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Eine neue, gruselige Figur versetzte Kinder im Internet in Angst

Neue Gruselfigur im Internet : Grusel-Goofy schürt Ängste bei Kindern

Die schaurige Fratze Jonathan Galindo verbreitet mit lebensgefährlichen Aufgaben Angst und Schrecken.

Eine neue Gruselfigur treibt im Internet ihr Unwesen. Jonathan Galindo, auch Grusel-Goofy genannt, versuche in sozialen Netzwerken wie Tiktok, Whatsapp oder Instagram gezielt Kinder anzuschreiben, warnt Thomas-Gabriel Rüdiger, Cyberkriminologe an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg. Den Namen Grusel-Goofy bekam die Figur, weil die Fotos an den gleichnamigen Hund aus den Walt-Disney-Comics erinnert.

Nehme ein Kind die Nachrichtenanfrage an, erhalte es einen Link, der es zu einer Datei mit Aufgaben führe, die mitunter lebensgefährlich sein könnten, erklärt Rüdiger. Wer die Herausforderungen ignoriert oder aussteigen wolle, werde bedroht. Rüdiger berichtet, dass die Tochter eines Bekannten verzweifelt Hilfe bei ihrem Vater gesucht habe, weil sie aus Angst den Kettenbrief weitergeleitet hatte.

Die Fotos der gruseligen Fratze stammen von Samuel Canini, einem Maskenbildner aus den USA. Er habe die Fotos 2011 und 2012 aufgenommen, erklärt der 45-Jährige auf Anfrage unserer Zeitung. „Ich wollte eine schäbigere Version der Disney-Goofy-Figur machen“, berichtet er. „Die Fotos wurden nur zu meinem eigenen Vergnügen aufgenommen.“ Ihm sei nicht bewusst gewesen, was die Bilder später auslösen könnten.

Solche Phänomene sind jedoch nicht neu. „Alter Wein in neuen Schläuchen“, erklärt das Internetportal mimikama.at. Die Faktenprüfer beobachten seit einigen Jahren, dass solche Herausforderungen, sogenannte Challenges, immer wieder Angst und Schrecken – gerade unter Kindern und Jugendlichen – verbreiten. So gebe es seit 2016 die Blue Whale Challenge und seit 2018 geistere immer wieder die vogelartige Fratze Momo durch die sozialen Netzwerke. Der Ursprung der Nachrichten lasse sich in der Regel nicht nachvollziehen, weil sie sich als Kettenbriefe rasant verbreiteten.

Auch Canini berichtet davon, dass die ersten Jonathan Galindo-Beiträge nicht erst in diesem Jahr aufgetaucht seien: „Zum ersten Mal tauchte Galindo 2017 auf Facebook auf.“ Doch erst 2020 hätten Trittbrettfahrer mit der Figur Angst und Schrecken im Internet verbreitet. Der Trend hatte sich verselbstständigt. Daher veröffentlichte Canini einen Beitrag beim Kurznachrichtendienst Twitter, um „nicht mit dem Galindo-Unsinn in Verbindung gebracht zu werden.“

Regelmäßig reagieren auch Trittbrettfahrer bei Youtube auf das Geschäft mit der Angst und laden Videos hoch, in denen sie angeblich mit Momo oder, wie aktuell, mit Jonathan Galindo telefonieren und Nachrichten schreiben. Die Beiträge generieren Klicks – die Währung unter Influencern, die sich als Person vermarkten. Wenn Zuschauer die Videos anschauen, wird oft auch Werbung angezeigt oder der Influencer kooperiert mit einem Unternehmen. Je mehr Klicks er bekommt, desto lauter klingelt letztlich die Kasse. Denn erfolgreiche Influencer werden besser bezahlt, als diejenigen, die nur wenige Klicks vorweisen können.

Solche Videos schürten am Ende noch mehr Angst bei den Zuschauern, erklärt Mimikama. „Durch die große Bekanntheit werden Personen dazu motiviert, zum Beispiel gefälschte Profile anzulegen und andere Leute zu kontaktieren, um sie zu erschrecken“, erklären die Jugendschützer der Initiative Klicksafe.de. Wer ein Profil einer Gruselfigur entdeckt, solle es sofort an den Betreiber des Netzwerks melden.

„Der einzige wirkliche Schutz ist auch hier Aufklärung und Vermittlung von Medienkompetenz bei den Kindern“, schlussfolgert Cyberkriminologe Rüdiger. Er fordert, dass ab der ersten Klasse in der Schule verpflichtend Medienkompetenz vermittelt werden soll. Doch auch Eltern müssten sich damit beschäftigen, was im Internet vor sich geht und wo ihre Kinder surfen, um ihnen helfen zu können. Die Polizei Mecklenburg-Vorpommern rät, Nachrichten von Gruselfiguren sofort zu löschen und Kindern zu erklären, dass niemandem etwas passiere, wenn sie diesen Unsinn nicht weiterleiten. Die Jugendschützer von Klicksafe empfehlen darüber hinaus, immer mit Kindern zu sprechen, was sie im Internet machen und was sie beschäftigt. Wichtig sei es, Ängste ernst zu nehmen, nur dann würden Eltern auch über derartige Kettenbriefe informiert.

Die Videoplattform Tiktok hat bereits Konsequenzen gezogen und nach eigenen Angaben den Suchbegriff „Jonathan Galindo“ gesperrt, sodass Mitglieder des Netzwerks keine Beiträge mit dem Schlagwort finden. Zudem beobachteten die Moderatoren verstärkt Inhalte zu diesem Thema, um notfalls einzugreifen. So lösche derzeit die Plattform Benutzerkonten mit dem Namen der Gruselfigur. Auch die Netzwerke Twitter und Instagram sperren aktuell Profile, mit dem Namen und Inhalten der Gruselfigur.

Maskenbildner Canini erklärt, dass seine Fotos nicht urheberrechtlich geschützt sind. Daher wolle er keine rechtlichen Schritte einreichen, sagt der 45-Jährige: „Es gibt inzwischen so viele Scherzberichte, die die Bilder verwenden, dass es unmöglich wäre, einen Rechtsstreit anzustrengen.“