert hat und weiß, wie er suchen muss, findet im Darknet mit fünf Klicks eine Handgranate."


Das Darknet ist ein Bereich des Internets, der im Verborgenen liegt. Von der dunklen Seite des Netzes hörten viele Nutzer zum ersten Mal in diesem Sommer im Zusammenhang mit dem Amoklauf des 18-jährigen David S. in einem Münchner Kaufhaus. Sie fragten sich, wie es ein 18-Jähriger schaffen konnte, unbemerkt eine Pistole zu bestellen. Der junge Mann hatte die Tatwaffe im Darknet geordert.

Beim Anblick der Webseite, die Marc Schmitt zeigt, werden normale Nutzer ihren Augen nicht trauen: Waffen, Drogen und gestohlene Zugangsdaten werden hier bedenkenlos feilgeboten. Die Gestaltung der Seite sieht der von gängigen Online-Händlern ähnlich. Am linken Rand sind die verschiedenen Produktkategorien aufgelistet. Es gibt unter anderem die Rubriken "Drogen und Chemikalien", "Waffen" und "Anleitungen". Per Klick bekommt der Nutzer einzelne Waren mit Bild angezeigt. Beispielsweise 3,5 Gramm Kokain für 261 Euro. Ein Zehnerpack gestohlene Kreditkartendaten für 7,50 Euro. Oder die Dienste von Auftragskillern. Die Preise werden in Dollar und in der Digitalwährung Bitcoin angegeben. Wer mit Bitcoins zahle, bleibe auch bei der Transaktion anonym, so Schmitt.



Die meisten Nutzer haben das Darknet noch nie gesehen. Sie kennen nur den Teil des Internets, den jeder sehen kann - das sogenannte Klarnetz. Das sei allerdings nur ein kleiner Ausschnitt, erklärt Schmitt. Einen viel größeren Teil bekommen die Meisten nie zu Gesicht. Um das Größenverhältnis zwischen Klarnetz und restlichem Internet zu veranschaulichen, werde häufig das Bild eines Eisbergs bemüht, so Schmitt. Der für alle sichtbare Teil sei lediglich die Spitze des Eisbergs. Darunter, im Verborgenen, liege der wesentlich größere Teil.

Innerhalb dieses verborgenen Bereichs existiere das Darknet. Herkömmliche Browser wie Firefox oder Google Chrome können die dortigen Seiten nicht aufrufen. Dennoch ist der Einstieg ins dunkle Netz denkbar einfach. Nutzer brauchen nur einen speziellen Browser . Einer der bekanntesten heißt "Tor". Er kann auf verschiedenen Seiten im Klarnetz heruntergeladen werden und ermöglicht es, anonym zu surfen.

Wer mit einem gängigen Browser eine Webseite aufruft, stelle eine direkte Verbindung vom eigenen Computer zum Server des Seitenanbieters her, erklärt Johannes Krupp vom Zentrum für IT-Sicherheit (Cispa) an der Saar-Uni. Beim Tor-Browser werden die Daten hingegen verschlüsselt über mehrere Server des Tor-Netzwerkes geschickt. Jeder davon kenne nur seinen direkten Vorgänger und Nachfolger. Kein einziges Glied in der Kette weiß, wer der ursprüngliche Absender und der Zielserver ist. So bleiben Nutzer und Seitenanbieter unbekannt.

Es sei keineswegs illegal, Tor zu nutzen und Seiten im Darknet aufzurufen, sagt Marc Schmitt. Die Anonymität biete jedoch speziell Kriminellen Vorteile. Anbieter und Käufer illegaler Inhalte seien nur sehr schwer ausfindig zu machen.

Ob die im Darknet bestellte Ware tatsächlich ankommt, ist jedoch ungewiss. Schmitt geht davon aus, dass ein Großteil der illegalen Angebote Fallen sind. Wer Geld überweist und keine Ware erhält, habe keine Möglichkeit, den Anbieter ausfindig zu machen.

Dennoch sei das Schattennetz kein reiner Tummelplatz von Gangstern. "Man sollte sich davor hüten, das Darknet als Internet für Kriminelle zu bezeichnen", sagt Schmitt. Verfolgte in autoritären Regimes etwa könnten sich austauschen und Daten in andere Teile der Welt übermitteln, ohne gefasst zu werden. Zudem sei es auch bei hiesigen Nutzern ein legitimer Wunsch, anonym zu surfen, da große Internet-Unternehmen immer mehr persönliche Daten sammelten.

Beim Dezernat Cybercrime befassen Schmitt und seine Kollegen sich nicht nur mit dem Darknet, sondern mit allen Arten der Internet-Kriminalität. Mit welchen Methoden genau Verbrecher im Netz gejagt werden, verrät der Kriminaloberkommissar jedoch nicht. Die Gefahr, dass Gangster sich dadurch einen Vorteil verschaffen, wäre zu groß.

Zum Thema:

Auf einen Blick Das Klarnetz ist der Teil des Internets, den jeder kennt. Als Deepweb werden Webseiten bezeichnet, die nicht in den Trefferlisten gängiger Suchmaschinen landen, erklärt Johannes Krupp vom Zentrum für IT-Sicherheit (Cispa) an der Saar-Uni. Ob die Adressen dort zu finden sind, könnten die Betreiber einstellen. Viele Seiten des Deepwebs können mit gewöhnlichen Browsern aufgerufen werden. Aber nur wenn Nutzer die exakte Adresse kennen. Das Darknet ist ein Teil des Deepwebs, der besonders gut geschützt ist. Diese Seiten können nicht mit gewöhnlichen Browsern aufgerufen werden. Die Daten werden verschlüsselt über mehrere Server transportiert, wodurch die Nutzer anonym bleiben. als