Handyverbote in Frankreich lösen keine Probleme in der Schule

Verbot an französischen Schulen : Handyverbote lösen keine Schulprobleme

Smartphones sind an französischen Grund- und Mittelschulen seit einiger Zeit tabu. Den Schulalltag hat das kaum verändert.

Weniger Cybermobbing, eine entspanntere Lernatmosphäre in den Schulen, weniger Zoff in der Pause. Das versprach sich Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer 2018 vom Handyverbot an französischen Grund- und Mittelschulen. Ein Jahr später ist die Revolution auf den Schulhöfen ausgeblieben. „Große Änderungen gab es bei uns nicht, doch es gibt jetzt einen klaren Rahmen, der für alle Schulen gilt und das ist begrüßenswert“, sagt Audrey Chanonat von der französischen Schulleitergewerkschaft SNPDEN.

Zuvor war in Frankreich der Umgang mit dem Handy von Schule zu Schule jeweils unterschiedlich geregelt, über die eigene Hausordnung. Nun sind die Geräte an den Schulen verboten, inklusive Schulhof, Kantine und auf Klassenfahrten. Nur für pädagogische Zwecke im Unterricht auf ausdrücklichen Wunsch der Lehrer dürfen die Geräte verwendet werden. Bisher lief es zumindest in den meisten Schulen umgekehrt. Verboten im Klassenzimmer, erlaubt in der Pause.

„Wir haben unsere Hausordnung dem Gesetz angepasst“, sagt Audrey Chanonat, die auch Konrektorin am Collège Samuel de Missy im südwestlichen La Rochelle ist. „Morgens machen die Schüler ihre Smartphones vor den Schultoren aus. Die Geräte bleiben dann bis Schulschluss in den Taschen, und zwar ausgeschaltet.“ Nur die wenigsten Schulen hätten eigene Schränke aufgestellt, in denen die Geräte während der Schulzeit verwahrt werden. Wer auf dem Pausenhof oder in der Kantine mit seinem Handy erwischt werde, dem werde das Gerät abgenommen. „Wir behalten die Handys meistens dann für einen halben Tag“, schildert Chanonat. Wiederholungstätern drohe zuerst ein Gespräch mit den Eltern, im schlimmsten Fall werde ein Disziplinarverfahren daraus.

Doch viele Probleme, die mit der Smartphone-Nutzung einhergehen, seien durch das neue Gesetz nicht gelöst worden. „Rund 40 Prozent der Bestrafungen, die bei uns ausgesprochen werden, haben mit dem Handy zu tun. Aber nicht unbedingt, weil ein Schüler seines verbotenerweise im Unterricht genutzt hat. Vielmehr geht es um Konflikte, die abends über die sozialen Netzwerke begonnen haben und am nächsten Tag in der Schule fortgesetzt werden“, so die Konrektorin. Das sei für sie das grundlegende Problem. „Verbote alleine bringen herzlich wenig. Was wir brauchen, ist mehr Prävention. Wir müssen die Jugendlichen im Umgang mit den Smartphones und dem Internet ausbilden.“

Denn wer kein Smartphone besitze, gelte unter den Schülern längst als Außenseiter. Laut der jüngsten Umfrage des Marktforschungsinstituts BVA, welches das Verhalten zu Technologien untersucht, besitzen 92 Prozent der jungen Franzosen zwischen zwölf und 17 Jahren ein Handy. 48 Prozent von ihnen verfügen zusätzlich über einen Tablet-Computer. 66 Prozent kommunizieren bevorzugt über den Kurznachrichtendienst Whatsapp. „Smartphones gehören längst zu der Welt unserer Kinder. Ein Pauschal-Verbot ist nicht zielführend“, meint Rodrigo Arenas, Präsident des französischen Elternverbandes FCPE. Er wisse von Eltern, die beruhigt seien, wenn ihre Kinder ihr Handy mit zur Schule nehmen. „Für sie ist es wichtig, dass ihr Kind sie erreichen kann, falls es ein Problem hat. Das ist nicht verwerflich. Doch wer seinem Kind ein Smartphone gibt, muss es natürlich über den Umgang mit dem Gerät aufklären.“ Das sei Aufgabe der Eltern. „Ich brauche kein Gesetz dafür, um zum Beispiel zu Hause meinen Kindern beizubringen, dass ihr Handy während des Abendessens tabu ist. Das Gleiche gilt für die Schulzeit“, sagt Arenas.

Das Handy könne auch nicht als Sündenbock für jegliches Fehlverhalten herhalten. Fälle von Mobbing unter Schülern habe es auch vor dem Smartphone-Zeitalter schon gegeben. „Nicht immer sind sich die Jugendlichen dessen bewusst, was sie mit dem Gehänsel anrichten. Man muss ihnen erklären, welche gravierenden Auswirkungen ihr Verhalten und auch welche juristischen Folgen es für sie haben kann.“

Dass das Handy durch das neue Gesetz zwar in der Schule verboten, aber in einem bestimmten Rahmen im Unterricht erlaubt ist, findet Konrektorin Audrey Chanonat gut. Bis jeder Lehrer erkennt, ob und wie der Einsatz von Handys sinnvoll sei, wird es ihrer Ansicht nach noch ein bisschen dauern. „Bisher haben vor allem Kollegen in naturwissenschaftlichen Fächern davon Gebrauch gemacht. Nun plant auch unsere Chinesisch-Lehrerin, Smartphones für ihren Unterricht einzusetzen.“

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