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Druck durch Streaming-Dienste nimmt zu
Das Fernsehen muss sich neu erfinden

Vor allem jüngere Menschen beziehen ihr Fernsehprogramm heutzutage fast ausschließlich per Smartphone, Tablet und Co.
Vor allem jüngere Menschen beziehen ihr Fernsehprogramm heutzutage fast ausschließlich per Smartphone, Tablet und Co. FOTO: Andrea Warnecke/dpa-tmn / Andrea Warnecke
München/Köln. Streaming-Dienste laufen dem klassischen Programm der etablierten Sender den Rang ab. Öffentlich-rechtliche und private Anstalten wollen ihr Angebot in Zukunft ausbauen, um verlorene Zuschauer zurückzugewinnen. Von Elena Metz (dpa)

(dpa) Serienfans und Nutzer von Videoplattformen im Internet dürfen sich 2019 auf einige Neuerungen freuen. Denn deutsche TV-Sender tüfteln an neuen Streaming-Lösungen, um den erfolgreichen US-Diensten wie Netflix etwas entgegenzusetzen. Die Zeit drängt. Von der wachsenden Sparte wollen viele profitieren, darunter auch große Namen wie Apple und Disney.


Vor allem für jüngere Menschen ist es immer weniger attraktiv, sich nach der Arbeit oder dem Unterricht daheim auf das Sofa zu legen und sich vom Fernsehprogramm berieseln zu lassen. Sie wollen lieber selbst auswählen, was sie wann und wo schauen. Das Smartphone macht es ohnehin überall möglich.

Zwar erreichen die deutschen Sender mit ihren Programmen im klassischen Fernsehen noch ein breites Publikum, aber der Druck, sich digital besser aufzustellen, wächst. Zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen nutzen Video-Streaming-Dienste wie Netflix oder Amazon Prime mindestens einmal pro Woche, wie die Zahlen der Onlinestudie von ARD und ZDF zeigen. Die Mediatheken von ARD, ZDF, Sat.1 oder ProSieben riefen hingegen nur rund 40 Prozent dieser Gruppe so häufig auf.



Bei der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren insgesamt gelang es Netflix binnen eines Jahres, seine Nutzerschaft mehr als zu verdoppeln. Demnach schaut fast ein Drittel der Bevölkerung Serien und Filme des Streaming-Anbieters. Gegen die mächtigen Serienproduzenten aus Übersee wollen die deutschen Sender jedoch vorerst nicht gemeinsam vorgehen. Jeder verfährt lieber nach seinem eigenen Konzept, die anderen können sich gern anschließen.

Diese Vorsicht rührt auch aus vergangenen Erfahrungen: Pläne für eine geplante Online-Plattform von ARD und ZDF mit dem Titel „Germany‘s Gold“ wurden im Februar 2014 verworfen, nachdem sich das Bundeskartellamt eingeschaltet hatte. Die Behörde sah kritisch, dass das Projekt die gemeinsame, entgeltliche Online-Vermarktung von Videos durch Wettbewerber mit Preisabsprachen und bestimmten Exklusivitätsvereinbarungen vorgesehen hätte.

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hält eine Qualitätsoffensive für notwendig, um mit den hochwertigen US-Produktionen mithalten zu können. Im Netzzeitalter sei das Eingehen von Allianzen unabdingbar, um große Budgets zu stemmen. Ein Beispiel ist das TV-Film-Projekt „Babylon Berlin“, eine historische Krimiserie über einen Kölner Kommissar in Berlin im Jahr 1929, die die ARD gemeinsam mit dem privaten Anbieter Sky produziert.

Wilhelm schwebt eine europäische Plattform vor, an der sich öffentlich-rechtliche wie private Sender beteiligen sollen. Bei letzteren zieht die Idee jedoch nicht so richtig. RTL begrüßt zwar „die sehr klare Problemanalyse von Ulrich Wilhelm“, heißt es in einer Stellungnahme. „Gerade in den vergangenen zwei Jahren haben wir gesehen, wie gefährlich es ist, wenn die Algorithmen der globalen Tech-Plattformen einen immer weiter wachsenden Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung in unseren Demokratien bekommen“, sagt RTL-Sprecher Oliver Fahlbusch. Das Unternehmen wolle sich aber lieber auf seine eigene Plattform TV Now konzentrieren und diese in Zukunft deutlich ausbauen.

Auch Konkurrent ProSiebenSat.1 will sein eigenes Streaming-Angebot erweitern. Im Juni kündigten die Münchner an, gemeinsam mit Discovery eine neue Plattform zu entwickeln. Der Konzern will die Angebote 7TV, Maxdome und Eurosport Player zusammenlegen, um die „führende Streaming-Plattform für Deutschland“ zu werden“, wie ProSiebenSat.1-Vorstand Max Conze sagt. Ziel sei, in den ersten zwei Jahren zehn Millionen Nutzer zu gewinnen. „Ich lade hiermit RTL, ARD und ZDF ein, mit uns gemeinsam einen deutschen Champion zu schaffen“, so Conze.

Das Bundeskartellamt gab im Juli bereits grünes Licht für die Zusammenführung der drei Angebote. Die Erweiterung der Kooperation um das ProSieben-Angebot Maxdome sowie das Discovery-Angebot Eurosport-Player als einen zusätzlichen Geschäftsbereich lasse nicht erwarten, dass das Gemeinschaftsunternehmen eine dominante Marktposition erhalte.

Neben den geplanten Neuerungen scheint ein weiterer Tech-Gigant aus den USA seine Fühler auszustrecken. Apple plane einen Streamingdienst für iPhone-, iPad- und Apple-TV-Besitzer, der kostenlos über die eigene TV-App verfügbar sein soll, wie der US-Sender CNBC herausgefunden haben will. Zuvor hatte Apple schon eine mehrjährige Partnerschaft mit der US-Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey bekannt gegeben. „Winfreys Projekte werden als Teil einer Reihe selbstproduzierter Inhalte von Apple veröffentlicht“, teilte der Konzern im Juni mit. Außerdem soll Apple zusammen mit der US-amerikanischen Produktionsfirma Sesame Workshop, dem Produzenten der Kindersendung Sesamstraße, Formate für Kinder entwickeln, wie mehrere US-Medien berichten. Die Sesamstraße selbst solle aber nicht Teil des Programms werden.

Auch der Disney-Konzern will Zuschauer bald mit einem eigenen Streaming-Dienst begeistern. Mehreren Medienberichten zufolge soll es Ende 2019 so weit sein.

Für Serien- und Streamingfans sind die Pläne der Konzerne zunächst eine gute Nachricht – das Angebot wächst und der Druck, höhere Qualität zu liefern, steigt.