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Durch Online-Dating steigt die Zahl an Ghosting-Fällen an

Ghosting : Mit einem Wisch ist alles vorbei

Abschied ohne Anstand: Im Internetzeitalter enden Partnerschaften immer häufiger völlig kommentarlos.

() Gut zwei Wochen schwebt Anne im siebten Himmel. Einen Tag vor Weihnachten vergangenes Jahr lernt sie einen netten Typen, nennen wir ihn Mario, über die Dating-App Tinder kennen. Schnell tauschen sie Telefonnummern aus, telefonieren und schreiben sich jeden Tag. „Er war wie mein Ebenbild“, denkt die 30-Jährige aus Bonn an die Zeit zurück. Dann, nach gerade einmal zwei Treffen, verschwindet Mario plötzlich. Ihre Whatsapp-Nachrichten bleiben ungelesen, die Sprachmails ungehört. Es ist, als sei er niemals dagewesen.

Der Absturz aus dem siebten Himmel war eine schmerzhafte Erfahrung. Und die ist alles andere als selten. Der Effekt der totalen Kontaktverweigerung ohne offensichtlichen Anlass und Begründung wird als Ghosting bezeichnet. Anrufe oder Nachrichten bleiben unbeantwortet, als hätte man es mit einem Gespenst zu tun.

Der Begriff „Ghosting“ kommt aus den USA. In Deutschland hat laut einer Umfrage des Partner-Vermittlungsportals „ElitePartner“ jede vierte Frau schon einmal so den Kontakt abgebrochen. Bei den Single-Frauen bis 29 Jahre sind es sogar 36 Prozent. Dagegen verschwindet nur knapp jeder fünfte Mann wortlos.

Das Phänomen gewinnt an Aufmerksamkeit. Der TV-Sender MTV etwa zeigt in einer Show Menschen, die einfach so aus dem Leben einer ihr nahestehenden Person verschwunden sind. Einige solcher Geschichten hat auch die Journalistin Tina Soliman in einem Buch zusammengetragen. Dafür hat sie mit Hunderten Menschen gesprochen. Nach Angaben der 54-Jährigen war unter den ­Millenials, die Generation derer, die zwischen den frühen 19080er und den späten 1990er Jahren geboren wurden, sogar jeder Zweite schon einmal „Ghosting“-Opfer.

Häufig „ghosten“ Menschen in der Anfangsphase einer Beziehung, wie die Autorin berichtet, und sie ergänzt: „Paradoxerweise gerade dann, wenn die Begegnung vielversprechend war.“ Das könne schnell überfordern, erklärt Soliman. Oftmals steckten hinter dem gespenstischen Verschwinden aber auch fehlende Lust, mangelnde Neugier oder Geduld oder einfach Feigheit.

Auch wenn es die klassische Funkstille bereits vor dem Internet-Zeitalter gab, hängt „Ghosting“ klar mit dem Online-Dating zusammen, wie Soliman sagt. „Was mit einem Wisch beginnt, endet auch mit einem Wisch“, stellt sie klar und meint: „Der Kontaktabbruch ohne Erklärung ist vom schambehafteten Unfall zur achselzuckend hingenommen Normalität geworden.“

Die Auswahl an potenziellen Partnern auf digitalen Kennenlern-Börsen sei so groß, dass sich viele nicht mehr die Mühe eines Abschieds machten. Betroffene fühlten sich tief verletzt und massiv verunsichert, betont die Autorin. Viele trauten sich nicht mehr in Partnerschaften.

Auch Anne ist misstrauisch geworden. Mehrfach hat die junge Frau noch versucht, ihren Dating-Partner zur Rede zu stellen. Ohne Erfolg. „Wir haben sogar über unsere Kinderwünsche gesprochen. So was sagt man ja nicht, wenn man es nicht ernst meint.“ Ständig habe sie sich gefragt: „Was habe ich falsch gemacht?“

Ein typischer Satz für die Leidtragenden, wie Elena-Katharina Sohn weiß. Die 40-Jährige hat vor zehn Jahren in Berlin „Die Liebeskümmerer“ gegründet, ein Online-Angebot für Liebeskummer-Geplagte. Die Kunden können sich per Mail, WhatsApp, Skype, am Telefon oder auch persönlich von einem der acht Therapeuten beraten lassen.

Anfragen wegen „Ghostings“ hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, berichtet Sohn. Besonders schlimm für die Betroffenen sei der Gedanke: „Ich bin es meinem Gegenüber nicht mal wert, vernünftig behandelt zu werden.“ Im Gespräch mit ihren Klienten betont die Psychologin immer wieder: „Ghosting sagt ausschließlich etwas über denjenigen, der es vollzieht und nicht über den, dem es widerfährt.“ Sohn ergänzt: „Ich rate meinen Kunden eher dazu, Bekanntschaften langsam anzugehen, als bereits nach zwei Wochen von der großen Liebe zu sprechen.“

Aber auch „Geister“ selbst melden sich bei Sohn und ihrem Team. Die meisten hätten ein schlechtes Gewissen, erzählt die Beziehungsexpertin. „Ich versuche dann, ihnen durch einen Perspektivwechsel klar zu machen, was sie anderen damit antun und rate auch dazu, sich zu entschuldigen, auch, um wieder mit sich selbst ins Reine zu kommen.“

(epd)