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Fliegende Kabeltechniker
Ferngesteuerte Helfer am Himmel

Mit Kamera und speziellen Sensoren ausgestattet, können Drohnen einen wichtigen Beitrag beim Aufbau von Funknetzwerken leisten.
Mit Kamera und speziellen Sensoren ausgestattet, können Drohnen einen wichtigen Beitrag beim Aufbau von Funknetzwerken leisten. FOTO: Sven Hoppe / dpa
Saarbrücken. Drohnen sollen künftig beim Ausbau und der Instandhaltung von Funkmasten und Kabelnetzen eingesetzt werden. Von David Seel

Sie besitzen vier Rotoren, eine Kamera und werden über spezielle Fernbedienungen, vom PC aus oder per Smartphone-App gesteuert. Für einige sind sie der neueste Stern am Freizeithimmel, andere sehen sie eher als fliegende Plagegeister. Ein Blick auf die Verkaufszahlen von sogenannten Quadrokopter-Drohnen, im Volksmund meist nur Drohnen genannt, zeigt, dass die erste Gruppe in den letzten Jahren viel Zulauf bekommen hat. Nach Schätzungen der Deutschen Flugsicherung (DFS) wurden hierzulande im vergangenen Jahr 400 000 Drohnen verkauft, für 2017 werden bereits 600 000 Verkäufe erwartet und für das Jahr 2020 rechnet die DFS mit rund einer Million neuer Drohnen. „Es besteht Einigkeit darüber, dass es sich um einen deutlich wachsenden Markt handelt“, sagt DFS-Sprecherin Nanda Geelvink.



Doch längst nicht alle Drohnen werden für das private Freizeitvergnügen genutzt. Die DFS geht davon aus, dass mehr als die Hälfte der verkauften Drohnen kommerziell eingesetzt wird. Die Einsatzgebiete sind laut einer Untersuchung des Versicherungsunternehmens Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) vielfältig. Drohnen würden unter anderem für die Inspektion von Industrieanlagen und Brücken, für Luftaufnahmen, den Warentransport sowie in der Landwirtschaft eingesetzt. „Die kommerzielle Nutzung unbemannter Luftfahrzeuge wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen“, sagt AGCS-Luftfahrtexperte Thomas Kriesmann. Eine Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PWC) macht jetzt ein weiteres Einsatzgebiet für die Fluggeräte aus: Den Ausbau und die Aufrechterhaltung von Telekommunikationsnetzen.

Laut der Untersuchung können die Drohnen auch hier viele Aufgaben übernehmen. Eine, die sie schon seit geraumer Zeit erfüllen, ist die Wartung von Leitungen und Funkantennen. So können sie beispielsweise Antennenmasten auf Materialermüdung oder sonstige Risiken hin prüfen, ohne das menschliche Ingenieure jeden Mast mühsam hochklettern müssen. „Wenn Drohnen zur Standardausrüstung der Wartungsteams gehören, erhöht das sowohl die Sicherheit der Techniker als auch ihre Effizienz“, sagt Werner Ballhaus, Leiter des Bereichs Technologie, Medien und Telekommunikation bei PWC in Deutschland. So könnten strukturelle Schäden, mangelnde Verkabelung oder Korrosion frühzeitig vom Boden aus erkannt und entsprechend reagiert werden.



Das sei auch dann relevant, wenn etwa geschützte Vogelarten die Antennen als Brutplatz auserkoren hätten, so Ballhaus. Mit Drohnen könnten Techniker kontrollieren, ob die Antenne durch die Nester gefährdet sei, ohne die Tiere unnötig aufzuschrecken.

Auch nach Naturkatastrophen, beispielsweise in Hochwassergebieten, könnten die Drohnen eingesetzt werden und etwa die Struktur von Funkmasten überprüfen oder Leitungen wiederherstellen, ohne dass dadurch eine Gefahr für Menschen entstehe. Die technische Entwicklung im Bereich der Künstlichen Intelligenz wird laut Ballhaus dazu führen, dass die Drohnen viele dieser Arbeiten künftig sogar ganz ohne menschliches Zutun erfüllen werden.

Auch bei der Installation neuer Funkmasten sollen die Quadrokopter helfen. Mit den passenden Sensoren ausgestattet, können sie messen, ob ein Standort für eine neue Antenne geeignet ist oder ob Hindernisse wie Gebäude oder Bäume die Funknetzwerke behindern könnten. „Das ermöglicht es, die Sendereichweite und Strahlungsmuster von Antennen genau zu bestimmen“, sagt Werner Ballhaus. Als mögliches Einsatzgebiet nennt er beispielhaft die Funknetzwerke von Sportstadien, bei denen die Netzabdeckung mit den Drohnen für jeden Zuschauerplatz einzeln bestimmt werden könne. Auch Überlagerungen von Funkwellen, die die Netze stören (Interferenz), ließen sich so aufspüren.

Die Drohnen können bestehende Funknetze aber auch direkt verstärken, wenn diese kurzfristig überlastet sind, etwa bei Großveranstaltungen oder im Katastrophenfall. Bisher kommen hier laut Werner Ballhaus meist auf Lkw montierte mobile Antennen zum Einsatz. Besonders bei Unglücken oder Netzwerkausfällen könnten die Drohnen aber viel schneller und flexibler eingesetzt werden, so die Einschätzung des Experten. Die fliegenden Antennen ließen sich außerdem bis zu Höhen von 100 Metern einsetzen und deckten damit einen viel größeren Bereich ab als Sender am Boden. Sind sie mit Kabeln mit der Bodenstation verbunden, können sie laut Ballhaus selbst bei starkem Wind oder dichtem Rauch beinahe unbegrenzt lange in der Luft bleiben.

Da die Drohnen über Kameras verfügen und Aufnahmen auch speichern können, stellt sich die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre von abgebildeten Personen. Der Datenschutzaspekt ist der „Verordnung zur Regelung des Betriebs von unbemannten Fluggeräten“ geregelt. Laut dieser ist unter anderem das Fliegen über Wohngebieten grundsätzlich verboten, wenn die Drohne über eine Kamera verfügt. AGCS-Experte Thomas Kriesmann sieht ein weiteres Problem: Hacker könnten die Drohnen aus der Ferne kapern und entweder gezielt zum Absturz bringen oder gespeicherte Daten stehlen. „Wenn die Drohne während des Fluges Daten an die Bodenstation sendet, können diese auch abgefangen werden“, so Kiesmann.

Selbst ohne Fremdeinwirkung sieht die DFS die Drohnennutzung kritisch: Die Flugsicherungsbehörde sammelt alljährlich Fälle, bei denen Drohnen zivilen Flugzeugen gefährlich nahe gekommen sind. „2015 wurden 14 solcher Behinderungen von Piloten gemeldet, 2016 waren es bereits 64. Und 2017 sind es bereits jetzt 52“, sagt DFS-Sprecherin Geelvink. Diese Sichtungen ereigneten sich meist im Landeanflug auf Flughäfen. „Meldet ein Pilot ein Objekt in seiner Sichtweite, ist davon auszugehen, dass eine solche Annäherung eine ernst zu nehmende Behinderung darstellt.“