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Plastische Chirurgie
Gefährlicher Schönheitswahn im Internet

Jung, attraktiv – und doch mit dem eigenen Aussehen unzufrieden. Immer mehr Menschen gehen zum Schönheitschirurgen, um so auszusehen, wie sie sich selbst auf bearbeiteten Fotos in den sozialen Medien zeigen. Dass Filter und Weichzeichner meist ein utopisches Bild entwerfen, wollen viele Patienten nicht hören.
Jung, attraktiv – und doch mit dem eigenen Aussehen unzufrieden. Immer mehr Menschen gehen zum Schönheitschirurgen, um so auszusehen, wie sie sich selbst auf bearbeiteten Fotos in den sozialen Medien zeigen. Dass Filter und Weichzeichner meist ein utopisches Bild entwerfen, wollen viele Patienten nicht hören. FOTO: dpa / Susann Prautsch
Düsseldorf/Saarbrücken. Aussehen wie ein retuschiertes Bild: Mit diesem Wunsch gehen immer mehr junge Menschen zum Schönheitschirurgen. Von Martina Kind und Nina Scheid

Volle Lippen, schmale Nase und makellose Haut. Dazu ein flacher Bauch, große Brüste und ein üppiger Hintern. Mit solchen Wünschen wenden sich täglich viele Frauen an Schönheitschirurgen, um ihrer Vorstellung von einem idealen Körper möglichst nahe zu kommen. Während früher meist Fotos von Prominenten als Vorlage mitgebracht wurden, beobachtet Dr. Murat Dagdelen, Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie in Düsseldorf, seit einiger Zeit einen beunruhigenden Trend: Immer mehr junge Frauen kommen mit retuschierten Selfies in die Praxis. Dass Weichzeichner und Filter meist ein utopisches Bild entwerfen, wollen sie nicht wahrhaben.


„Jede Woche kommen etwa drei Patientinnen zu mir und verlangen eine Operation, um so auszusehen, wie ihre eigenen Selfies, auf die sie vorher Filter gelegt haben“, sagt Dagdelen. Er nennt das Phänomen „Selfinissmus“, ein Zusammenschluss aus „Selfie“ und „Narzissmus“. Dass der Wunsch in vielen Fällen nicht zu verwirklichen ist, wollen sie oft nicht hören. Zwar sei es hilfreich und sogar erwünscht, Fotos mitzubringen, sodass der behandelnde Arzt sehe, was sich der Patient vorstellt. Filter-Funktionen auf dem Smartphone bearbeiteten Gesichter und Körper jedoch in vielen Fällen so stark, dass das Ergebnis nichts mehr mit der Realität zu tun habe und auch operativ schlichtweg nicht zu erreichen sei.

Dagdelen sagt, er operiere nur dann, wenn er davon überzeugt sei, dass sein Gegenüber auf lange Sicht unter seinem „Makel“ leide, etwa bei einer unverhältnismäßig großen Nase. Bei kurzlebigen Trends wie dem „Selfinissmus“ sei das meist nicht der Fall. Nicht selten seien seine Besucherinnen sogar überdurchschnittlich attraktiv, die sozialen Medien suggerierten ihnen jedoch, dass das eigene Aussehen immer noch optimiert werden könne. Das könnten klassische Wünsche wie vollere Lippen oder größere Brüste sein, aber beispielsweise auch größere Augen, so wie einige Filter-Funktionen es auf Fotos ermöglichten.



Im Vorfeld einer OP werden alle Patienten in Dagdelens Praxis nach ihren Beweggründen gefragt. „Wenn dann jemand beispielsweise sagt, dass er sich operieren lassen will, um bei Anderen besser anzukommen, ist das ganz klar ein Warnzeichen“, erklärt Dagdelen. Diese Menschen seien in den meisten Fällen auch nach einer Operation nicht zufrieden und verlangten nach immer weiteren Korrekturen. Solche Patienten schicke er dann zum Psychologen. Er sagt aber auch: „Wer sich wirklich operieren lassen will, findet immer einen Arzt, der seine Wünsche auch umsetzt.“

Im Extremfall versuchen Patienten ihr Glück im Ausland. Laut Dagdelen würde jeder seriöse Arzt in Deutschland es ablehnen, Rippen zu entfernen, um so die Taille schmaler erscheinen zu lassen. Als prominentes Beispiel trat hier Sophia Wollersheim in Erscheinung, Ex-Frau des Düsseldorfer Bordellbetreibers Bert Wollersheim. Im vergangenen Jahr verkündete die heute 30-Jährige, dass sie sich der riskanten OP in den USA unterzogen habe, um ihrem Idealbild von einer „menschlichen Puppe“ näherzukommen.

Der plastische Chirurg sieht die Gründe für solche gefährlichen Trends ganz klar in Online-Angeboten wie Instagram, Snapchat und Co. „In den sozialen Medien gibt es heutzutage fast kein Foto mehr, das nicht vorher bearbeitet wurde. Die Leute wissen das, und trotzdem kommen sie zu mir und wollen schmalere Hüften, größere Augen oder ‚einen Po wie den von Kim Kardashian‘“.

