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Falsche Freunde verzerren das Meinungsbild

Eine Armee von Robotern überschwemmt die sozialen Netzwerke. Immer öfter werden politische Diskussionen im Internet durch Computerprogramme manipuliert. Foto: Fotolia
Eine Armee von Robotern überschwemmt die sozialen Netzwerke. Immer öfter werden politische Diskussionen im Internet durch Computerprogramme manipuliert. Foto: Fotolia FOTO: Fotolia
Frankfurt. Sogenannte Social Bots geben vor, ein Mensch zu sein. In Wirklichkeit sind es jedoch Computerprogramme, die automatisch Texte in sozialen Netzwerken veröffentlichen. Bei der Brexit-Kampagne und im US-Wahlkampf machten sie laut Experten massiv Stimmung. Barbara Schneider,Elisa Makowski (epd)

In den sozialen Netzwerken verschwimmen die Grenzen zwischen Mensch und Computer. Denn ob der neue Kontakt eine reale Person oder doch nur ein Computerprogramm, ein sogenannter Social Bot, ist, lässt sich immer schwerer herausfinden.


"Social Bots sind Fake-Accounts, die von einer Software gesteuert werden und ihre Identität verschleiern", sagt Simon Hegelich, Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik an der Technischen Universität München. Der Politikwissenschaftler hat herausgefunden, dass beispielsweise ein ganzes Heer an Bots den Ukraine-Konflikt mit faschistischen Äußerungen im Internet anheizt. Dazu posten die Programme auf Twitter sexistische Witze und streuten dabei immer wieder ihre Propaganda ein. "Das macht Sinn, wenn man junge Männer in der Ukraine erreichen will", sagt Hegelich.

Wie sehr Computer-Programme in der Politik mitmischen, haben auch die Soziologen Philip Howard und Bense Kollanyi anhand des Brexit-Referendums in Großbritannien erforscht. Ihren Beobachtungen zufolge hat eine kleine Anzahl an Accounts eine große Menge an Pro-Brexit-Tweets abgesetzt. Das Problem: Viele tendenziöse Posts sorgen dafür, dass ein bestimmtes Meinungsbild oft auch in der analogen Öffentlichkeit als Fakt wahrgenommen wird.

Auch im US-Wahlkampf sind Bots aktiv. Donald Trump hat ein ganzes Heer von Followern mit Spanisch klingenden Namen, die ihn loben. Hegelich sieht darin den Versuch, unter den hispanischen Wählern, die Trump in der Vergangenheit immer wieder beleidigt hat, auf Stimmenfang zu gehen.

"Für 450 Dollar lassen sich 10 000 Follower kaufen", sagt Hegelich. Er sieht in den Bots ein Risiko für die Demokratie. Die Hauptgefahr bestehe darin, dass etwa Politik, Medien oder Einzelpersonen aus den Posts der Bots eigene Entscheidungen ableiten könnten. Bots könnten so dazu beitragen, dass eine politische Stimmung kippt.



Wer letztlich welche falsche Identität im Netz streut, ist schwer herauszufinden. "Das Phänomen existiert schon länger, nur gibt natürlich niemand zu, dass er großflächig die Meinung manipuliert", sagte der Wirtschaftsinformatiker Christian Grimme unlängst in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

Er spricht von einem verbreiteten Phänomen. "Bots können im Wahlkampf, von radikalen Gruppen oder Terroristen, aber auch von staatlichen Organisationen oder der Wirtschaft eingesetzt werden", so der Leiter des vom Bundesforschungsministerium geförderten Forschungsprojekts "Erkennung, Nachweis und Bekämpfung verdeckter Propaganda-Angriffe über neue Online-Medien". Auch die gemeinnützige Amadeu-Antonio-Stiftung hat einmal mit einem Social Bot auf Twitter experimentiert. Unter dem Stichwort @nichtsgegen schaltete sich das Programm immer dann in Form eines automatisierten Tweets ein, wenn jemand eine Aussage über den Kurznachrichtendienst verbreitete, die antisemitisch sein könnte. Ziel des Bot war es, Menschen auf Alltags-Antisemitismus aufmerksam zu machen. Dazu verlinkte er auf eine Webseite, die über die gängigsten antisemitischen Ressentiments aufklärte.

Mit Bots gegen Antisemitismus

Das sah dann zum Beispiel so aus. Schrieb ein Nutzer auf Twitter die Worte "Juden lügen", vermeldete der Bot automatisch "Du twitterst eventuell Antisemitisches. Infos:tinyurl.com/ngjwahrejuden #nichtsgegenjuden".

Im September 2015 nahm das Programm seine Arbeit auf. Nach nur vier Wochen war allerdings schon wieder Schluss. Twitter habe dem Account nach vielen Beschwerden die Schreibrechte entzogen, sagt Johannes Baldauf von der Stiftung. "Viele Leute haben sich durch den Bot auf die Füße getreten gefühlt. Das wollten wir ja auch." Er sei aber zu oft auch auf Äußerungen angesprungen, die nicht antisemitisch waren. Für die Stiftung ist deswegen klar, dass der Bot zunächst noch einmal technisch verbessert werden muss, bevor er nächstes Jahr wieder intervenieren soll.

Bots wie dieser sind transparent, weil sie dem Leser deutlich machen, dass dahinter ein Computerprogramm steckt. Die Mehrzahl der automatischen Meinungsmacher aber sei schwer zu erkennen, würde immer professioneller und menschenähnlicher, sagt Hegelich. Eines müssten sich Nutzer, die politische Diskussionen im Netz verfolgen, klar machen: "Überall, wo Themen große Aufmerksamkeit erregen, sind Social Bots zu finden."