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Digitalisierung des Gesundheitswesens
Der lange Weg zum elektronischen Rezept

Patienten in Deutschland sind vom digitalen Fortschritt in der Gesundheitsversorgung abgekoppelt.
Patienten in Deutschland sind vom digitalen Fortschritt in der Gesundheitsversorgung abgekoppelt. FOTO: dpa / Patrick Pleul
Gütersloh . Deutschland hinkt bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens hinterher, zeigt eine Bertelsmann-Studie. Von Martin Trappen und epd

Elektronische Patientenakten können gefährliche Wechselwirkungen bei Medikamenten verhindern. Per Videochat können Ärzte ihren Patienten helfen, egal, wo sie sich gerade befinden. Gesundheits-Apps unterstützen chronisch Kranke. Doch von all diesem technologischen Fortschritt haben Patienten in Deutschland bislang wenig. Im Vergleich mit anderen Ländern hinkt die Bundesrepublik bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens weit hinterher.


Das ist das Ergebnis einer Studie, welche die Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben hat. Die Bonner Forschungsgesellschaft Empirica hat die Erhebung durchgeführt. Analysiert haben die Forscher laut eigener Aussage, wie aktiv die Gesundheitspolitik in 17 Ländern bei der Digitalisierung handelt: Welche Strategien gibt es, welche funktionieren? Welche technischen Voraussetzungen sind vorhanden und inwieweit werden neue Technologien tatsächlich genutzt?

Auf den ersten Rängen des Vergleichs landen Estland, Kanada, Dänemark, Israel und Spanien. Deutschland gehört zu den Schlusslichtern: Vor der Bundesrepublik haben sich Frankreich und die Schweiz platziert, hinter Deutschland liegt nur noch Polen. Die weiteren Teilnehmer der Studie waren England, Schweden, Portugal, die Niederlande, Österreich, Australien, Italien und Belgien.



Was kann die digitale Technik für das Gesundheitssystem tun? „In den erstplatzierten Ländern der Studie sind digitale Technologien bereits Alltag in Praxen und Kliniken“, sagt Projektleiter Timo Thranberend. So würden etwa Rezepte digital übermittelt und wichtige Gesundheitsdaten der Patienten in elektronischen Akten gespeichert – Ärzte und Kliniken könnten direkt darauf zugreifen.

„In Estland und Dänemark können alle Bürger die Ergebnisse ihrer Untersuchungen, Medikationspläne oder Impfdaten online einsehen“, ergänzt Thomas Kostera von der Bertelsmann-Stiftung. Ob Ärzte, Psychologen, Therapeuten oder Apotheker auf die Daten zugreifen können, entscheiden die Patienten selbst, sagt die Bertelsmann-Stiftung. In Israel und Kanada seien Ferndiagnosen und Fernbehandlungen per Video bereits selbstverständlich.

Lernen sollte Deutschland nach Ansicht von Kostera und Thranberend vor allem von Dänemark, Frankreich, Israel, den Niederlanden und der Schweiz. In diesen Ländern sei der digitale Wandel im Gesundheitswesen dank einer effektiven Strategie, politischer Führung und einer eigenen Institution für digitale Gesundheit gelungen.

„Dänemark hat ein Gesundheitsportal namens sundhed.dk, über das Patienten sich nicht nur über Krankheiten und deren Behandlung informieren können, sondern auch Zugriff auf ihre elektronische Patientenakte haben“, gibt Kostera ein Beispiel. In 15 der 17 analysierten Länder – in allen außer Deutschland und Spanien – gebe es ein nationales Kompetenzzentrum. Dessen Aufgabe sollte es sein, technische Standards und Datenformate für die elektronische Patientenakte zu definieren.

„Eigentlich hat Deutschland die ersten Schritte in Richtung Digitalisierung früh gemacht“, sagt Kostera. Bereits 2003 habe die Bundesregierung die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte beschlossen. Außerdem gebe es seit vielen Jahren erfolgreiche digitale Pilotprojekte auf regionaler Ebene – beispielsweise die Notfallversorgung von Schlaganfallpatienten oder die Fernüberwachung von Menschen mit Herzerkrankungen. Auch eine lebendige Start-up-Szene zeige, dass digitale Technologien kranken Menschen helfen könnten.

Die neuen technologischen Möglichkeiten seien allerdings nicht bundesweit und nicht für alle Patienten verfügbar. Im Alltag der Versorgung sei bislang wenig angekommen.

Die Bertelsmann-Stiftung mahnt jedoch auch, es sei noch nicht ausgemacht, dass die angedachten Entwicklungen etwa im Bereich der elektronischen Patientenakten zum Erfolg führten. „Der Blick in andere Länder hilft, Stolpersteine zu vermeiden“, sagt Kostera.