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Gefährliche Begegnungen

Der Astro-Satellit Gaia soll in den kommenden Jahren Positionen und Geschwindigkeiten von einer Milliarde Sterne messen. Grafik: Esa
Der Astro-Satellit Gaia soll in den kommenden Jahren Positionen und Geschwindigkeiten von einer Milliarde Sterne messen. Grafik: Esa
Unsere Sonne bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 220 Kilometern pro Sekunde durch unsere Galaxis. Dabei kommt sie immer wieder anderen Sternen sehr nahe. Besonders knapp dürfte eine Begegnung in 250 000 Jahren ausfallen. Peter Bylda

Heidelberg. Wenn von einem "Neo" die Rede ist, wissen Astronomen : Hier droht Gefahr. Ein "Near Earth Object" ist ein gefährlicher Weltraumvagabund, ein oft mehrere hundert Meter großer Himmelskörper , der auf seiner Bahn um die Sonne immer wieder den Erdorbit schneidet. Eine Kollision mit verheerenden, möglicherweise weltweiten Konsequenzen ist da niemals auszuschließen.

120 000 Sterne im Visier



Am vergangenen Wochenende sorgte ein maximal ein Meter großer Meteorit, der über dem Südwesten Deutschlands verglühte, für Schlagzeilen. Welche Schäden ein 15-Meter-Brocken anrichten kann, zeigt der Fall des Meteoriten, der im Februar 2013 über der sibirischen Großstadt Tscheljabinsk explodierte. Doch ist das Risiko, das selbst von kilometergroßen Weltraumbrocken droht, nichts im Vergleich zu den Szenarien, die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Astronomie in Heidelberg untersuchen. Sie wollen wissen, was geschieht, wenn eine fremde Sonne, die mehr als eine Million Kilometer messen kann, unserem Sonnensystem zu nahe kommt.

Coryn Bailer-Jones ist Experte für Astrometrie; er untersucht Bewegungen und Positionen der Sterne und wertet dafür Daten des Esa-Satelliten Hipparchos aus, der von 1989 bis 1993 rund 120 000 Sterne in der Nachbarschaft unserer Sonne vermessen hat. Der derzeit sonnennächste Himmelskörper heißt Proxima Centauri. Er ist 4,3 Lichtjahre entfernt. Das ist das Zehntausendfache des Abstands des Planeten Neptun von der Sonne. Coryn Bailer-Jones, so die Weltraumagentur Esa, verfolgt in seiner aktuellen Studie Bahnen von über 50 000 Sternen, und zwar sowohl zurück in die Vergangenheit als auch in die Zukunft. Diese Analyse führte zu 14 Himmelskörpern, die unserem Sonnensystem auf weniger als ein Parsec (3,26 Lichtjahre) nahe kamen oder nahe kommen werden. Einer von ihnen könnte in einer viertel bis einer halben Million Jahre beinahe auf Tuchfühlung gehen. Der Stern Hip85605 wird zwischen 0,13 und 0,65 Lichtjahre an die Sonne heranrücken - genauere Angaben geben die Messwerte des Satelliten Hipparchos nicht her, so die Weltraumorganisation Esa.

Bailer-Jones hat zusätzlich fünf weitere solcher ungebetener stellarer Besucher entdeckt. Welche Folgen ein solcher Vorbeiflug haben wird, ist unklar, so die Raumfahrtagentur Esa. Sie hält es für möglich, dass die Begegnungen die sogenannte Oortsche Wolke stören. Mit diesem Fachbegriff bezeichnen Astronomen die eiskalten Außenbezirke des Sonnensystems, wo Eis- und Staubpartikel und viele kleinere Himmelskörper kreisen, aus denen sich niemals Planeten bilden konnten. Es ist nicht genau bekannt, wie groß diese "Wolke" ist, die nach dem niederländischen Astronomen Jan Hendrik Oort benannt ist. Es gibt Schätzungen, die bis über 1,5 Lichtjahre reichen. Durch die Schwerkraft eines vorbeiziehenden Sterns könnten Objekte der Oortschen Wolke aus ihren Bahnen gelenkt werden und Richtung Sonne stürzen. Eine denkbare Folge wäre eine Vielzahl neuer Kometen im Sonnensystem - und zahlreiche Einschläge.

Der Flug eines Sterns durch die Wolke dauere allerdings im Durchschnitt nur 30 000 Jahre, erklärt der Astronom. Welche Konsequenzen das für unser Sonnensystem hat, soll nun eingehender untersucht werden. Das ist die Aufgabe des Esa-Satelliten Gaia, der seit Mitte 2014 eine Milliarde Sterne vermessen soll.