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Radikalisierung im Netz
Im Sog der Dschihadisten

Über das Internet können Terrororganisationen Propaganda ungefiltert weltweit verbreiten.
Über das Internet können Terrororganisationen Propaganda ungefiltert weltweit verbreiten. FOTO: dpa / Andreas Arnold
Mainz/Wiesbaden . Radikale Islamisten suchen über soziale Netzwerke und Kurznachrichtendienste gezielt nach jugendlichem Nachwuchs. Ihre Propaganda ist dabei immer professioneller geworden, warnt das Bundeskriminalamt. Von Oliver von Riegen (dpa)

Ein bewaffneter Dschihad-Kämpfer steht heroisch auf einem Felsen, die Kamera fährt langsam von hinten auf ihn zu und an ihm vorbei. Ein Bild wie aus einem Kinofilm. Es ist Teil eines Videos von Dschihadisten im Internet, von denen es zahlreiche ähnlicher Art gibt.


Radikale Islamisten werben immer öfter mit Videos für sich und suchen Nachwuchs auf sozialen Medien wie Youtube, Facebook oder Twitter sowie über Kurznachrichtendienste wie Telegram und Whatsapp. Die Gefahr dafür ist nach Ansicht des Bundeskriminalamts (BKA) gestiegen. „Die Propaganda ist professioneller geworden und wird mittlerweile zielgruppengerecht produziert“, erklärt eine BKA-Sprecherin. Die Videos des Islamischen Staates (IS) hätten ein qualitativ hohes Niveau erreicht. Der Inhalt werde in mehreren Sprachen veröffentlicht.



Der Islamforscher Christoph Günther leitet eine Gruppe von sechs Wissenschaftlern der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, die dem „Dschihadismus im Internet“ in Filmen und Bildern auf den Grund gehen will. Die Forscher schauen auf den Stil, auf Botschaften, Zitate und Gestaltungsmittel. So werde zum Beispiel oft ein Konvertit in einem Video zunächst nur in Teilen gezeigt. Sobald er seine neue Religion gefunden hat, ist er als ganzer Mensch zu sehen. Oder: In vielen Videos werde Deutschland mit dunklen Farbtönen und Menschen, die einsam wirken, dargestellt. Syrien dagegen erscheine hell und freundlich, die Menschen glücklich. „Dschihadisten wissen, auf hochprofessionelle Weise mit Bildermedien umzugehen und ein Publikum anzusprechen", konstatiert Günther. Es werde mit Botschaften gespielt, die beim Zuschauer ankämen, aber nicht bewusst von ihnen reflektiert würden.

Der Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam hält die Rolle des Internets für zentral bei der Radikalisierung. Das World Wide Web als Kommunikationsplattform für Terrororganisationen könne man gar nicht hoch genug einschätzen. Terrororganisationen bekämen die Möglichkeit, Propaganda ungefiltert zu verbreiten, sagt der Experte, der für das Landeskriminalamt (LKA) Rheinland-Pfalz arbeitet. Ein vermeintlich intellektueller Dschihad-Interessent lese Analysen im Internet, während sich Jugendliche lieber kurze Videos anschauten.

„So eine Terrororganisation funktioniert nur dann, wenn sie sich ihren Zielgruppen anpasst“, sagt Abou-Taam. „Die Botschaft ist nicht in erster Linie, dass man ideologisch begründet, sondern die Tat spricht für sich, die Bilder sprechen für sich. Menschen dürfen andere köpfen und werden sogar gefeiert dafür.“ Wie das BKA glaubt er aber, dass das Internet allein nicht reicht, um zu radikalisieren. Dazu müssten auch persönliche Kontakte kommen.

Den Machern der Videos geht es jedoch nicht nur um Botschaften, haben die Mainzer Forscher herausgefunden. „Sie versuchen, Videos wie eine Erlebniswelt zu gestalten“, sagt Filmwissenschaftler Zywietz. Es gebe inzwischen Aufnahmen, die wie Musikvideos geschnitten seien und hauptsächlich zur Unterhaltung dienten. Ziel sei es, dass möglichst viele Internetnutzer sie mit anderen teilten, die Videos demnach eine große Reichweite erzielten. Die Zeit der Auftritte bei sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und Youtube sei zwar allmählich vorbei. Der Trend gehe nun aber zu geschlossenen Gruppen und Kurznachrichtendiensten wie Whatsapp, so Zywietz.

Die Islamwissenschaftlerin Dick berichtet, dass in Videos auch fremdes Material – etwa von deutschen Fernsehsendern – verwendet, verfälscht und angereichert werde. Die würden zwar oft aufgespürt und gelöscht, doch das Problem sei damit nicht gelöst. „Wenn ein Inhalt gelöscht wird, taucht er irgendwo neu wieder auf“, sagt sie. „Das ist ein Katz- und-Maus-Spiel.“