Es gibt zahlreiche Experimente mit Computern, die Kunst schaffen sollen

Schöpferische Computer : Die Kunstwerke der künstlichen Intelligenz

Experimente mit Maschinen, die scheinbar selbstständig Bilder malen, werfen die Frage auf, was Kreativität bedeutet.

Von wegen Verdi. Ai-Da singt sich nicht durchs ägyptische Reich der Pharaonen. Die humanoide Robotergestalt malt und zeichnet in Oxford, was sich ihre Betriebssoftware ausdenkt. Ai-Da verdankt ihre Existenz der britische Firma Engineered Arts. „Sie“ ist jüngster Spross einer Familie künstlicher Wesen, die sich durch Algorithmen, also programmierte Handlungsanweisungen, selbst steuern. Der Name geht zurück auf Ada Lovelace, eine Pionierin moderner Informatik.

Aber ist das Kunst, was der Algorithmus da mit Hilfe einer feinen Mechanik erzeugt? Und wo beginnt Kreativität? Solche Fragen stellen sich zunehmend auch in Ausstellungen oder Atliers. Mit dem Siegeszug künstlicher Intelligenz (KI) ergeben sich für diejenigen, die Werke schaffen, wie für Betrachter neue Perspektiven. Und der Kunstmarkt lärmt mit großem Tamtam kräftig mit.

Der Donnerschlag kam aus New York. Für gut 432 000 Dollar (380 000 Euro) wechselte „Edmond de Belamy“ im Auktionshaus Christie‘s im Oktober seinen Besitzer. Der etwas verschwommen wirkende Computerdruck einer männlichen Figur geht zurück auf das französische Kollektiv Obvious, das die Maschine mit 15 000 Porträts aus mehreren Jahrhunderten fütterte. Dann ließen sie zwei Computer-Programme gegeneinander arbeiten: das erste entwarf Bilder auf Basis der gespeicherten Porträts, der zweite wies sie zurück, wenn er eine Maschine hinter der Arbeit vermutete. Was ersteren wiederum lernen und besser werden ließ.

So entstanden letztlich Edmond und eine ganze Belamy-Dynastie – zum Frust von Robbie Barrat. Der US-amerikanische Künstler und Entwickler hatte den Algorithmus zwar zur freien Verwendung ins Netz gestellt. Der Auktionserlös von Christie‘s ging aber zu den Obvious-Tüftlern nach Paris. Die hatten das Werk mit einem Teil des Programmcodes signieren lassen.

Die Urheberrechtsfrage hat allerdings keinen digitalen Ursprung. Schon bei Ready-mades wie Marcel Duchamps berühmter „Fontaine“ stellte sich die Frage, welche Rechte beim industriellen Hersteller des zur Kunst erklärten Urinals liegen.

Ortswechsel: An der Universität Delft entstand „The next Rembrandt“. Dort wurden die Rechner mit Porträts von Rembrandt van Rijn (1606-1669) gefüttert. Erfasst wurde selbst die Pinselstrichtechnik des Niederländers. Auf dieser Datenbasis entstand vor drei Jahren per 3D-Druck ein „neuer“ Rembrandt, den der Meister nie malte.

Thomas Christian Bächle, am Berliner Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft mitverantwortlich für Forschungen zur „Entwicklung der digitalen Gesellschaft“, können „Belamy“ oder „Next Rembrandt“ nicht überzeugen. Diese Werke seien zwar interessant in der Art und Weise, wie sie in Szene gesetzt werden. Um als echte Meilensteine zu gelten, sind dem Medienwissenschaftler die bisherigen Projekte aber noch nicht radikal genug.

Bächle meidet auch den KI-Begriff. Damit werde so getan, als seien menschliche und maschinelle Intelligenz nicht grundlegend verschieden. Dabei handele es sich bei Computerprogrammen keineswegs um eine schöpferische Intelligenz mit einem Bewusstsein. Tatsächlich hätten Menschen diese Projekte geplant und umgesetzt und anschließend lediglich auf den Startknopf gedrückt.

Die KI-Welt der Kunst hat bereits viele verschiedene Knöpfe: In München arbeitet Hell Gette bei ihren Papierarbeiten mit einer App auf dem Smartphone, die sie Computergrafiken in Landschaftsdarstellungen integrieren lässt. Diese zunächst ausschließlich digitalen Werke bearbeitet sie nach dem Ausdruck weiter.

Komplexer wird es beim in Berlin arbeitenden Künstler Roman Lipski. Er und sein Partner Florian Dohmann von der Künstlerinitiative YQP präsentierten ihre Zusammenarbeit während der jüngsten Münchner Digitalkonferenz UBX als „echte Partnerschaft zwischen einem Maler und künstlicher Intelligenz“.

Lipski gab der Maschine, die er inzwischen seine „Muse“ nennt, neun gemalte Varianten einer Landschaft in Kalifornien vor. Dohmanns Rechner warf daraufhin seine „Ideen“ zu diesem Thema aus, die wiederum den Maler zu weiteren Bildern inspirierten. Die immer neuen Idee des Rechners sind als Stream online zu sehen. Der Name von Lipskis eigener Serie entspricht ihrem Ziel: „unfinished“ („unvollendet“).

Wissenschaftler Bächle sieht in dieser technologischen Entwicklung auch eine Rückbesinnung. So komme es, dass sich die Kunstwelt uralte Fragen erneut stelle: Was ist Kreativität? Was ist ein Künstler? Und wer ist der Urheber?

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