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Hologramme und mehr
Die Wirklichkeit ist nicht genug

Virtuelle Möbel testweise in die eigene Wohnung zu stellen, ist nur eine der vielen möglichen Anwendungen von Augmented Reality.
Virtuelle Möbel testweise in die eigene Wohnung zu stellen, ist nur eine der vielen möglichen Anwendungen von Augmented Reality. FOTO: dpa-tmn / Franziska Gabbert
Berlin. Augmented Reality, die virtuell angereicherte Realität, könnte der nächste große Technologie-Trend werden. Von Christina Peters und dpa

Über der Abbiegespur schweben grüne Pfeile und biegen um die Straßenecke. Rote Warnzeichen begleiten eine Fußgängerin über den Zebrastreifen und am Straßenrand zieht der Schriftzug „Café“ vorbei – aber nur auf der Windschutzscheibe. Die echte Sicht des Autofahrers, erweitert (engl.: augmented) um digitale Informationen aus dem Navigationsgerät sei bald Alltag, verspricht das Start-Up Wayray, dessen holografisches Navi auf Messen schon Preise einfuhr und 2019 in den USA und China auf den Markt kommen soll. Auch der iPhone-Hersteller Apple meldete zuletzt ein Patent für eine Windschutzscheibe mit Augmented Reality (AR) an.


Die Idee, dass Menschen ihren Alltag virtuell angereichert sehen, ist nicht neu. Jedoch wurde es nach dem PR-Desaster um Googles Datenbrille Glass zunächst eine Weile still um die Technologie. Der Internet-Konzern hatte die Kritik von Datenschützern auf sich gezogen. Sie monierten, die in der Brille verbaute Kamera nehme heimlich Bilder auf, die anschließend auf Googles Servern landeten.

Nun könnte jedoch ein Comeback anstehen. In fünf Jahren werde bereits jeder vierte Deutsche regelmäßig AR-Dienste nutzen, sagen der Digitalverband Bitkom und die Unternehmensberatung Deloitte voraus. Schon in diesem Jahr es in Deutschland 2,2 Millionen aktive Nutzer und innerhalb von fünf Jahren werde sich diese Zahl fast verzehnfachen.



Längst hat der Handel das Potenzial entdeckt und bietet Apps, mit denen Möbel im eigenen Wohnzimmer oder Kleidung am eigenen Körper ausprobiert werden können. Das funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie etwa die Handy-App Snapchat, die Nutzer mit virtuellen Masken in Echtzeit lustig oder skurril aussehen lässt. Reise- und Museumsführer liefern mittels Handy-Kamera und -Ortung gezielte Informationen – und manche lassen digitale Figuren, etwa das Stadtmaskottchen, die Touristenführung leiten.

Das im Sommer 2016 enorm erfolgreiche AR-Spiel „Pokémon Go“, das bislang 800 Millionen Nutzer heruntergeladen haben, war auch technisch nur ein Anfang. Wirkten die virtuellen Wesen auf den Bildschirmen zunächst recht flach, so legen die Entwickler nun nach: in einer Vorschau auf die nächste Programmversion ist zu sehen, wie Pikachu und Co. demnächst um Bäume oder Spaziergänger herumwuseln können.

Zunehmend stehe die für anspruchsvollere Spiele und andere Anwendungen nötige Hardware zur Verfügung, erklärt Christopher Meinecke von Bitkom. Dazu gehörten leistungsstarke Prozessoren sowie Kameras mit mehreren Linsen. Apple und Google unterstützen AR-Entwickler zudem mit einer Fülle nur zu diesem Zweck geschaffener Software-Werkzeuge.

Datenbrillen etablieren sich bisher vor allem in der Wirtschaft. „Ein Monteur bei Boeing wird nicht mehr lange mit einem physischen Handbuch hantieren, wenn er ein Flugzeug repariert“, sagt Meinecke. Die weiterentwickelte Version der gescheiterten Google Glass nutzen laut Google bereits Konzerne wie Volkswagen und General Electric. Der Paketdienst DHL blende auf Datenbrillen Arbeitsanweisungen oder Schulungsprogramme für Mitarbeiter ein. „Diese Technik hat zu durchschnittlichen Produktivitätssteigerungen von 15 Prozent geführt und gleichzeitig die Fehlerquote reduziert“, erklärt eine Sprecherin des Post-Unternehmens. Brillen wie die Hololens von Microsoft erzeugen dreidimensionale Hologramme in der direkten Umgebung des Trägers, die zum Beispiel Designern helfen sollen, Gegenstände zu gestalten, ohne aufwendige Modelle zu benötigen.

Experten sind sich jedoch sicher, dass das virtuell erweiterte Blickfeld auch bei Verbrauchern einen erfolgreichen zweiten Anlauf starten wird. Sogenannte „Eyeables“ – tragbare Elektronik rund ums Auge – böten sich als logisches Gegenstück zur sich rasant durchsetzenden Sprachsteuerung an, meint etwa der US-Technologie-Vordenker Stowe Boyd.

Auch Amazon, Entwickler der Sprachassistentin Alexa, arbeite an einer Datenbrille, berichtete vor einem Jahr die „Financial Times“. Geleitet werde das Projekt vom Physiker Babak Parviz, der einst Google Glass mitentwickelte. Parviz machte schon 2009 Schlagzeilen: An der Universität von Washington testete sein Team Kontaktlinsen mit Schaltkreisen und Leucht-Pixeln.

Womöglich ist es also in Zukunft gar keine Brille, die digitale Anreicherungen in das Sichtfeld der Anwender einblendet. „Langfristig kann ich mir vorstellen, dass es sogar eine AR-Kontaktlinse ist“, meint Meinecke. Mit technologisch erweiterten Kontaktlinsen, die etwa Blutzucker messen, werde derzeit experimentiert. Berichten zufolge meldeten Samsung, Google und Sony bereits Patente auf Kontaktlinsen mit Mikrokameras an.