Besonders letzteres höre der Arzt in den letzten Jahren immer häufiger. Ihm sei auch aufgefallen, dass Fotos von üppigen Hinterteilen in den sozialen Medien die meisten Gefällt-mir-Angaben und Kommentare erhielten. Solche OP-Wünsche, die sich eindeutig auf Trends zurückführen ließen, seien besonders bei jüngeren Patienten zu beobachten. „Zu 99 Prozent sind es Frauen, die meisten zwischen 16 und 30. Das ist genau die Generation, die viel Zeit auf Instagram verbringt.“

Der Diplom-Psychologe Tobias Schneider von der Universität Bamberg kann Dagdelen nur zustimmen. „Den Trend, dass sich Personen nicht nur mit einem unretuschierten Selfie ,zufriedengeben’, beobachten wir schon länger.“ Für ihn liegt das Problem in der wachsenden Zahl an Bloggern und Social-Media-Stars, denen junge Nutzer verstärkt nachzueifern versuchten. „Was viele Menschen vergessen, ist, dass die Selfies der Stars meist bewusst gewählt werden und oft nach sehr klaren Vorstellungen und Ideen entstehen. Nichts wird dem Zufall überlassen“, konstatiert er. Mit der Realität habe die Scheinwelt auf sozialen Netzwerken wenig gemein. Oft würden junge Nutzer auch vergessen, dass es sich bei vielen Beiträgen, etwa auf Instagram, schlicht um Werbung handele, die Bilder demnach häufig eine „ganz bestimmte Message vermitteln“ sollen. Für das perfekte Foto würden dabei nicht nur Bildbearbeitungsprogramme eingesetzt, sondern auch kompositorische Stilmittel benutzt. So fand Schneider mit einem Team aus Psychologen der Uni Bamberg in einer Studie heraus, dass Frauen, die auf Selfies ihre linke Gesichtshälfte zeigten, als besonders attraktiv wahrgenommen werden. Bei Männern hingegen wirke die rechte Gesichtshälfte attraktiver.

Dass vor allem Teenager und junge Erwachsene anfällig sind, wundert Schneider nicht. „Gerade in der Jugend ist die Wirkung der eigenen Person auf das jeweils andere Geschlecht von besonderer Bedeutung“, erklärt er. Hinzu komme, dass der soziale Druck auf Facebook, Instagram und Co. inzwischen so groß sei, dass sich ihm kaum jemand entziehen könne. Bei jungen Menschen, die noch auf der Suche nach ihrer Identität sind, spiele das eigene Aussehen eine besonders große Rolle, ergänzt die Psychologin Ada Borkenhagen aus Berlin. Durch die Nutzung sozialer Netzwerke seien sie viel häufiger von Bildern umgeben, die ihre Selbstwahrnehmung grundlegend bestimmten als vor Anbruch des digitalen Zeitalters.

So hätten junge Menschen Stars früher hauptsächlich aus dem Fernsehen oder aus Zeitschriften gekannt, erklärt Schneider. Natürlich sei auch da schon das „In Szene setzen“ bei Shootings enorm wichtig, die Reichweite allerdings nicht so groß gewesen, wodurch sich Trends langsamer entwickelt hätten. Zur Zeit habe dieser Prozess ein sehr hohes Tempo. Instagram-Stars posteten mehrfach am Tag Selfies und Bilder. „Ergo haben die Social-Media-Stars einen großen Einfluss auf die jungen Menschen, vor allem was das ideale Körperbild betrifft“, sagt auch Schneider.

Das Internet dient außerdem nicht nur als Inspiration zur Schönheits-OP, auch bei der Suche nach einem passenden Arzt verlassen sich immer mehr Menschen auf die digitale Welt. Laut einer Befragung der Internationalen Gesellschaft für Ästhetische Medizin (IGÄM) haben 90 Prozent derjenigen, die eine ästhetische Behandlung planten, Informationen aus dem Netz zurate gezogen. Kritisch dabei sei, dass eine große Anzahl von ihnen im Nachhinein mit dem Arzt oder dem Ergebnis unzufrieden war.

Für Professor Werner Mang, Präsident der IGÄM, birgt die Online-Suche hohe Risiken, denn man könne nicht nachvollziehen, ob die Angaben auch korrekt seien. „Ärzte, die ihr Fachgebiet nicht gut beherrschen, fallen oft durch überzogene Werbung und vollmundige Versprechungen auf“, so Mang. Die Berufsbezeichnung „Schönheitschirurg“ sei rechtlich nicht geschützt. Deshalb könne im Prinzip jeder Mediziner, auch aus anderen Fachrichtungen, einen ästhetischen Eingriff durchführen. Er rät Patienten deshalb, anstatt auf Online-Bewertungen besser darauf zu vertrauen, ob der Arzt einer Fachgesellschaft wie der IGÄM angehört. Diese vergeben ein Gütesiegel und dokumentieren fachliche Qualifikationen.