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Follower lassen sich kaufen, eine gute Idee ist das meist nicht.

Twitter-Follower auf Bestellung : So günstig gibt es falsche Online-Freunde

Wer in den sozialen Medien mehr Anhänger haben will, kann sich welche kaufen. Ein guter Handel ist das selten.

In sozialen Netzwerken tummeln sich nicht nur Menschen. Dort sind auch sogenannte Social Bots unterwegs, selbstständig agierende Computerprogramme, die wie menschliche Nutzer wirken sollen. Diese Software-Roboter können einfache Aufgaben erledigen, die ihnen von einem Nutzer vorgegeben wurden. Sie können Profilen folgen, deren Beiträge verbreiten, diese mit „Gefällt mir“ markieren oder sogar vorgefertigte Meinungen kundtun, erklärt German Neubaum, der an der Universität Duisburg-Essen über digitale Kommunikation forscht.

Social Bots, so wird vermutet, werden in Desinformationskampagnen eingesetzt, etwa um Falschnachrichten zu verbreiten. Sie können Diskussionen beeinflussen und so auch politische Wirkung entfalten, vermuten manche. So soll es etwa im US-Präsidentenwahlkampf 2016 zwischen Donald Trump und Hillary Clinton passiert sein. Eine Stärke der Roboter bestehe darin, dass prinzipiell unbegrenzt viele von ihnen eingesetzt werden können, erläutert Neubaum. Eine mächtige Waffe, könnte man meinen, in einer Welt, in der sich alles um Klicks und Likes geht. Dabei sehen sich Online-Netzwerke, allen voran Facebook, immer wieder der Kritik ausgesetzt, zu wenig gegen Desinformation auf ihren Plattformen zu tun.

Was kosten die virtuellen Anhänger? Nicht jeder will gleich Meinung machen. Manch ein Nutzer will lediglich das eigene Profil etwas aufmöbeln und seinen Auftritt in den sozialen Medien verbessern. Dazu ist es meist nötig, möglichst viele virtuelle Anhänger, sogenannte Follower, für sich zu gewinnen. Hinter den Nutzerprofilen steckt im Idealfall ein Mensch. Doch digitale Freunde gibt es auch zu kaufen. In den Einkaufswagen kommen dann natürlich keine Menschen, sondern Bots, die darauf programmiert sind, sich dem Online-Profil des Käufers als virtueller Fan anzuschließen. Die Ergebnisse einer einfache Google-Suche mit den Begriffen „Was kosten Follower?“ liefert gleich an zweiter Stelle eine Internetseite, die 500 digitale Anhänger für die Fotoplattform Instagram für 7,20 Euro anbietet. 5000 kosten 36 Euro, 10 000 virtuelle Fans gibt es für 67 Euro, 100 000 schlagen mit 689 Euro zu Buche. Man muss nicht lange suchen, um zahlreiche weitere solcher Anbieter zu finden, mit sehr unterschiedlichen Preisen. Eine Seite gibt 10 000 internationale Instagram-Follower schon für 130 Euro her. Deutsche Fans sind jedoch deutlich teurer, hier kosten alleine 1000 Follower bereits 140 Euro. Anderswo gibt es 10 000 Anhänger schon für 67 Euro. Die Seite schweigt sich jedoch darüber aus, ob die Software-Roboter einem bestimmten Land zugeordnet sind. Sogenannte Likes (Gefällt-mir-Angaben), mit denen Nutzer mit einem hochgereckten Daumen anzeigen können, dass ihnen ein bestimmter Beitrag gefallen hat, lassen sich übrigens auch kaufen. Ebenso gibt es käufliche Fans auch für alle anderen sozialen Netzwerke, darunter Facebook und Twitter.

Was bekommt ein Käufer von Bots für sein Geld? Michael Kreil, der sich bei dem Berliner Unternehmen Infographics Group mit der Analyse großer Datenmengen beschäftigt, hat das in einem Selbstversuch herausfinden wollen. Er erstellte sich ein neues Konto auf dem Kurznachrichten-Netzwerk Twitter und kaufte sich 4500 digitale Fans. Hinter allen neuen Anhängern steckten Bots, also nichts weiter als simple Computerprogramme, doch nicht allen sah man das sofort an. Kreil untersuchte die Konten dieser gekauften Follower und überprüfte etwa, wann diese zuletzt auf der Plattform aktiv waren, ob sie selbst Fans hatten und ob für das Profil eine Zeitzone festgelegt war. Wenn solche grundlegenden Angaben fehlten, ging Kreil davon aus, dass es sich um eigens erstellte „leere“ Konten handelte, hinter denen nie ein richtiger Mensch stand. Andere Profile waren dagegen so ausführlich, dass sie wohl einmal einem Menschen gehört hatten, diesem jedoch von einem Hacker entwendet worden waren.

Was hat ein Nutzer langfristig von den gekauften digitalen Anhängern? Die neu hinzugewonnen falschen Online-Freunde werden in der Regel nicht auf die eigenen Beiträge reagieren und diese auch nicht verbreiten. Somit helfen sie dem Nutzer nicht dabei, eine größere Präsenz in einem Netzwerk aufzubauen. Da Plattformen wie Twitter und Instagram regelmäßig nach inaktiven Konten suchen und diese löschen, können die gekauften Freunde schnell wieder verloren gehen. Manche Anbieter füllen die verlorenen Fans wieder auf, doch dafür gibt es keine Garantie. Langfristig droht der Kauf von Followern, dem eigenen Konto eher zu schaden als zu nutzen.

Denn wer sich digitale Fans kauft, begibt sich auf dünnes Eis. In den Nutzerrichtlinien zum Thema Automatisierung macht Twitter deutlich, dass der Handel von Konten, hinter denen sich keine reale Person verbirgt, verboten ist. Auch Twitter-Konten, die mit gefälschten Profilen in Verbindung stehen, können von der Plattform mit Strafen belegt, etwa vorübergehend oder dauerhaft gesperrt werden.

Viele der zufällig generierten Konten tragen oft außergewöhnliche Namen und sind inaktiv. Das kann abschreckend wirken, sodass Profilen mit gekauften Fans bald auch die realen Anhänger davonlaufen. Rechtlich gesehen bewegt sich ein Käufer von Followern in einer Grauzone. Sollte ein Anbieter etwa nicht liefern, was er verspricht, kann der Käufer kaum auf seine Rechte als Verbraucher pochen.

Was können Bots erreichen, wenn sie in den sozialen Medien Meinung machen sollen? „Es gibt bislang keine Erkenntnisse zum nachhaltigen Einfluss von Bots. Dafür sind Langzeitstudien notwendig, die erst in einigen Jahren vorliegen werden“, erklärt Medienforscher Neubaum. Doch nur solche langfristigen Untersuchungen können eindeutige Aussagen darüber liefern, welchen Einfluss autonome Programme in der politischen Diskussion im Netz tatsächlich haben können. Dass Desinformationskampagnen im Netz tatsächlich ausschlaggebend sind, zumal im deutschen Sprachraum, zweifelt der Münchner Politikwissenschaftler Simon Hegelich an. Es gebe zwar zahlreiche solcher Kampagnen im Netz, doch ihre Wirkung werde überschätzt. Er warnt allerdings vor den indirekten Auswirkungen der Kampagnen. Die große Sorge vor Desinformation würde Unsicherheit und Misstrauen schüren, womit EU-Bürger den Machern solcher Kampagnen in die Hände spielen, so Hegelich.

Dem schließt sich auch Neubaum an. „Man muss sich klar machen, dass Bots keine Meinungen ändern können. Sie können lediglich den Eindruck erwecken, dass mehr Leute einer Meinung sind, als es tatsächlich der Fall ist“, erklärt der Informatiker. Er wolle nicht Alarm schlagen, es gehe ihm darum, potenzielle Gefahren zu verringern und den Nutzen von Bots, beispielsweise wenn sie Menschen entlasten, zu erhöhen. Solche Möglichkeiten gibt es für Nutzer von Twitter bereits. Sie können auf spezielle Bots zurückgreifen, die die Verwaltung des eigenen Kontos zumindest teilweise übernehmen können.